Samstag, 21.09.2019

Auto stehenlassen! Kommentar des Tages zur Diskussion um Elterntaxis

Nach Polizeiaktion in Stadt/Kreis Aschaffenburg

Aschaffenburg
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Elterntaxi zur Schule
Die Deutsche Verkehrswacht rät vom «Elterntaxi» ab. Es bewirke, dass Kinder Bewegungs- und Koordinationsdefizite bekämen und sich später unsicher im Straßenverkehr bewegten.
Foto: Ralf Hirschberger
Zu Schulbeginn am Dienstag hat die Polizei an Schulen in Stadt/Kreis Aschaffenburg das Fahrverhalten von Eltern kontrolliert, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schulen chauffiert haben. Stichwort: Elterntaxis. Auf den Facebook-Seiten des Main-Echo hat das zu hitzigen Diskussionen geführt.
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Bevor Sie fragen: Nein, ich habe keine Kinder. Mit 35 Jahren lasse ich mir da noch ein wenig Zeit. Was ich jedoch habe, sind mehr als 250 Kommentare, die allein am Dienstag zum Main-Echo-Artikel „Polizei kontrolliert Elterntaxis im Kreis Aschaffenburg“ auf unseren Facebook-Seiten (Main-Echo Aschaffenburg, Main-Echo Blaulicht, Main-Echo) eingegangen sind.

Zu meinem Job als Onlineredakteur gehört es, diese zu sichten und gegebenenfalls moderierend einzugreifen. Dass es zu diesem Thema hitzige Wortmeldungen geben würde, war absehbar - ihre Anzahl hat aber auch uns überrascht. Dabei ließe sich das Problem durchaus einfach lösen: Lassen Sie den Wagen stehen.

Warum Sie das tun sollten? Schauen wir uns dazu an, was häufig kommentiert wird. Da ist die Gruppe derer, die sehr wohl wissen, dass es eigentlich nicht in Ordnung ist, die Kinder morgens bis vor den Schuleingang zu chauffieren. Warum sie es trotzdem tun? Die Schule läge auf dem Arbeitsweg, hört man hier in fast jedem Beitrag. Nun ist das Wort „Arbeitsweg“ flexibel und bedeutet mitnichten, dass die kürzeste Strecke genommen wird.

Eine einfache Rechnung: Nehmen wir an, Sie fahren täglich einen Umweg von zwei Kilometern. Das macht bei jährlich etwa 200 Schultagen 400 zusätzliche Kilometer Fahrt. Und das pro Elterntaxi. Rechnen wir das auf alle Taxen an allen Schulen in Aschaffenburg hoch, sind wir schnell bei einer fünfstelligen Zahl an gefahrenen Kilometern. In lediglich einer bayerischen Stadt.

Fast ebenso häufig wurde angemerkt, dass der Schulweg gefährlicher als früher geworden sei. Dem wird jede Verkehrswacht entgegnen, dass die Zahl der Kinder, die auf dem Weg zur Schule verletzt oder getötet werden, seit Jahren rückläufig ist. Wer etwas dazu beitragen will, dass diese Entwicklung so bleibt, der kann das ganz einfach tun: das Auto stehenlassen. Denn die größte Gefahrenquelle für junge Menschen auf dem Weg zur Schule ist der Pkw.

Einfacher gesagt: Wer Elterntaxi spielt, stellt nicht nur eine Gefahr für andere Kinder dar, sondern auch für die eigenen - denn zu den Unfallopfern auf dem Schulweg gehören auch Kinder, die im Auto nicht oder nur schlecht gesichert waren. Ein Satz zu den Unkenrufen, die Gefahr auf dem Schulweg sei auch durch angebliche Verbrechen von Flüchtlingen größer geworden: es gibt keinerlei Zahlen, die das belegen. Es handelt sich hier um eine subjektiv empfundene Bedrohung, die in der Realität nicht wieder gespiegelt wird.

Wer stattdessen etwas für die Kinder und auch für die Umwelt tun will, der hilft als Schülerlotse oder Schulweghelfer, also Erwachsene, die ehrenamtlich Schulwege von Kindern beaufsichtigen. Womit wir zur dritten Gruppe der Kommentierenden kommen.

Die Gründe für das Engagement sind vielfältig, die Resultate in jedem Fall aber positiv zu bewerten: Kinder lernen, sich im Verkehr zurecht zu finden, kommen auf dem Schulweg mit Gleichaltrigen in Kontakt und werden insgesamt selbständigere, junge Menschen. Möglichkeiten, sich als Schulwegbegleiter mit anderen Eltern zu vernetzen, gibt es viele: Von der WhatsApp-Gruppe bis zur schuleigenen Facebook-Seite ist es heute einfacher denn je, abzustimmen, wer wann einspringt.

Bleibt eine Frage, die mehrfach gestellt wurde: „Hat die Polizei nichts Besseres zu tun?“, oft im Verbund geäußert mit: „Ich mache das auch weiterhin, ist doch egal, was andere davon halten.“ Vermutlich können die meisten Polizisten sich angenehmere Tätigkeiten vorstellen, allerdings wird auch hier nur getan, was ansonsten zur Polizeiarbeit gehört: Verstöße feststellen und zur Ahndung bringen. Etwa Parken in zweiter Reihe, auf Zebrastreifen, Radwegen oder in Halteverbots-Zonen. Von Geschwindigkeitsverstößen, die regelmäßig auch in Schulnähe gemessen werden, ganz zu schweigen.

Für viele mag das ein Kavaliersdelikt sein, letztlich gefährden sie damit aber andere Verkehrsteilnehmer - darunter auch Schüler. Bei einer rücksichtslosen Mir-egal-Haltung sollte man allein deshalb nicht bleiben. Und wenn es statt moralischer monetärer Argumente bedarf: Nach Plänen des Verkehrsministers sollen etwa Falschparker bald deutlich stärker zur Kasse gebeten werden. Dafür könnte man die Kinder auch in ein richtiges Taxi setzen - und dieser Gedanke dürfte selbst für die meisten Elterntaxi-Befürworter eher unter Blödsinn fallen. Wenn Ihnen also wirklich etwas am sicheren Schulweg der Kinder liegt: Gute Lotsen oder Schulweghelfer werden in jeder Stadt gebraucht.

Volker Dohr

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