Kreisklinik Groß-Gerau: Teure Leiharbeit in der Klinikpflege - eine Folge des Kostendrucks

Arbeitsmodell

Groß-Gerau/Wetzlar
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Kreisklinik Groß-Gerau
Erika Raab (l-r), Geschäftsführerin der Kreisklinik Groß-Gerau, Esther Hüttermann, Leitende Oberärztin in der Chirurgie, und Aylin Yalcin, Gesundheits- und Krankenpflegerin, stehen in einem Stationszimmer am Bett von Patientin Johanna Eleonora Sillinger aus Worfelden
Foto: Arne Dedert (dpa)
Übertarifliche Bezahlung und flexiblere Arbeitszeiten - für Pflegekräfte kann Leiharbeit ein attraktives Arbeitsmodell sein. Für Krankenhäuser aber kann die Arbeit auf Zeit zu einer teuren Angelegenheit werden.

Die zweite Welle der Corona-Pandemie hat die Kreis-Klinik Groß-Gerau eine Menge Geld gekostet, wie Geschäftsführerin Erika Raab vorrechnet: Allein im Januar 2021 lagen die Personalkosten in ihrem Krankenhaus um etwa 300.000 Euro höher als zu Vorpandemie-Zeiten. Für das laufende Jahr kalkuliert die Juristin und Medizin-Controllerin insgesamt Mehrkosten von etwa einer Million Euro. Während der zweiten Welle waren viele Pflegekräfte an Covid-19 erkrankt oder mussten sich in Quarantäne begeben. Diese Lücke mussten Leiharbeitskräfte schließen - und die sind teuer.

Viele denken bei Leiharbeit an niedrige Löhne. Schließlich verdienen Beschäftigte, die durch ein Leiharbeitsunternehmen für eine bestimmte Zeit an andere Unternehmen verliehen werden, insgesamt unterdurchschnittlich, wie aus Daten der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht. Je nach Anforderungsniveau können die Löhne bei vollzeitbeschäftigten Leiharbeiten demnach bis zu 28 Prozent niedriger ausfallen als bei dauerhaft beschäftigten Arbeitnehmern. 

In der auf Fachkräfte angewiesenen Pflege hat sich die Leiharbeit anders entwickelt. «Durch den Fachkräftemangel hat sich das Bild gedreht», erklärt Wolfram Linke vom Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen (IGZ). Die Arbeitnehmer können die Bedingungen stellen, zu denen sie arbeiten möchten. Das betrifft natürlich auch die Entlohnung.»

Häufig liege das Gehalt über dem Tarif. Auch die Arbeitszeiten für Beschäftigte in Zeitarbeitsfirmen sind oft flexibler als in Kliniken, wie Linke sagt. Bei einigen Leiharbeitsunternehmen könnten Beschäftigte ihre Einsätze selbst koordinieren und dadurch eine bessere Work-Life-Balance herstellen. «Wir bieten nur die Bedingungen, die die Pflegebranche eigentlich bieten sollte.»

Für die Krankenhäuser können dadurch aber hohe Kosten entstehen. Bereits vor der Corona-Pandemie schätzte Reinhard Schaffert, Geschäftsführer des Klinikverbunds Hessen, die Mehrkosten aufgrund von Leiharbeit bei einem Krankenhaus mit etwa 300 Betten auf mehrere Hunderttausend Euro jährlich. Während der Pandemie sei die Größenordnung «sicherlich nicht gesunken», sagt er.

Das liegt zum einen daran, dass sich Krankenhäuser Pflegekosten nur in Höhe der tariflichen Vergütung refinanzieren können. Mehrkosten für übertarifliche Bezahlung und Vermittlungsgebühren von Leiharbeitsfirmen werden also nicht getragen. Für Erika Raab aus Groß-Gerau liegt das Problem aber noch tiefer. «Ich glaube, dass wir grundlegend über das Finanzierungssystem in der Gesundheitspolitik sprechen müssen», sagt sie.

Sie sieht vor allem das Fallpauschalensystem als Ursache für die Problematik. Ein Krankenhaus wird nur für jeweils erbrachte Leistungen bezahlt. Für eine Operation oder das Waschen eines Patienten gibt es feste Pauschalen. 

«Um Kosten zu sparen, sparen die meisten am Personal, da das Personal mit 60 bis 80 Prozent der Kosten natürlich den höchsten Anteil ausmacht», erklärt Raab. Mögliche Spitzen, wie beispielsweise bei einer Grippewelle, kann ein Krankenhaus deshalb meist nicht durch eigenes Personal abdecken - und muss oft auf teurere Leiharbeitskräfte zurückgreifen. Das sei auch in bestimmten Phasen der Pandemie in mehreren hessischen Krankenhäusern ein Problem gewesen, bestätigt Schaffert.

«Ich hätte auch einfach die Arbeitszeit meiner Beschäftigten verlängern können, das ist in Ausnahmefällen möglich», sagt Erika Raab. «Ich war aber dagegen, Zwölf-Stunden-Schichten einzuführen. Es ist mir wichtig, bei regulären Schichten zu bleiben, um meine Mitarbeiter nicht auszubrennen.» Raab engagierte daher Leiharbeitskräfte, um die Patientenversorgung zu sichern.

Für kurzzeitige Spitzen sei Leiharbeit «eine absolute Hilfe», sagt die Geschäftsführerin. «Das wäre alles kein Problem, wenn wir genügend Fachkräfte auf dem Markt hätten.» Raab fordert daher, attraktivere Bedingungen für Pflegende zu schaffen.

Im Dezember 2020 waren laut Bundesagentur für Arbeit in Hessen 2,1 Prozent der Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege als Leiharbeiter beschäftigt. Aufgrund der guten Konditionen könnte aber vermehrt Krankenhaus-Stammpersonal in die Leiharbeit wechseln, fürchtet Schaffert. «Ich sehe die Gefahr schon, dass es zu relativ umfangreichen Abwanderungen von Personal aus den Krankenhäusern kommen kann, wenn man jetzt nicht dagegen steuert.»

Doch wie kann das gelingen? Eine schwierige Frage, sagt Schaffert. Bessere Entlohnung allein reiche nicht. Für viele Pflegende sei die andauernde Belastung ein Problem - gerade während der Pandemie. Raab hat in ihrem Krankenhaus bereits Maßnahmen getroffen: Springt eine Pflegekraft aus ihrem Krankenhaus-Stammpersonal bei Engpässen ein, zahlt die Klinik eine Prämie im dreistelligen Bereich pro Schicht. Das sei immer noch günstiger als teure Leiharbeiter zu engagieren, sagt sie. Langfristig sei aber die Frage zu stellen, was Gesundheit wert sei.

Der Kostendruck im Gesundheitssystem werde weiterhin dazu führen, dass nicht genügend Personal eingestellt werde und daher Leiharbeit weiter nötig sei, sagt Raab. «Dieses Dilemma wird nicht aufgelöst, sofern wir nicht grundlegend an die Finanzierungssystematik rangehen.»

Julia Hercka, lhe

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