Weil im Notfall jede Sekunde zählt

Rettungsdienst: Online-System beschleunigt Austausch von Kliniken und Leitstelle - Auch am Untermain im Gespräch

Dieburg
4 Min.

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Überlastet: Auf seinem Smartphone erhält Schmenger die Nachricht, dass die Notaufnahme der Kreiskliniken Groß-Umstadt für weitere Patienten gesperrt ist.
Foto: Petra Reith
Auf einen Blick: Der ärztliche Leiter des Notarztstandorts Dieburg, Patrick Schmenger, Matthias Maurer-Hardt von der zentralen Leitstelle im Landkreis Darmstadt-Dieburg und Einsatzbearbeiter Reinhard Kerschl (von links) können dank des Online-Systems Ivena minutengenau sehen, welches Krankenhaus Aufnahmekapazitäten für bestimmte Patienten hat. Fotos: Petra Reith
Foto: Petra Reith
Wo früh­er oft lan­ge Te­le­fo­na­te nö­t­ig wa­ren, be­darf es seit ei­nem Jahr nur we­ni­ger Maus­klicks, bis Mat­thias Mau­rer-Hardt und Rein­hard Ker­schl von der zen­tra­len Leit­s­tel­le im Land­kreis Darm­stadt-Die­burg wis­sen, in wel­ches Kran­ken­haus der Ret­tungs­di­enst ei­nen Pa­ti­en­ten brin­gen soll. Mög­lich macht das das On­li­ne-Sys­tem Ive­na, in das Kran­ken­häu­ser mi­nu­ten­ge­nau ih­re Ka­pa­zi­tä­ten ein­tra­gen.
Nicht nur der Leitstelle hat das System die Arbeit erleichtert, auch für die Notärzte und Krankenhäuser bietet Ivena wertvolle Informationen, die letztlich im Notfall Zeit sparen und dadurch Leben retten können. Auch am bayerischen Untermain wird darüber nachgedacht, den Austausch zwischen Rettungsdienst und Krankenhäusern auf diese Weise zu vereinfachen.
Echtzeit statt Warteschleife
Auch wenn das Online-Zeitalter schon länger angebrochen ist, war es bis 2010 in der Kommunikation zwischen Leitstelle, Rettungsdienst und Krankenhaus noch üblich, sich über Telefon zu verständigen. Zwei Mal täglich, um 9 Uhr und um 17 Uhr, meldeten die Krankenhäuser rund um Dieburg telefonisch, wie viele Betten sie noch frei hatten. Wenn sie keine Patienten mehr aufnehmen konnten, mussten sie die Leitstelle auch außerhalb dieser Zeiten verständigen.
Dank Ivena funktionieren diese Meldungen nun in Echtzeit. Die Krankenhäuser können im Minutentakt eingeben, ob und in welchen medizinischen Fachbereichen sie noch Patienten aufnehmen können und welche Diagnostikgeräte wie Kernspintomographen zu welcher Zeit zur Verfügung stehen. In der Leitstelle herrscht so jederzeit ein genauer Überblick, so dass Patienten schneller einer geeigneten Klinik zugewiesen werden können - ohne die bislang oft zeitraubenden Rücksprachen am Telefon. Sofern die Kapazitäten eines Hauses erschöpft sind, kann auch das in Ivena abgebildet werden. Sobald der Leitstelle ein Notfall gemeldet wird, tragen die Einsatzbearbeiter diesen ins System ein. Wichtige Informationen wie der Zeitpunkt des Eintreffens am Krankenhaus, ob ein Schockraum oder nach einem Herzinfarkt ein Herzkatheter benötigt werden und die Art der Verletzung werden hier bereits ausgetauscht.
Die Notaufnahmen können sich entsprechend vorbereiten: Sowohl an einem Bildschirm als auch auf einem Pager erhalten die diensthabenden Ärzte oder Pfleger die Information über den eintreffenden Patient.
Knatsch in Frankfurt als Auslöser
Das Formular, das diesen Prozess in Gang setzt, erscheint komplex. »Das muss so differenziert sein, weil davon abhängt, ob das richtige Rettungsmittel kommt«, erläutert Patrick Schmenger, ärztlicher Leiter des Notarztstandorts Dieburg. Die Mitarbeiter der Leitstellen werden entsprechend geschult. Sie haben eine drei- bis vierjährige Ausbildung absolviert, die neben Feuerwehr und Rettungsdienst auch das Element Einsatzbearbeitung beinhaltet. Hinzu kommt die Einweisung in das Ivena-System. Ab Oktober kommen Ziffercodes in Ivena zum Tragen, die laut Schmenger noch schneller zum Ergebnis führen, in welches Krankenhaus ein Patient gebracht werden kann.
Seit 2010 wird der internetbasierte Kapazitätsnachweis in Frankfurt eingesetzt. Ein Grund für die Einführung waren damals Beschwerden von Klinikleitungen, die sich von den Rettungsdiensten nicht häufig genug angefahren fühlten - im Wettbewerb um Patienten, Fallpauschalen und die damit verbundenen Umsätze ein Unding. Dass der diensthabende Arzt oder Pfleger die Häuser zu diesem Zeitpunkt jedoch bei der Leitstelle abgemeldet hatte und diese den Rettungsdiensten gar nicht als Anlaufstelle genannt wurden, war einigen Beschwerdeführern nicht bekannt.
Mit Ivena ließe sich jetzt nachweisen, wer wie viele Patienten bekommen hat und wer wann an- und abgemeldet war, nennt Leo Latasch vom Frankfurter Amt für Gesundheit einen der Vorteile. Auch die Klinikleitung und die ärztlichen Leiter werden informiert, wenn sich ihr Haus aus der Notfallversorgung ausklinkt.
In Südhessen wird das Online-System Ivena nahezu flächendeckend eingesetzt. Angeschlossen sind die Stadt Frankfurt, die Stadt und der Landkreis Offenbach, der Main-Taunus-Kreis, der Kreis Groß-Gerau, die Stadt Wiesbaden, der Wetteraukreis und der Landkreis Darmstadt-Dieburg.
Seit April nutzen Kliniken und Leitstelle in und um Kassel das System. Auch der Main-Kinzig-Kreis beteiligt sich, die Krankenhäuser in der Stadt Darmstadt melden seit August ihre Kapazitäten, ab 1. Oktober läuft dort auch die Patientenzuweisung über Ivena. Das hessische Sozialministerium befand die Software für so gut, dass sie bis Mitte 2014 an allen 25 Leitstellen und mehr als 200 Kliniken in Hessen verwendet werden soll.
Sofern das Internet oder ein Server ausfallen, gibt es Rückfallsysteme, wie Maurer-Hardt sagt. Im Extremfall müsse wieder auf Papier, Bleistift und Telefon zurückgegriffen werden.
Die Vorteile von Ivena sind nicht von der Hand zu weisen. Schmenger räumt jedoch ein, dass eine Fehlbedienung auch bei dem Online-System möglich sei. Auch wenn das Risiko gering sei, könne es auch passieren, dass der diensthabende Pfleger einmal nicht nachsieht und ein Rettungstransport dann unangemeldet auf der Matte steht. In komplexen Fällen, sagt der Mediziner, könne das Online-System Ivena ohnehin nicht das Gespräch von Arzt zu Arzt ersetzen. Caroline Wadenka
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