Busreisen und Waffeleisen: Adler Mode räumt um

Eigentümer mixt neue Ideen und alte Rezepte

Aschaffenburg
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Mehr zum Thema: Haibacher Adler Modemärkte
Bus­rei­sen und Waf­fe­lei­sen, Pa­ket­sta­tio­nen und Sitz­e­cken samt Zeit­schrif­ten, die »Män­ner­park­platz« ge­nannt wer­den, neue Ge­sich­ter und Ko­ope­ra­tio­nen. Und klar, auch Mo­de, er­gänzt um Fremd­mar­ken: In den Ad­ler-Mo­de­märk­ten wird mäch­tig um­ge­s­tellt.

Manches fliegt raus, anderes kommt hinzu - auch in Haibach (Kreis Aschaffenburg). Dahinter steht vor allem ein Mann: Wolfram Simon-Schröter (41), Chef der Zeitfracht-Gruppe, die Adler im vergangenen Jahr aus der Insolvenz heraus gekauft hat. Es ist nicht der erste Wechsel in der Modemarkt-Kette. So umfassend wie jetzt waren die Änderungen aber wohl lange nicht mehr, und mit Simon-Schröter hat Adler einen Unternehmer an der Spitze, der dem Naturell des Gründers ziemlich nahe kommt.  Wolfgang Adler (1929 bis 1987) war ein Unternehmer wie aus dem Lehrbuch: Ideenreich, kreativ und findig - und am Ende millionenschwer. Letzteres ist Wolfram Simon-Schröter schon bei seinem Einstieg. Das liegt auch und vor allem an seiner Frau Jasmin Schröter, der Alleinerbin des Berliner Familienunternehmens Zeit- fracht. Das hat seine Wurzeln - wie Adler - im Osten Deutschlands.

Am Anfang von Zeitfracht steht Horst Walter Schröter (1927 bis 2013), dessen Vater einst einen Fuhrbetrieb hatte. 1951 wurde die Spedition enteignet, Schröter floh nach West-Berlin und expandierte - der Logistiker Zeitfracht war geboren. »Der Name steht für die Idee, den Transport an garantierte Zeitfenster zu binden«, heißt es auf der Internetseite des Konzerns. Dort ist auch das Jahr 1976 hervorgehoben. Damals gründeten Zeitfracht und weitere Spediteure wie Birkart (Aschaffenburg) den Paketdienst DPD, der noch heute seine Zentrale in Aschaffenburg-Nilkheim hat.

20 Millionen Euro für Adler?

Wolfram Simon-Schröter wurde 2015 Geschäftsführer bei Zeitfracht und war wegen DPD auch vor der Adler-Übernahme schon regelmäßig am Untermain. Ein Jahr später verkaufte Zeitfracht seinen DPD-Anteil an den neuen Mehrheitseigentümer, die französische Post. Mehr als 100 Millionen Euro soll das eingebracht haben, schreibt die Wirtschafts-Woche. Für einen Bruchteil davon, die Rede ist von 20 Millionen Euro, soll Zeitfracht vergangenes Jahr Adler gekauft haben. Zeitfracht macht selbst keine Angaben dazu. Blickt man auf eine andere Zahl, war der Kaufpreis ein Schnäppchen: Allein der Warenbestand wurde bei der Übernahme laut Manager-Magazin mit 37 Millionen Euro angegeben.

Zeitfracht-Chef Wolfram Simon-Schröter (41) zur Zukunft von Adler: »Wir sind gekommen, um zu bleiben.«
Foto: André Breitenbach

Die Modekette hatte Anfang 2021 vor dem Abgrund gestanden, Mitte des Jahres konnte dann das Insolvenzverfahren abgeschlossen werden. Adler startete neu, mit rund 500 Beschäftigten weniger und einem neuen Alleineigentümer, der Zeitfracht-Gruppe. Die bisherigen Aktionäre hatten das Nachsehen. »Zeitfracht führt mehr als 130 Filialen in Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz weiter fort, womit mehr als 2600 Arbeitsplätze gerettet werden«, so die Meldung Ende August 2021.

Seither gibt es gefühlt im Wochenrhythmus Pressemitteilungen. Eine der ersten betraf den Abgang des bisherigen Adler-Chefs: »Thomas Freude...hat sich dazu entschieden, das Unternehmen zu verlassen«, hieß es damals. Aber wenn Simon-Schröter über Freude spricht, wachsen Zweifel, wie freiwillig der Abgang von Thomas Freude war. Freundlich sei er gewesen, aber er habe keine echte Nähe zu den Beschäftigten aufgebaut, hört man aus der Belegschaft.
Nicht nur Investoren und Banker fragten im Sommer 2021, wie denn eine Modekette in das Sortiment von Zeitfracht passe. »Riskanter Höhenflug oder zielsichere Trüffeljagd?« fragt das Manager-Magazin. Wolfram Simon-Schröter, der den Aufsichtsrat bei Adler leitet, gibt sich da gelassen. Beim zweiten Blick wird der Einstieg plausibler: Vieles im »Allerleikonzern« (Manager-Magazin) Zeitfracht hat mit Handel und Online zu tun, und alles mit Logistik. Optimale Lieferketten, gute Lagerhaltung, schnelle Verfügbarkeit, das alles ist auch für die Modemärkte wichtig, und all das ist Kerngeschäft des Zeitfracht-Konzerns, der riesige Lager führt (so in Erfurt), über 1000 Lastwagen, acht Schiffe, eine Airline mit zehn Flugzeugen und sogar einen Flughafen besitzt (siehe Beitrag unten). Und fast jeder Bereich scheint mit jedem verwoben.

Würzburger Firma gekauft

Die 2021 in die Läden geholten DPD-Paketstationen sollen nicht nur weitere Kundschaft anziehen, sondern auch im Online-Geschäft helfen, wenn Ware aus dem Laden an den Kunden gesendet wird. Die kürzlich ebenso aus der Insolvenz aufgekaufte Lichtbasis GmbH bei Würzburg will man wiederum dafür nutzen, um Energie zu sparen, indem neue LED-Technik in den Märkten eingebaut wird. Wer Simon-Schröter zuhört, erlebt einen Unternehmer, der mal den kumpelhaften Gönner gibt, mal den risikofreudigen Visionär, der ein Schnäppchen nach dem anderen kauft. Man duzt sich. Und er will in der Tarifbindung zu bleiben. »Es funktioniert nur mit den Gewerkschaften«, ergänzt er und lobt deren Arbeit im Aufsichtsrat. Die der Beschäftigten ohnehin, die er ordentlich entlohnen will: »Wenn sie ihre Leute schlecht bezahlen, dann arbeiten sie auch schlecht - und umgekehrt«, sagt er. Allerdings mussten einige Adler-Leute in die gemeinsame Marketing-Agentur Coconad wechseln - »in eine schlechtere Lohngruppe«, lauten Klagen. Bei Zeitfracht heißt es dagegen: »Ganz im Gegenteil: Alle haben sich bei ihrem Lohn verbessert, einige sind in leitende Funktionen gewechselt.«

Als Adler noch selbst in Haibach produzierte: das Bekleidungswerk Ende 1977.
Foto: Foto Hesse, 1977/11/15

Ansonsten aber scheint die Stimmung in den Läden gut. Das dürfte nicht nur dem Umstand zu verdanken sein, dass man Insolvenz und Pandemie gut überstanden hat, sondern auch an der vielzitierten Adler-Familie, die sich vor allem durch lange Betriebszugehörigkeit auszeichnet. Dies zu loben, wird Simon-Schröter nicht müde: »Die kennen unsere Kundschaft am besten - auf sie müssen wir hören.« Ständiger Kontakt sei wichtig, und so tingelt der Zeitfracht-Chef - immerhin Boss von insgesamt rund 6300 Beschäftigten - wohl immer wieder durch Modemärkte.
Haibach soll als Zentrale wohl erhalten bleiben, verspricht Simon-Schröter, ohne es so zu formulieren. »Wir haben das Gebäude gekauft, das sagt alles«, meint er auf die Frage. Ähnlich bei der Frage nach der künftigen Rolle von Testimonial Birgit Schrowange - nachdem nun neue Werbegesichter engagiert sind. Simon-Schröter: »Sie hat einen Vertrag und wir sind vertragstreu.« Punkt.

Staatshilfe bald getilgt

Als Werbeträger treten nun die TV-Moderatorin Marijke Amado (68) und TV-Moderator Jörg Draeger (78) vor die Kameras. Adler soll sich wieder auf seine Stammkunden konzentrieren, weswegen man auch die traditionellen Busreisen zu den Märkten wiederbelebe und in die Cafés investieren werde.
Ende Juni will Zeitfracht außerdem die letzten fünf Millionen Euro an Staatshilfen (WSF) tilgen, die während der Pandemie gewährt wurden. Eine erste Rate von zwei Millionen und kürzlich eine zweite in Höhe von drei Millionen Euro sind schon zurückgezahlt. Der Zeitfracht-Chef sieht Adler als langfristiges Investment. »Die Adler-Beschäftigten können beruhigt in die Zukunft sehen. Ein Verkauf nach der Sanierung steht nicht zur Debatte: Wir sind gekommen, um zu bleiben«, sagt er auf Nachfrage.

Modemärkte Adler in Haibach.
Foto: Andre Breitenbach

 

Hintergrund: Trigema und Kriss im Adler-Sortiment – Kooperation mit McTrek und Ferrero

Bei der Adler Modemärkte AG hat sich seit dem Einstieg von Zeitfracht einiges getan – eine Auswahl:

Vorstand: An der Spitze des Unternehmens sitzen wie seit langem Karsten Odemann und seit November 2021 Frank Beeck. Vorsitzender des Aufsichtsrats ist Wolfram Simon-Schröter.

Kooperationen: Im Herbst 2021 startet die Kooperation mit DPD, in den Märkten können Pakete abgegeben und abgeholt werden. Kurz danach beginnt die Zusammenarbeit mit Edeka Südwest; in ausgewählten Märkten gibt es Textilverkaufsflächen mit Adler-Mode.

Reisen: Seit Januar 2022 verstärkt Adler wieder Busreisen zu Märkten und bietet weitere Reisen an. Fremdmarken: Adler nimmt mehr Fremdmarken auf, darunter Tom Tailor, S.Oliver, Camel Active, Seidensticker, Schiesser, Wrangler, Mustang und Bugatti. Zuletzt kamen noch Trigema und Kriss dazu. Im April folgte die Kooperation mit dem Outdoor-Händler McTrek.

Sortiment: Adler arbeitet seit März mit Ferrero zusammen und ergänzt das Sortiment um Süßwaren. Adler hat zurzeit 130 Märkte, die meisten davon in Deutschland.(bach)

Lesen Sie mehr zum Thema:

Wie die Zeitfracht-Gruppe wächst und wächst- 6300 Mitarbeiter in Dutzenden Firmen an 40 Standorten

Alle Beiträge zu den Adler Modemärkten finden Sie in unserem Dossier.

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