Zehn Tage Sekten-Prozess am Landgericht Hanau: Gewalt, Grausamkeiten und ein totes Kind

72-Jährige ist angeklagt

Hanau
3 Min.

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Seit Oktober muss sich die mutmaßliche Anführerin einer Hanauer Sekte in einem Mordprozess verantworten. Ihr wird vorgeworfen, einen vierjährigen Jungen in einem Sack qualvoll erstickt zu haben. Eine Zwischenbilanz.

Wer ist diese Frau, die vor mehr als 30 Jahren in ihrem Haus einen kleinen Jungen in einen Sack gesteckt haben soll, bis er erstickte? Und was ist das für eine Sekte, die sie angeführt haben soll? Während der ersten zehn Verhandlungstage im laufenden Mordprozess vor dem Landgericht Hanau ist für Beobachter ein facettenreiches Bild entstanden. Die Zuschauer schüttelten ein ums andere Mal angesichts der Zeugenaussagen ungläubig mit den Köpfen. Es mehren sich die Indizien, die den Druck auf die Angeklagte erhöhen. Wegbegleiter und Aussteiger berichteten von seelischen Grausamkeiten, Gehirnwäsche und Erniedrigungen. Die Gruppe soll von psychischer und physischer Gewalt geprägt gewesen sein.

Angeklagt wegen Mordes ist eine heute 72-jährige Frau aus Hanau. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, dass sie den vierjährigen Jungen, auf den sie für seine Eltern an einem warmen Sommertag im August 1988 aufpassen sollte, seinem qualvollen Schicksal überlassen haben. Er war in einem Leinensack eingeschnürt und erstickte wahrscheinlich. Hilflos lag er im Badezimmer des Hauses in seinem «erbitterten Todeskampf», wie es die Staatsanwaltschaft formulierte. Als der Junge aufgehört habe zu schreien, habe die Angeklagte ihr «niederträchtiges Ziel» erreicht. Die Anklage sieht das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt, zudem auch niedrige Beweggründe.

Das Motiv? Die Angeklagte soll den Jungen als vom Bösen besessen betrachtet haben. Sie habe ihn auch als «Schwein» und «Reinkarnation» Hitlers bezeichnet und beschlossen, ihn zu töten, so die Staatsanwaltschaft. Die Anwälte der Frau wiesen den Mordvorwurf zurück. Es habe keine Tötungshandlung vorgelegen. Der in der Anklage geschilderte Tatablauf sei «reine Spekulation». Unklar sei auch die genaue Todesursache. Offiziell hieß es damals: Der Junge erstickte an erbrochenem Haferbrei. Ein Unglück. Aufgerollt wurde der Fall im Frühjahr 2015 durch neue Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Sekte. Mord verjährt nicht, lautet ein alter juristischer Grundsatz.

Eine der ersten Zeugen, die im Prozess aussagte, war die Mutter des getöteten Jungen. Sie verlor kein böses Wort über die Angeklagte. «Sie ist wie eine Schwester und gute Freundin für mich.» Die auch heute noch bestehende Verbundenheit und Wertschätzung für die mutmaßliche Mörderin ihres Kindes war ihr deutlich anzumerken. Die Mutter sagte, die ehemalige Krankenschwester sei liebevoll mit ihren Kindern sowie den Adoptiv- und Pflegekindern umgegangen. Die Frau hütete den Nachwuchs, während die Eltern und Mitglieder der Gruppe arbeiteten.

Die Angeklagte beeindruckte ihre Gefolgschaft den Prozess-Aussagen zufolge mit ihrer Spiritualität. Sie gab vor, mit Gott in Kontakt zu stehen und im Traum Botschaften von ihm zu empfangen. Die Glaubensgemeinschaft gibt es laut Medienberichten seit Anfang der 1980er Jahre in Hanau. Mehrere Dutzend Gefolgsleute gehörten ihr zeitweise an. Durchaus gebildete Menschen, wie die «Frankfurter Rundschau» zu berichten wusste.

Das eine oder andere Kind hatte laut Zeugen einen schweren Stand in der Gemeinschaft, die sich in Hanau zusammengefunden hatte. Sie seien zeitweise eingesperrt, sadistisch misshandelt und geschlagen worden. Sie hätten sogar aus Sparsamkeit verdorbene Lebensmittel essen müssen. Kinder legten Brot auf die Heizung, um mal etwas Warmes essen zu können. Während andere darben mussten, sollen sich die Angeklagte und ihr Mann Luxusartikel geleistet haben. Die Beschuldigte wies das alles zurück: Ihrer Ansicht nach sei das alles eine Rufmord-Kampagne.

Die Anführerin führte Zeugen zufolge ein strenges Regiment. Eine Aussteigerin, heute 47 Jahre alt, erinnert sich mit Grausen an ihre Adoptivmutter. Sie habe ihre Notdurft in Schüsseln verrichten müssen, sei an den Ohren gezogen worden, bis diese rissen. Als ihr nach einem durch eine Ohrfeige verursachten Sturz Zähne abbrachen, soll die Übeltäterin gesagt haben: «Da bist Du aber blöd gefallen.»

Doch wesentlich schlimmer erging es dem späteren Todesopfer, dem Vierjährigen. Er war am Ende ein unterernährter Junge, der ein freudloses Dasein fristete. Er wirkte laut Zeugen regelrecht vergreist. Er habe bei Toilettengängen solange auf dem Töpfchen sitzen müssen, dass sich schon Hornhaut am Gesäß gebildet habe.

Dass Kinder zur Züchtigung durchaus mal in einen Sack gesteckt worden seien, berichtete eine Aussteigerin, heute 61 Jahre alt. Sie habe bereits Monate vor dem Tod des Jungen beobachtet, wie er in einem Sack eingeschnürt im Badezimmer gelegen habe. Es habe ausgesehen wie eine Mumie, die sich auf und ab senke. Womöglich sei er geknebelt gewesen, weil kein Ton zu hören gewesen sei. «Das Bild werde ich nie aus meinem Kopf kriegen», sagte die Zeugin, die im Jahr 1990 aus der Sekte ausstieg. Sie berichtete am siebten Verhandlungstag im November, dass auch ihr Sohn in einen Sack gesteckt worden sei. Er sei in Halshöhe zugebunden gewesen. Ihr Junge sei nach der Strangulation ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Bei dem Vierjährigen führte das geschilderte Vorgehen, Kinder in Säcke zu stecken, aber nicht nur in die Klinik, sondern ins Jenseits, wie es die Staatsanwaltschaft der Angeklagten vorwirft. Als die Mutter des Jungen am Todestag nach Hause kam, habe ihr die Sekten-Chefin gesagt, sie solle nicht traurig sein, wenn Gott ihren Jungen hole.

Bereits in Tagebüchern der Sekten-Chefin sowie in angeblichen Briefen Gottes an sie ist laut Staatsanwaltschaft die Rede davon gewesen, dass der Junge ein «Machtsadist» sei, ein kalter, eingebildeter «Schauaffe», der nach Lust und Laune in die Hose mache, dreckig grinse und wisse, wie fies er sei. Erwachsen wäre er nicht zu bändigen. Gott haben ihn deshalb «abholen» müssen, um Schlimmeres zu verhindern, wie es im Prozess hieß.

Im Prozess beteuerte die Mutter des Opfers, dass die Angeklagte keine Schuld am Tod ihres Sohnes treffe. Nicht wenigen Prozess-Beobachtern vermittelte sich der zuweilen Eindruck, dass ihre Wahrnehmung womöglich beeinflusst worden sein könnte. Der Prozess wird Mitte Januar fortgesetzt.

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