Aschaffenburger Fest "Brüderschaft der Völker": Streit um Ditib geht weiter

Aschaffenburg
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Das Ditib-Zelt auf dem Brüderschaftsfest.
Foto: ME
Der Aschaffenburger Verein Stern stellt den Umgang mit dem Aschaffenburger Ditib-Verein auf dem Fest Brüderschaft der Völker in Frage. Er wirft dem Stadtjugendring (SJR) als Ausrichter des Festes vor, man habe sich nicht kritisch zum Thema Ditib äußern dürfen.

Die Mitglieder des Stern-Projekts »Welcome to Stay« haben deshalb ihren Michael-Narloch-Preis zurückgegeben. Die Auszeichnung wurde auf dem Fest verliehen. Auch das Hilfsprojekt »Wir für Aschaffenburg«, das ehrenamtlich Geflüchtete unterstützt, hat beschlossen, auf den Preis zu verzichten, wie Michael Quast von der Initiative bestätigt. Ein ausführliches Statement werde folgen. Die Teilnahme des Aschaffenburger Ditib-Vereins am Fest hatte bereits im Vorfeld für Diskussionen gesorgt.

Narloch-Preis zurückgegeben

Stein des Anstoßes für die Rückgabe der Preise waren zwei Vorfälle auf dem Fest: Zum einen, so Stern-Vorsitzender Jörg Schick, habe sich der Stadtjugendring daran gestört, dass er und seine Mitstreiter Flyer verteilt haben, in denen man sich unter anderem gegen die Teilnahme von Ditib auf dem Fest ausgesprochen hatte. Zum anderen seien, so Carolin Ulrich von »Welcome to Stay«, Mitglieder dieses Stern-Projekts daran gehindert worden, Ditib in Frage zu stellen - obwohl die kritische Sicht auf den Moscheeverein »ein Bestandteil, wenn auch ein kleiner« ihrer Arbeit sei, wie es in der offiziellen Begründung zur Ablehnung des Preises heißt.

Diskussion aufrecht erhalten

Dabei habe man, so Jörg Schick, mit den Flugblättern vor allem die kritische Gegenseite sichtbar machen und die Diskussion um Ditib aufrecht erhalten wollen. »Wir haben nichts anderes getan, als unsere Meinung kund zu tun.« Laut Schick habe man die Flyer bewusst auf dem Parkplatz und vor dem Eingang des Geländes verteilt, um niemanden zu provozieren. Uli Kratz, Geschäftsführer des Stadtjugendrings, will die Gruppe jedoch in der Nähe des Kreisjugendring-Standes angetroffen haben. Laut Schick seien nur einige Flyer auf dem Gelände selbst in Umlauf gekommen, als die Verteiler vom Parkplatz zum Eingang wechseln wollten.

Für Uli Kratz waren die Flyer durchaus eine Provokation. Der Inhalt sei völlig unsachlich: Ditib werde darin unter anderem als »menschenfeindliche Organisation« bezeichnet, zudem habe das Papier wörtlich »Ihr habt auf dem Fest nichts verloren« gefordert. Außerdem würden darin die Stellungnahmen des Moscheevereins zu den Vorwürfen, es habe auch in Aschaffenburg Gebete für den türkischen Kriegseinsatz in Nordsyrien gegeben, als »taktische Lügen« bezeichnet. Das sei diffamierend, so Kratz. Man habe die Stern-Mitglieder darauf hingewiesen, dass die Verteilung eines Flyers mit derartigem Inhalt nicht im Sinne des Festes sei.

Direkt darauf angesprochen, die Anliegen doch mit Ditib-Vorsitzendem Orhan Akdemir zu besprechen, habe ein Stern-Mitglied mit »Verpisst euch, mit Rechten rede ich nicht« reagiert, sagt Kratz. Damit die Situation nicht weiter eskaliere, habe man die Gruppe vom Stern schließlich gebeten, das Festgelände zu verlassen. Die Flyer seien dann vor dem Eingang weiter verteilt worden.

Auf den Flyer eingehen und sich kritisch zu Ditib äußern wollten auch die Mitglieder des Stern-Projekts »Welcome to Stay« bei der Verleihung des Narloch-Preises im »Zukunftszelt« auf dem Fest. Die SJR-Vorsitzende Elisa Narloch hat die Gruppe jedoch darauf hingewiesen, dies entspreche nicht dem Selbstverständnis des Festes.

»Unzumutbare Statements«

An diesem Selbstverständnis stört sich Carolin Ulrich: »Darin heißt es, es sollen auch kontroverse Diskussionen geführt werden. Davon war im ›Zukunftszelt‹ nichts zu merken.« Die Reaktion des Stadtjugendrings sei für sie »völlig unverständlich.« Deshalb habe man den Preis zurückgegeben. Den Vorwurf, man habe jemandem quasi einen Maulkorb verpasst, weist Elisa Narloch zurück. »Es ist unzumutbar, Statements aus dem Flyer auf einer Preisverleihung vorzutragen, in der Gruppen für ihren Einsatz für Menschen gewürdigt werden, die in Aschaffenburg ihr neues Zuhause gefunden haben«, so Narloch. »Wenn die Preisträgerinnen in ihrem Vortrag sagen, sie unterstützen die Forderungen des Sterns, Ditib vom Fest auszuschließen, finde ich es angemessen, darauf hinzuweisen, dass wir das in diesem Rahmen nicht möchten.«

Weiter betont die Vorsitzende, kontroverse Diskussionen würden miteinander geführt, nicht übereinander. Von dem Vorschlag, sich mit Ditib-Mitgliedern zusammenzusetzen, halten Jörg Schick und Carolin Ulrich nicht viel. Für Schick sind die Ditib-Leute »keine demokratischen Gesprächspartner«. Ulrich ergänzt, es habe schon viele runde Tische gegeben. »Aber zum Thema Ditib lässt sich vielleicht einfach kein Konsens finden.«

Sowohl Jörg Schick als auch Carolin Ulrich sind jedoch bereit, mit dem Stadtjugendring über die Geschehnisse zu sprechen. Das kommt auch dem Stadtjugendring entgegen. »Wir halten ein direktes Gespräch mit allen Beteiligten für zielführender als eine öffentlich geführte Debatte«, so Uli Kratz.

MIRIAM SCHNURR
 

Hintergrund: Bedrohung während Flugblatt-Aktion?

Der Aschaffenburger Ditib-Vorsitzende Orhan Akdemir weist die Vorwürfe des Stern-Vorsitzenden Jörg Schick zurück, wonach mehrere Männer von Ditib Mitglieder des Sterns bei der Ausgabe der Flyer vor dem Festgelände bedroht hätten. Die Männer hätten, so Schick, unter anderem versucht, die Blätter aus der Hand zu reißen und seien die Stern-Mitglieder »im aggressiven Tonfall« angegangen, nachdem sie sie zunächst fotografiert hatten. Erst als Schick mit einer Anzeige gedroht habe, hätten die Männer sich zurückgezogen.
 
Eine Bedrohung oder Einschüchterung habe es »definitiv nicht« gegeben, sagt Akdemir. Die Ditib-Männer hätten ihm vielmehr berichtet, beleidigt worden zu sein, seien aber ruhig geblieben, auch wenn sie sich über den Inhalt der Flyer geärgert hätten. »Wir haben uns schließlich viel Mühe für das Fest gemacht«, so Akdemir. Der Vorsitzende betont, er sei immer bereit zu reden und akzeptiere auch Kritik. »Das Fest ist eine Plattform für den Dialog.« Doch das Angebot zu reden sei bislang von den Stern-Leuten ausgeschlagen worden. Aber nur so könne man sich eine vollständige Meinung bilden und Kritik üben, findet Akdemir.
 
Der Ditib-Vorsitzende betont im Gespräch mit unserem Medienhaus zudem erneut, dass Ditib Aschaffenburg nichts mit dem bundesweiten Dachverband zu tun habe. Parkplatzhelfer Marko Merkel will unterdessen während der Flyer-Aktion folgende Szenen erlebt haben: Am Eingang habe er beobachtet, wie die Flugblätter den Besuchern »regelrecht aufgedrängt« worden seien. Später habe er gesehen, wie die Flyer-Verteiler »heftig mit einem Ditib-Mitglied diskutierten.«
 
Der Ditib-Mann habe den Stern-Leuten mit einer Anzeige gedroht, dann sei er von einem Freund zurück aufs Fest begleitet worden. »Die Mitglieder von Ditib waren nicht auf Ärger aus«, so Merkels Einschätzung. (mir)
 

Zwischenruf: Miteinander reden, nicht übereinander

Miteinander reden, nicht übereinander, wie die Stadtjugendring-Vorsitzende Elisa Narloch sagt: Das bringt das Problem rund um die Diskussion, ob Ditib Aschaffenburg auf dem Brüderschaftsfest dabei sein soll, auf den Punkt. Natürlich darf jeder seine eigene Meinung haben und Kritik üben. Doch bleibt diese einseitig, wenn man nicht mit den Leuten redet, deren Ansichten man nicht teilt. Man braucht ja nicht gleich Freundschaft zu schließen. Aber durch das Verfassen von Statements, dem Verteilen von Flyern oder der Rückgabe von Preisen lösen sich keine Probleme und werden keine Vorurteile abgebaut, weil die Kommunikation nur in eine Richtung läuft. Es ändert sich nichts. Bei allen unterschiedlichen Meinungen lässt sich doch vielleicht der Wunsch nach einem friedlichen Miteinander als gemeinsamen Nenner finden, für den es sich zu öffnen lohnt. Das ist auch im Sinne des Brüderschaftsfests, auf dem letztlich alle gern feiern. (mir)
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