Wohin, wenn die Demenz zuschlägt?

Gesundheit: Joelle Wörtche aus Babenhausen hat wegen der Erkrankung ihrer Oma eine Online-Plattform ins Leben gerufen

Stockstadt am Main
4 Min.

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Alles auf einen Blick: Die Erfahrungen mit der Demenz ihrer Oma Irmgard, die in einer Wohngemeinschaft lebt und von Metka Eifert (links) umsorgt wird, haben Joelle Wörtche (Zweite von rechts) dazu bewogen, www.demenzmagazin.de ins Leben zu rufen. Tom Best vom Christlichen Sozialwerk Harreshausen unterstützt den Ratgeber. Foto: Schreiber
Foto: Harald Schreiber
Jo­el­le Wört­che be­sch­reibt sich als Ma­che­rin – und das nimmt man ihr so­fort ab. »Ich bin lö­sungs­o­ri­en­tiert«, sagt die 26-Jäh­ri­ge. Als ih­re Oma an De­menz er­krank­te, woll­ten die Stu­den­tin und ih­re Mut­ter aus Ba­ben­hau­sen sie zu Hau­se pf­le­gen. Die Her­aus­for­de­run­gen brach­ten die Frau­en aber bald an ih­re Gren­ze.

Doch statt über das Schicksal zu jammern, suchte Joelle Wörtche nach der besten Betreuungsmöglichkeit für ihre Oma und ihre Familie. Ihre Erfahrungen haben sie dazu gebracht, eine Online-Plattform ins Leben zu rufen, quasi als »Ratgeber für Einsteiger«.

Viele Angehörige von Demenzbetroffenen empfinden Überforderung. Darüber zu sprechen, fällt den meisten schwer. »Viele sagen angesichts einer Demenz, dass sie gerne etwas ändern würden, aber nicht wissen, welches Betreuungsmodell für sie infrage kommt«, erläutert Joelle Wörtche. Hinzu komme der Stress: Denn ist die Diagnose Demenz erst einmal gestellt, fühlen sich viele Familien unter Druck und können sich nicht gut über die für sie beste Lösung informieren.

Ziel: Omas Wohlfühlmodus

Vor drei Jahren bemerkten Joelle Wörtche und ihre Mutter Veränderungen an Oma Irmgard Wörtche. Sie habe den Schlüssel verlegt, den Hund ausgesperrt oder das Portemonnaie versteckt, aber behauptet, es sei geklaut worden. »Da haben wir angefangen, uns zu erkundigen.« Verschiedene Ärzte klapperte die Familie ab, bis die Demenz festgestellt wurde.

Als die Krankheit diagnostiziert wurde, war es nach Aussage der Ärztin zu spät, den Verlauf zu verlangsamen. Ziel war ab dann, die Oma »in den Wohlfühlmodus zu bringen«, also sie ruhiger und ausgeglichener zu machen, wie sich Joelle Wörtche erinnert.

Zwei Jahre lebte die Oma bei den Wörtches mit im Haus. »Wir haben schon meine bettlägerige Uroma bis zum Tod zu Hause gepflegt. Das war auch bei Oma immer unser Ziel. Aber mit einer Demenz ist es etwas anderes daheim.« Denn eigentlich bräuchte die alte Frau rund um die Uhr Aufmerksamkeit, so dass ihr nichts passiert. Aber Joelle Wörtche studiert Online-Journalismus in Dieburg und ihre Mutter arbeitet. Hinzu kam, dass die alte Frau sehr lauffreudig war. »Wenn man Angst hat, allein aufs Klo zu gehen, geht es nicht mehr«, beschreibt die 26-Jährige die Überforderung.

Die Familie informierte sich und fand eine Tagespflege. Erst besuchte die Oma diese tageweise: »Sie kam zurück und war happy«, erinnert sich Joelle Wörtche. Das Vertrauen wuchs: »Wir konnten uns um unsere Sachen kümmern, ohne dass es der Oma schlecht ging.«

Doch irgendwann begann die Großmutter zu stürzen. »Wir haben es mit einem Helm, einer Sturzhose und Knieschützern probiert, denn eine Operation war der größte Horror«, erinnert sich Joelle Wörtche. Womöglich seien die vielen verschiedenen Gesichter nicht mehr gut für die Großmutter gewesen und so entschied sich die Familie für einen Umzug in eine übersichtlichere Seniorenwohngemeinschaft in Stockstadt.

Dort lebt Irmgard Wörtche seit August 2017. Jeden Abend kommen Joelle Wörtche und ihre Mutter nach getaner Arbeit bei ihr vorbei. Am Wochenende unternehmen sie Ausflüge in die Eisdiele, zum Döner- oder Kochkäseessen. »Man muss immer sofort Lösungen suchen und darf nicht zu lange warten«, ist das Plädoyer der 26-Jährigen.

Um auch anderen Betroffenen Orientierung zu geben, hat Joelle Wörtche die Plattform www.demenzmagazin.de ins Leben gerufen. Dort sind Basisinformationen zu Betreuungsmöglichkeiten wie ambulanter Pflege, Tagespflege, Seniorenwohngemeinschaft oder Heim zu finden. Bewusst setzt Joelle Wörtche auf Videos, denn in der Stresssituation weiß sie aus eigener Erfahrung, bleibt nicht viel Zeit, um lange Texte zu lesen.

Hinter den Filmen steckt viel Arbeit, wie Tom Best vom Projektträger Christliches Sozialwerk Harreshausen weiß. Um 3,5 Minuten Material zu bekommen, ist ein Drehtag nötig, in der Nachbearbeitung werden Texte eingesprochen und Szenen geschnitten. »Wir arbeiten mit einem Profi zusammen.« So erklären sich auch die Kosten von 2500 bis 3000 Euro je Film.

Neben den Basisinformationen können die Nutzer auf www.demenzmagazin.de auch in richtige Betreuungseinrichtungen schauen. Die Idee: Wer eine für sich passende Betreuungsform entdeckt hat, kann in Videos ohne einen verbindlichen Besichtigungstermin schon einmal einen Eindruck gewinnen, ob sich die Einrichtung in der Umgebung eignet.

Derzeit drei Partner

Derzeit präsentieren sich drei sogenannte Partner auf der Plattform, weitere Partnerschaften werden laut Joelle Wörtche angestrebt. »Viele Einrichtungsträger sollten es als Chance sehen, sich abseits von klassischen Branchenmagazinen und Informationen der Krankenkassen zu präsentieren«, sagt Joelle Wörtche.

Im März ging www.demenzmagazin.de online. Joelle Wörtche leitet das Projekt als geringfügig Beschäftigte, das Christliche Sozialwerk Harreshausen hat die Trägerschaft übernommen. So war es möglich, dass www.demenzmagazin.de sich um Fördergelder des Bundesfamilienministeriums bewerben konnte und als eine lokale Allianz für Menschen mit Demenz gefördert wird. Auch eine Stiftung aus Düsseldorf fördert das Projekt.

Nach dem Startschuss im März läuft www.demenzmagazin.de nun richtig an, wie Joelle Wörtche und Tom Best sagen. Wenn alles funktioniert, würde die 26-Jährige vielleicht gerne einmal davon leben.

In jedem Fall aber möchte sie anderen Betroffenen helfen, denn es liege nicht an mangelnden Angeboten, sondern fehlendem Austausch darüber, was alles möglich ist. »Wenn ich mich öffentlich dem widme und Tipps weitergebe, nützt es mir und anderen.«

CAROLINE WADENKA
 
 
Hintergrund: Lokale Allianz für Menschen mit Demenz
Demenz gilt als eine der größten Herausforderungen der Zukunft. Um Menschen mit dieser bewusstseinsverändernden Krankheit nicht aus der Gesellschaft auszuschließen und den Angehörigen zu helfen, ihren Alltag trotzdem normal weiterleben zu können, fördert der Bund sogenannte Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz vor Ort.
Die Idee: Die Kommunen sind der Ort, an dem Bürger, Politiker, Arbeitgeber und Einrichtungen konkret Einfluss auf die Lebensbedingungen vor Ort nehmen, schreibt das Bundesfamilienministerium auf der Website der Lokalen Allianzen. In den Allianzen vernetzen sich verschiedene Akteure, um eine Ausgrenzung von Menschen mit Demenz zu verhindern, Betroffenen und ihren Familien individuelle Hilfe zu ermöglichen und das Verständnis für die Krankheit zu fördern.
Lokale Allianzen wie www.demenzmagazin.de aus Babenhausen werden über einen Zeitraum von zwei Jahren mit jeweils 10 000 Euro gefördert.
Weitere Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz sind das Mehrgenerationenhaus in Johannesberg (Kreis Aschaffenburg) und in Groß-Zimmern (Kreis Darmstadt-Dieburg). (caw)
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