Wisente und wilde Pferde grasen auf Ex-Militäranlage in Münster

250 Hektar Fläche für den Artenschutz

Münster (Hessen)
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Wisente auf Ex-Militärlager in Münster
Wisente auf Ex-Militärlager in Münster Foto: Andreas Arnold/dpa
Foto: Foto: Andreas Arnold/dpa
Früher lagerte auf dem 250 Hektar großen "Muna"-Gelände im südhessischen Münster tonnenweise Munition. Heute ist das Areal Lebensraum für seltene Tierarten.

Über das Areal streifen imposante Wisente und Wildpferde. Hier leben Fledermäuse, Eulen, Spechte und Pirole. Ein wildwüchsiger Wald mit Totholz, Buchen, Kiefern und dicken alten Eichen bietet zahlreichen Arten einen Lebensraum. Eine Idylle für Tiere und Pflanzen - und der Mensch greift so gut wie gar nicht in die Natur ein. Diese Idylle birgt jedoch tödliche Gefahren. Ein 3,5 Meter hoher Zaun soll das rund 250 Hektar große Gelände abriegeln. Die Munitionsanstalt «Muna» im südhessischen Münster ist Sperrbezirk. Hier lagerte während des Nationalsozialismus und im Kalten Krieg jahrzehntelang Munition.

Munitionsreste und Blindgänger in vielen Teilen

Durch Sprengungen liegen in vielen Teilen Munitionsreste und Blindgänger an der Oberfläche. «Zehn Prozent der Fläche sind hoch belastet», sagt der stellvertretende Betriebsleiter des Bundesforstbetriebes Schwarzenborn, Matthias Pollmeier. «Wir haben Hotspots, die sind wirklich verseucht.» Sprengungen gebe es jeden Monat. Die Bundesförster gehören zur Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), die unter anderem für die Umwandlung früherer Militäranlagen in eine zivile Nutzung verantwortlich ist. «Wir sind die grüne Sparte bei der Bima», erläutert Pollmeier die Aufgaben der Bundesförster.

Die Anlage wurde Mitte der 30er Jahre von den Nazis gebaut, sagt der Leiter der Revierförsterei Südhessen, Bundesförster Harald Fuhrländer, der alles über deren Geschichte weiß. Aus dieser Zeit gebe es keine Pläne. Um die Anlage geheim zu halten, hätten die Machthaber Arbeiter aus Bremen und Bremerhaven auf Lastern nach Südhessen gebracht. Damals sei es ein Standort der Luftwaffe gewesen. Hier sei die Munition für Flugzeuge und Luftabwehr befüllt worden. «Die Muna ist von den Amerikanern nie gefunden worden», sagt Fuhrländer. Erst kurz vor Ende des Kriegs sei sie von den Alliierten entdeckt und deshalb auch nicht bombardiert worden.

Vermutlich auch ein Lager für Atomwaffen

Im Kalten Krieg hätten dann die Amerikaner Schienen an die Munitionsfabrik gelegt und in der Mitte einen Bunkertrakt mit Wachtürmen, dreifachem Sicherheitszaun und Maschinengewehrstellungen gebaut. Vermutlich seien hier auch Atomwaffen gelagert worden. Der letzte Amerikaner sei dann 1997 gegangen.

«Hier ist keine Forstwirtschaft betrieben worden, weil das Militär die Hand drauf gelegt hat», sagt Pollmeier. Auf dem Gelände gebe es ein paar hundert Eichen mit einem Stammdurchmesser von einem Meter und mehr. «Das ist in deutschen Wäldern ungemein selten.» Eine solche Eiche werfe in einem guten Jahr 100 000 Eichel ab. «Das sind potenzielle neue Bäume.» Durch die Forstwirtschaft seien viel dieser wertvollen Bäume in nicht abgeriegelten Arealen abgeholzt worden. «Die Muna Münster ist waldtechnisch gesehen ein Kleinod.»

Ausgleich für ICE-Trasse zwischen Frankfurt und Mannheim

«Es ist ganz wichtig, dass wir die alten Wälder schützen», sagt Pollmeier. Bei diesem Schutz sitzt jetzt seit sechs Jahren die Bahn mit im Boot. Die Bahn muss nach eigenen Angaben für alle Baumaßnahmen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen finanzieren. Die «Muna» ist eine Ausgleichsfläche für die geplante ICE-Trasse zwischen Frankfurt am Main und Mannheim. Nach Angaben der Bahn waren es bundesweit Ende 2021 insgesamt 7258 Projekte.

Die Bahn übernehme die laufenden Kosten und auch die Kosten für Munitionsräumungen, für den Rückbau der rund 40 Gebäude wie der alten Munitionsfabrik, die Verfüllung und Begrünung von Bunkern. Ein Bunker solle jetzt noch zu einem Fledermausbunker umgebaut werden. Der frühere Hochsicherheitstrakt der Amerikaner sei gerade erst zurückgebaut und erst kürzlich abgenommen worden. Tausende Bäume sollen dort Pollmeier zufolge gepflanzt werden. Im Bau ist derzeit auch ein Naturerlebnispfad an der Außenseite des Areals mit einer Aussichtsplattform auf ein Gehege, in dem die Wisente häufiger sind, wenn sie nicht durch den Wald streifen.

Waldbrandgefahr ist gering

Im geplanten Fledermausbunker zeigt sich Pollmeier zufolge eines der großen Probleme. Die Innenwände sind voll mit Graffiti. Der Bundesförster sieht wegen der nassen Böden und der Laubbäume weniger die Gefahr eines Waldbrandes. Vielmehr gibt es immer wieder ungebetene Gäste. «Es gibt immer wieder Leute, die den Zaun aufschneiden», sagt Fuhrländer. Pollmeier zufolge ist das höchst gefährlich. Nicht nur, dass auf dem Gelände alte Granaten und andere Munition liegt, bei einem illegalen, nächtlichen Besuch könne man auch einfach mal vor einem Wisent stehen.

Für die Wildtiere stellt die Munition Pollmeier zufolge keine Gefahr dar. Die Tiere hätten ihre speziellen Laufwege und würden sich immer sicheres Terrain suchen. Sie würden auch nie mit irgendwelchen Munitionsteilen spielen. Es sei noch kein einziges mal ein wegen Munition verendetes Tier auf diesem oder vergleichbaren Arealen gefunden worden.

Naturerlebnispfad geplant

Die Wisente kamen vor gut zwei Jahren auf das Gelände. «Wir haben 7 Wildpferde und 14 Wisente», sagt Wisentprojektleiter Johannes Mies. Alleine in diesem Jahr habe es drei Kälber gegeben. Angefangen habe man mit einem Bullen und acht Kühen. Die Tiere müssten natürlich konditioniert werden, alleine schon wegen möglicher Behandlungen durch Veterinäre. Ansonsten würden sie aber komplett wild auf dem Areal leben. Zuschauer können die imposanten Tiere aber erst mit dem Gemeinschaftsprojekt Naturerlebnispfad der Bahn, der Gemeinde Münster und der Bima sehen. Der soll voraussichtlich kommendes Jahr fertig werden.  

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