Aschaffenburg Streifzüge: Hochburg der Langeweile

Glosse: Alexander Bruchlos über den Trend zu "Oddly Satisfying"

Aschaffenburg
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Die Mensch­heit ist im Wan­del. Lan­ge ha­ben wir ge­dacht, un­se­re Spe­zi­es will in ih­rem Le­ben mög­lichst rund um die Uhr be­spaßt wer­den. Fil­me von 90 Mi­nu­ten Ki­no­län­ge wur­den auf end­lo­se, viel­staf­fe­li­ge Se­ri­en­for­ma­te ge­trimmt.

Sport-, Kultur- und sonstige Veranstaltungen nahmen jahrzehntelang in einem Maße zu, dass die Freizeit ohne Künstliche Intelligenz kaum noch organisiert werden konnte. Der Info-Dauerbeschuss aus TV, Radio und Internet, Social Media und Apps sollten mit Hilfe unserer Smartphones jede freie Sekunde mit vermeintlich Wichtigem füllen. Ständig Action! Bloß keine Pause einlegen, lautete bisher die Devise.

Und jetzt der Schock: Der Mensch sehnt sich nach nichts mehr als nach Langeweile, so unsere starke Vermutung nach der Lektüre eines Zeitungs-Berichts über den Megaerfolg von Oddly-Satisfying-Videos im Internet. »Seltsam befriedigend« - so die gängige Übersetzung des Begriffs - sind kleine Filme, in denen nichts oder möglichst wenig passiert und die millionenfach angeklickt werden. Die überraschungs- und plotfreien Clips, die etwa das Eintauchen von Löffeln in farbigen Sand oder rollende Murmeln zeigen, scheinen ein tiefes menschliches Bedürfnis zu befriedigen.

Wir Aschaffenburger haben es ja immer schon geahnt - zumal das Herunterfahren des täglichen Tempos bei uns Tradition hat: Schließlich war das Kapuzinerkloster, in dem die Konzentration auf Wesentliches hoch im Kurs stand, 384 Jahre lang einVorbild der Slow-Down-Kultur in unserer Stadt. Kapuziner-Pater Bernhard verdanken wir der Legende nach die Erkenntnis, dass unser Wahrzeichen, das Schloss, zwar Räder hat, aber natürlich nicht fortbewegt werden kann. Ähnlich verhielt es sich mit den Exponaten im ehemaligen Automuseum. Die standen vor allem geparkt herum: Oddly satisfying.

Lange hat Aschaffenburg versucht, in Sachen Kultur einen Zahn zuzulegen: Konzerte, Nachtleben, Kino, Event-Gastronomie und Ausstellungshäuser sollten ein pulsierendes Leben in der Stadt vorgaukeln. Ein vergebliches Anschwimmen gegen den Zeitgeist.

Die Stadt hat längst erkannt, dass es höchste Zeit ist, die Event-Kultur herunterzuschrau?ben. Damit sich die Bürger der Stadt kulturell nicht verzetteln, hat man den Termin des Schad-Museums seit Jahren immer wieder verschoben. Gut, dass zeitgleich auch weite Teile des Schlossmuseums geschlossen blieben. Auch auffällig viele Ga?lerien und das Festival One Race Human haben 2019 das Handtuch geworfen. Und sogar das Techno-Event Unten am Fluss konnten wir einmal verhindern.

Nur nicht kleckern

Langweilig sei unser Nachtleben, wurde da von chronischen Party-Nerds geunkt, die Stadt zu Tode beruhigt. Na und? Wer Oddly-Satisfying-Hochburg werden will, darf in puncto Langeweile nicht kleckern, sondern muss klotzen.

Höchste Zeit, dass sich unsere Stadt mit einschlägigen Videos auch online ins Spiel bringt: So könnten wir mit Kamera-Drohnen das Wachsen der neu gepflanzten Pappeln an der Schönbuschallee verfolgen. Oddly-Satisfying-tauglich wären auch Filme vom Feierabendverkehr in der Großostheimer Straße oder von den Staus auf der A 3. Auch die verstopften Ausfahrten der Parkhäuser an Theaterplatz und Stadthalle nach Veranstaltungen, die Besucherschlangen am Einlass des Nilkheimer Parkfests Kommz am Eröffnungstag oder eine Kamerafahrt über die Wanzensammlung im Naturwissenschaftlichen Museum dürften die Oddly-Satisfying-Charts sehr bald anführen.

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