75 Jahre, 75 Orte: Als die Eichenberger um ihr Wasser kämpften

Das Lebensmittel Nummer eins ist in Zeiten des Klimawandels wichtiger denn je – Nicht nur im Sailaufer Ortsteil – Mit Wünschelrutengänger zum Erfolg

Sailauf
4 Min.

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Mehr zum Thema: 75 Jahre Main-Echo
Trinkwasser gilt als Lebensmittel Nummer eins: Seit Jahrzehnten haben die Eichenberger ihr eigenes, gutes Wasser. Der Weg dahin war allerdings nicht einfach.
Foto: pixabay
In den 90er Jahren baute die Gemeinde einen neuen Hochbehälter im Osten Eichenbergs unweit des Tiefsammelbehälters. Hierher wird das Wasser aus den drei Quellen und den drei Tiefbrunnen gepumpt, gespeichert und aufbereitet.
Foto: Nina-Anna Beckmann
Insgesamt 150 Kubikmeter Wasser fassen die beiden Tanks im Hochbehälter, der im Osten Eichenbergs im Wald steht.
Foto: Manfred Wenzel
Wenn es dar­um geht, die gu­te Qua­li­tät des Ei­chen­ber­ger Trink­was­sers zu be­wei­sen, holt Man­f­red Wen­zel ger­ne mal den al­ten Tee­kes­sel sei­ner Mut­ter her­bei. »Der stand 20 Jah­re bei ihr auf dem Herd, nicht ein­mal hat sie ihn ent­kalkt und se­hen Sie, was Sie se­hen? Rich­tig: nichts!« Auch bei Spül- oder Wa­sch­ma­schi­nen gä­be es in Ei­chen­berg kein Kalk­pro­b­lem, beim Hän­de­wa­schen rei­che ei­ne klei­ne Men­ge Sei­fe. Und was man erst bei der Hei­zungs­an­la­ge an Geld spa­re.

Manfred Wenzel muss es wissen, nicht nur, weil er in Eichenberg lebt, sondern weil er sich intensiv mit dem Thema Wasser auseinandergesetzt hat. Jahrelang. Gezwungenermaßen. Wie viele andere Eichenberger auch. Anfang der 80er-Jahre war das, als der Sailaufer Ortsteil laut Gemeinderatsbeschluss an die Fernwasserversorgung der Spessartgruppe angeschlossen werden sollte.

Schmeckt samtweich

Grund war das geplante Neubaugebiet Bergwiese, das 175 Einwohner bringen sollte. Dann reiche das Wasser nicht mehr, befand das Wasserwirtschaftsamt. Also ab zur Spessartgruppe. Aber nicht mit den Eichenbergern!

Von der Waldgartenbornquelle, die auf einem eingezäunten Grundstück mitten im Wald liegt, wird das Trinkwasser unterirdisch über 300 Meter zum Hochbehälter gepumpt.
Foto: Nina-Anna Beckmann

»Unser Wasser kommt aus dem Wald, da gibt es kein Nitratproblem, weil keine landwirtschaftlich genutzten Felder in der Nähe sind«, erklärt Wenzel und stellt zum Beweis ein Glas Leitungswasser hin. »Probieren Sie mal, samtweich!«

Kein Wunder, dass Wenzel und der damalige Zweite Bürgermeister Herbert Schmitt viele Mitstreiter fanden, eigentlich fast alle der 720 Eichenberger. »Damals ging ein Ruck durch den Ort, alle wollten ihr Wasser behalten.«

Wenzel erinnert sich an einen erzürnten Landwirt, der auf einer Bürgerversammlung seinem Unmut Luft machte: »Wenn ich meinen Kühen das Wasser von denen aus dem Spessart hinstelle, treten sie mir den Eimer um!« Es wurde eine Interessengemeinschaft (IG) gegründet, der sich 90 Prozent aller Haushalte anschlossen, wie damals im Main-Echo zu lesen stand.

Der damalige zweite Bürgermeister Sailaufs, Herbert Schmitt, war maßgeblich daran beteiligt, dass Eichenbergs Wasserversorgung eigenständig bleiben konnte. Deswegen steht vor dem einen der drei Eichenberger Tiefbrunnen ein Gedenkstein, der daran erinnert.
Foto: Nina-Anna Beckmann

Auch ein Konto wurde eröffnet, auf das jeder Eichenberger Haushalt 100 Mark einzahlen sollte. »60 000 Mark kamen damals zusammen, für uns war das ein klares Signal«, sagt Wenzel. Sogar mitgraben wollten sie, die unbeugsamen Eichenberger, wenn die Arbeiten nicht mit Maschinen ausgeführt werden konnten. Das hatten sie schließlich in den 50er-Jahren schon getan, als der Ort seine erste eigene Wasserleitung bekam.

Aber Signal hin, Grabewille her - irgendwie mussten die Eichenberger an Wasser kommen. Denn das, was die mitten im Wald gelegenen drei Quellen an Trinkwasser lieferten, reichte nicht aus.

Zwei Bohrungen für 100 000 Mark

Ein Hydrogeologe aus Wiesbaden kam. Zwei Bohrungen am Waldrand oberhalb der Eichbachgasse brachten zwar Wasser zu Tage, aber bei Weitem nicht genug. 0,5 Liter pro Sekunde lieferten sie an Schüttung. Mindestens 2,7 Liter sollten es laut Wasserwirtschaftsamt sein.

Nördlich des "Rentnerwegs" in Höhe der Eichbachgasse liegen unter den grünen Abdeckungen zwei Brunnen.
Foto: Nina-Anna Beckmann

Ein teures Unterfangen war die Wassersuche zudem. »Über 100 000 Mark seien bei den beiden Bohrungen ins Gestein gesetzt worden«, schrieb das Main-Echo 1985.

Währenddessen wurde an mehreren Fronten gekämpft: auf Gemeinderatssitzungen und Versammlungen, mit Gutachten und Vorwürfen und nicht immer sachlich, wie sich Bauamtsleiter Thomas Schmitt erinnert.

Wasser gefunden

Schließlich holte die IG einen Wünschelrutengänger. »Für mich war das Nonsens«, sagt Manfred Wenzel. Doch er musste sich eines Besseren belehren lassen.

Der Mann mit der Wünschelrute erkor ein Wiesengrundstück oberhalb des »Rentnerwegs« am Waldrand aus, das auch schon der Hydrogeologe in Erwägung gezogen hatte: »Hier müsst ihr bohren!« sagte er und hatte Recht.

Der Hydrogeologe hatte diese Stelle in seine Auswahl einbezogen, der Wünschelrutengänger brachte Gewissheit: Die Bohrung oberhalb des "Rentnerwegs" hatte den gewünschten Erfolg. Bis heute liefert der Tiefbrunnen (grüne Abdeckung im Hintergrund) 40 Prozent des Eichenberger Trinkwassers. Manfred Wenzel zeigt den Gedenkstein, der an den 2. Bürgermeister Sailaufs, Herbert Schmitt, erinnert.
Foto: Nina-Anna Beckmann

Gut 1,7 Liter Wasser pro Sekunde wurden gefunden, zusammen mit den anderen beiden Bohrungen kam man auf die geforderten 2,7 Liter. Der Kampf ums Wasser war gewonnen. »Heute sind wir sehr froh, dass wir unser eigenes Wasser haben«, sagt Wenzel.

Denn der Klimawandel und die trockenen Sommer wirken sich auch auf die Wasserversorgung der Region aus. Quellschüttungen drohen zu versiegen, Wassersparmaßnahmen wurden schon in mehreren Rathäusern diskutiert. Die Aufnahme neuer Gemeinden hat beispielsweise der Zweckverband zur Wasserversorgung der Aschafftalgemeinden abgelehnt. Argument: Das Wasser reicht nicht.

Auch das geplante neun Hektar große Gewerbegebiet Weyberhöfe II in Sailauf sah die Nachbargemeinde Laufach mit Blick auf die Wasserversorgung kritisch. Nun wird eine neue Wasserleitung gebaut, an deren Kosten sich Sailauf prozentual beteiligen will.

»Versorgung gesichert«

Nach wie vor ist die Wasserversorgung in Eichenberg gesichert, wie Thomas Schmitt auf der jüngsten Gemeinderatssitzung sagte. Wenngleich zwei Pumpen defekt sind und ausgetauscht werden müssen. Auch eine Ultrafiltrationsanlage müsse eingebaut werden. Aber die Situation sei nicht dramatisch.

Das Eichenberger Trinkwasser, das in diesem blauen Turm, der Wasseraufbereitungsanlage, aufbereitet wird, hat sowohl einen geringen Nitratwert wie einen geringen Härtegrad und eignet sich zur Herstellung von Babynahrung.
Foto: Nina-Anna Beckmann

Die Qualität des Wassers ist nach wie vor »ausgezeichnet«, wie sowohl Manfred Wenzel, als auch Chemiker Fred Maier sagen, der damals für die CSU im Gemeinderat saß. Vor allem den niedrigen Nitratwert und den geringen Härtegrad heben beide hervor.

Dennoch: Preiswert war die Eigenständigkeit nicht. »3,3 Millionen Mark - abzüglich 1,7 Millionen Mark Fördergelder – hat die Gemeinde in den 90ern für die Sanierung der Quellen, für den Bau der drei Tiefbrunnen und alles andere ausgegeben«, hat Schmitt recherchiert. Mit Blick auf die nun erneut anstehenden Kosten sagt er: »Die Entscheidung damals war eine politische, aber nicht unbedingt eine wirtschaftliche.«

Einbezahltes Geld erstattet

Für viele Eichenberger bleibt sie dennoch eine Erfolgsgeschichte. Nicht zuletzt, weil sie ihr eingezahltes Geld wieder zurückerhalten haben. Nur den Wünschelrutengänger hat die IG gezahlt, sagt Wenzel. »Aber das haben wir gerne getan.«

Hintergrund: Trinkwasser in der Region

Einige Gemeinden im Kreis Aschaffenburg haben ebenso wie der Sailaufer Ortsteil Eichenberg eine eigene Wasserversorgung, wie zum Beispiel Dammbach, Heigenbrücken, Rothenbuch und Sommerkahl.

Andere haben sich in Zweckverbänden zusammengeschlossen und werden per Fernwasser versorgt. Zum Zweckverband zur Wasserversorgung der Aschafftalgemeinden gehören Bessenbach, Goldbach, Heinrichsthal, Laufach, Sailauf und Waldaschaff.

Zum Zweckverband Fernwasserversorgung Spessartgruppe gehören die Stadt Alzenau, der Markt Mömbris (außer den Ortsteilen Niedersteinbach, Königshofen und Molkenberg), der Goldbacher Ortsteil Unterafferbach, die Hösbacher Ortsteile Feldkahl und Rottenberg, Blankenbach, Geiselbach, Johannesberg und Krombach.

Für die Stadt Aschaffenburg betreibt die Aschaffenburger Versorgungs-GmbH (AVG) ein eigenes Wasserwerk im Stadtteil Nilkheim. Wobei die AVG auch Gemeinden in den Kreisen Aschaffenburg und Miltenberg mitversorgt.

Zahlen und Fakten: Die Gemeinde Sailauf

Die Gemeinde Sailauf kann auf eine 930-jährige Geschichte zurück blicken und zählt damit laut Wikipedia zu den ältesten Ansiedlungen im Vorspessart. Rund 3800 Menschen leben hier, 3000 in Sailauf, 800 ein Eichenberg (Stand 1. Januar 2020).

Bereits 1789 wurde über Sailauf die spätbarocke St. Vitus-Kirche erbaut, die noch heute steht. Im Unterschied zur 1971 geweihten und nur wenige hundert Meter entfernten Auferstehungskirche, die 2009 aufgrund von Baumängeln abgerissen werden musste.

Im Sailaufer Steinbruch Fuchs an der Hartkoppe wird seit 2017 kein Gestein mehr abgebaut. Die Renaturierungsarbeiten sollen am 31. Dezember 2020 abgeschlossen sein. Was dann mit dem riesigen Krater geschieht, ist noch offen. Zwischenzeitlich war ein Tauchsee angedacht.

Im November 2019 haben die Gemeinden Sailauf und Laufach einen gemeinsamen Naturfriedhof eröffnet.

Bürgermeister Michael Dümig (SPD) ist seit dem 1. Mai 2008 im Amt und wurde bei den Kommunalwahlen im März 2020, bei denen er als einziger Kandidat antrat, mit rund 85 Prozent der Stimmen wiedergewählt.

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