Freitag, 16.11.2018

Wir im Wandel: »Was gestern gelernt wurde, ist morgen vielleicht veraltet«

Alter Hase und Nachwuchskraft im Interview – Wie sich die Berufswelt verändert

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Aschaffenburg Samstag, 30.06.2018 - 16:01 Uhr

In Betrieben und Verwaltungen arbeiten Generationen nebeneinander - und wenn es gut läuft, auch miteinander. Zum Abschluss unserer Serie »Wir im Wandel« haben wir einen älteren und einen jüngeren Kollegen miteinander ins Gespräch gebracht. Olaf Hau (58) und Moritz Kemmerer (24) arbeiten beim Aschaffenburger Autohaus Kunzmann und damit in einer Branche, in der Bewegung Programm ist.

Herr Hau, glauben Sie, dass die Generation von Herrn Kemmerer es leichter hat als Sie?

Olaf Hau: Ich glaube, eher schwieriger. Wenn ich an die ersten 10, 15 Jahre meines Berufslebens denke: Da gab es wenige Veränderungen. Beobachte ich aber den schnellen Wandel der letzten Jahre, dann glaube ich, dass Mitarbeiter heute mehr gefordert werden.

Was meinen Sie, Herr Kemmerer: Hatte Herr Hau es früher leichter oder schwerer?

Moritz Kemmerer: Meine Antwort ist gespalten. Da die Information heutzutage viel leichter abzurufen ist, haben wir es in gewissen Bereichen leichter. Wenn ich an die Schulbildung denke: Früher war es schwierig, Mathematik nachzulernen. Heute geht man zu YouTube, gibt das Wort »Mathematik« ein, kann sich tausende Videos anschauen und versteht die Sache dann viel leichter. Oder früher musste man Begriffe in dicken Brockhaus-Bänden nachschlagen, heute gibt man das Wort in Google ein und bekommt sofort die Erklärung.
Das ist leichter geworden - aber die Anforderungen im Beruf sind heute schwieriger. Früher hat man eine Ausbildung oder ein Studium absolviert, dann war man 40 Jahre lang im selben Beruf. Heute ist dauernde Weiterbildung nötig. Was man gestern gelernt hat, ist morgen vielleicht schon veraltet.

Herr Hau, auch Ihnen könnte noch der Satz des früheren Arbeitsministers Norbert Blüm im Ohr klingen: »Die Rente ist sicher.« Hatten Sie jemals Angst um Ihre Altersversorgung?

Hau: Durch die jährlichen Mitteilungen der Rentenversicherung hatte ich immer gedacht: Ich bin da relativ gut aufgestellt. Als ich mich aber vor einem Jahr bei der Rentenberatung schlau gemacht habe, habe ich gemerkt, dass die schriftlichen Mitteilungen den Tatsachen gar nicht entsprechen: Nur 20 Prozent der Rente sind steuerfrei, dann muss ich den Beitrag für die private Krankenversicherung selbst zahlen. Wenn ich alles zusammenrechne, bleiben 1200 bis 1300 Euro übrig. Ob das so reicht zum Leben... Ohne private Vorsorge wäre dies schwierig.

Und Sie, Herr Kemmerer - denken Sie mit 24 schon an den Ruhestand? Besorgt es Sie, dass das Rentensystem einige Risiken mit sich führt?

Kemmerer: An die Rente denke ich noch nicht direkt, aber ich stecke monatlich einen gewissen Betrag in Fonds, kaufe dividendenorientierte Aktien und lege etwas Geld auf einem Tagesgeldkonto zurück. Ich glaube allerdings, dass ich länger arbeiten werde als jetzt vorausgesagt.

Also statt Rente mit 67 die Rente mit 70 oder noch später?

Kemmerer: Ja, ich habe damit kein Problem. Wenn man dann noch fit im Kopf ist, warum soll man da nicht weiterarbeiten?

Wir werden ja auch immer älter.

Kemmerer: Man könnte dann die Arbeitszeit reduzieren, zum Beispiel drei Tage in der Woche arbeiten. Durchs Arbeiten bleibt man ja auch jung.

Sie beide arbeiten in der sehr dynamischen Autobranche. Derzeit dreht sich die Debatte beispielsweise um Elektroautos, autonomes Fahren, um Umweltschutzauflagen und Diesel-Abgase. Herr Kemmerer, sehen Sie als 24-Jähriger dies als sportliche Herausforderung oder haben Sie Bammel, dass die Entwicklung Sie mal aus der Kurve tragen könnte?

Kemmerer: Ganz klar - das ist eine sportliche Herausforderung. Wir bereiten uns im Autohaus entsprechend vor: Wir haben agile Projektgruppen und eine eigene Digital Unit mit Leuten verschiedener Fachbereiche. Wir gehen die Entwicklungen an - und müssen das auch tun, um mit der Konkurrenz mitzuhalten.

Herr Hau, ging Fahrzeugverkauf früher von selbst?

Hau: Man hat Höhen und Tiefen mitgemacht. Speziell der Nutzfahrzeugverkauf ist extrem konjunkturabhängig. In den Krisenjahren 2008/09 gingen die Stückzahlen plötzlich enorm zurück. Da es in den letzten letzten drei, vier Jahren in allen Branchen gut läuft, profitiert auch der Nutzfahrzeugverkauf davon.

An Sie beide: Wie wichtig sind Ihnen Karriereplanung und Entwicklungschancen in einem Unternehmen?
Haben Sie eine Art Lebensplanung oder warten Sie ab, was auf Sie zukommt?


Hau: Ich hatte nicht aktiv auf meine heutige Position hingearbeitet. Als kaufmännischer Mitarbeiter hatte ich erst den Zubehörshop hier in Aschaffenburg aufgebaut, dann wurden Nachwuchsverkäufer gesucht. Es war ein reiner Zufall, dass ich in die Nutzfahrzeug- und nicht in die Pkw-Branche geriet.
Kemmerer: Mir sind Entwicklungschancen in einem Unternehmen sehr wichtig. Wir haben bei Kunzmann im Online-Bereich und in den Projektteams sehr flache Hierarchien. Zu den Teams gehören sowohl Geschäftsleitungsmitglieder wie auch Leute kurz nach der Ausbildung. Jedes Wort ist gleich gewichtet. Darüber wird dann diskutiert. Ich finde es sehr positiv, dass die Jüngeren einbezogen werden.

Das bedeutet auch eine Profilierungschance.

Kemmerer: Ja. Und es bringt eine persönliche Weiterentwicklung.

Herr Kemmerer, setzen Sie sich ein berufliches Ziel?

Kemmerer: Ich bin aktuell im Projektmanagement sehr zufrieden. Angefangen hatte ich als Veranstaltungskaufmann...

Bei einem Autohaus wird sogar ein Veranstaltungskaufmann ausgebildet? Für Firmen-Events?

Kemmerer: Ja richtig. Ich hatte zuvor im Kunzmann-Marketing ein Praktikum gemacht, das mir sehr gefallen hat. Während der Ausbildung habe ich dann gemerkt: Online-Marketing wird immer wichtiger. Ich habe daraufhin neben meiner Arbeit im Kunzmann-Onlineshop in Frankfurt Online-Marketing studiert.2017 habe ich eine Online-Weiterbildung bei Google gemacht, da geht es um Leadership und Digital Marketing. Das war eine hochinteressante Erfahrung, da der Kurs komplett online ablief. Man saß vor dem PC und hat sich per Online-Chat und Skype mit Mitgliedern aus ganz Deutschland und mit den Dozenten unterhalten. Das war eine interessante Erfahrung: Dorthin könnte der Weg führen! Derzeit studiere ich neben dem Beruf in München Management und Marketing.

Auch Mobilität wird heute von Berufstätigen erwartet. Herr Hau, wären Sie für einen tollen Job nach Hamburg gezogen?

Hau: Bis zu einem gewissen Alter mit Sicherheit. Mit 45, 50 war der Gedanke dann nicht mehr da. Kemmerer: Für ein passendes Angebot wäre ich bereit umzuziehen.

Die jüngere Generation, so ist zu lesen, legt mehr Wert auf eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Also: Lieber keine Überstunden als mehr Geld zu verdienen und aufzusteigen?

Kemmerer: Ich versuche, eine Balance zu finden - was aber schwierig ist bei einem nebenberuflichen Studium. Alle vier bis sechs Wochen fahre ich deswegen von Donnerstag bis Sonntag nach München. Ich gehe viermal die Woche ins Fitnessstudio und versuche, abends Freunde zu treffen. Bei der Arbeit sind wir flexibel: In Projektzeiten fallen mehr Überstunden an, in ruhigeren Zeiten kann man auch mal ein paar Stunden früher gehen.

Herr Hau, was stand in Ihrem Berufsleben im Vordergrund - Arbeit oder Familie?

Hau: Man sollte beides hinbekommen. Im Grunde arbeitet man, um zu leben. Ich glaube, früher hat man weniger Stunden im Geschäft verbracht. Durch verschiedene Umstellungen ist der Anspannungsgrad nicht geringer geworden.

An Sie beide: Was tun die Kollegen Ihrer Altersgruppe mit dem verdienten Geld in erster Linie? Familie? Hausbau? Urlaub?

Kemmerer: Ich gebe verhältnismäßig sehr viel Geld für mein Auto aus, weil Autos meine große Leidenschaft sind. Sonst wäre ich nicht im Autohaus. Ich bin schon in jungen Jahren mit Autos in Verbindung gekommen. Meine Großeltern hatten eine Autowerkstatt. Sonst will ich gut leben, schön essen, Urlaube...
Hau: Ich habe ein Haus gebaut, in die Ausbildung meiner beiden inzwischen erwachsenen Töchter investiert. Dann habe ich Geld in die Altersversorgung gesteckt. Dazu kommen Urlaube und alles, was das Leben schön macht.

Geben Sie zum Schluss Ihrem Kollegen einen Rat auf den Weg!

Hau an Kemmerer: Für mich waren immer Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden das Wichtigste. Man muss dies mit vollem Herzen zeigen, denn man lebt nur von seiner Kundschaft. Dann ist man über Jahre erfolgreich.
Kemmerer an Hau: Bleiben Sie gesund! Ältere Kollegen sollten zudem darauf achten, das Interesse an Technologie wachzuhalten und nicht den Anschluss zu verlieren. Aber Herr Hau macht einen fitten Eindruck auf mich und ist im digitalen Bereich wohl ganz gut dabei.

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