»Ich bin am Ende meiner Kraft«

Fachtagung Demenz: In Groß-Umstadt berichten pflegende Angehörige über ihren schweren Alltag

Groß-Umstadt
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Wie sieht es wirklich aus im Alltag von Menschen, die Demenzkranke pflegen? Darum ging es bei der Diskussion in der Groß-Umstädter Stadthalle. Das Podium besetzen (von links) Hausarzt Dr. Michael Wagenmann, Neurologe Dr. Stefan Ries, die Angehörigen Elisabeth Förster und Rosi Patzer sowie der Neurologe Dr. Karsten Busse.

Foto: Ulrike Bernauer
»Mein Mann ist 40 Stunden wöchentlich in der Betreuung, ich nutze also das Angebot, das es gibt, so gut wie möglich aus«, sagt Elisabeth Förster, »trotzdem bleiben noch 128 Stunden in der Woche, die ich für ihn verantwortlich bin«.
Die Frau eines an Alzheimer Erkrankten sitzt auf dem Podium in der Stadthalle und diskutiert mit Fachleuten über die Krankheit Demenz, die immer mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerät.
Bei der Fachtagung Demenz am Samstag sind zahlreiche Institutionen vertreten, unter anderem das Demenzservicezentrum in Groß-Zimmern, die Fachabteilung Geriatrie der Kreiskliniken und die Gersprenz Seniorendienstleistungs GmbH. Beim abschließenden Podiumsgespräch kommen mit Förster und Rosi Patzer auch zwei Angehörige Erkrankter zu Wort.
»Ich hatte mir mein Leben anders vorgestellt, als es jahrelang mit einem Mann mit Alzheimer zu verbringen«, sagt die 66-jährige Elisabeth Förster. 55 Jahre war sie, als bei ihrem Mann, einem selbstständigen Ingenieur, mit 59 Jahren diese Krankheit des Vergessens diagnostiziert wurde. »Ich wurde nicht depressiv, sondern mich packte eine riesige Wut«, erinnert sie sich. Obwohl sie ihren Mann, im Gegensatz zu vielen anderen Angehörigen so oft wie möglich von anderen betreuen lässt, sagt sie von sich selbst: »Ich bin am Ende meiner Kraft«.
Das geht nicht nur ihr so, sondern Tausenden von Angehörigen, die Demenzkranke zu Hause pflegen. »Es wäre schon viel geholfen, wenn Angehörige kommen, bevor es überhaupt nicht mehr geht«, betont Dr. Barbara Romero. Sie arbeitet am Alzheimer Therapiezentrum der Neurologischen Klinik Bad Aibling. Hier werden Demenzkranke mit ihren Angehörigen aufgenommen, um mit dem Kranken und dem Partner Strategien für die künftige Bewältigung des Alltags zu erarbeiten.
»Die Einweisung eines Kranken ohne seine Angehörigen mit aufzunehmen, halte ich für kontraproduktiv«, erklärt Romero und richtet damit den Fokus auf die Pflegenden. Aber auch zum Umgang mit den Kranken findet sie klare Worte. Das Augenmerk müsste auf die noch verbliebenen Fähigkeiten gerichtet werden, eine gemeinsame Sprache müsse gefunden werden. »Sprechen Sie mit dem Patienten nicht wie mit einem Kranken, sondern wie mit Herrn B., der einiges nicht mehr kann, aber eben noch eine Menge beherrscht«.
3600 Menschen im Kreis erkrankt
Zahlen zur Verbreitung der Demenz liefert die Erste Kreisbeigeordnete Rosemarie Lück. Schon jetzt sind nach einer Hochrechnung rund 3600 Menschen im Landkreis erkrankt, das sind 6,8 Prozent der über 65-Jährigen. Das Problem werde sich in den kommenden Jahren verschärfen. Der Anteil der über 80-Jährigen werde sich im Landkreis bis 2024 um hochgerechnete 57 Prozent erhöhen. Verschärfend kommt hinzu, dass immer mehr Menschen in Ein-Personen-Haushalten und ohne Angehörige leben. Bis jetzt werden im Landkreis noch 81 Prozent der Pflegebedürftigen von Angehörigen zu Hause versorgt.
Neue Konzepte erforderlich
Neue Pflegekonzepte auch in Pflegeheimen fordert Lucia Baumgärtner-Griffiths, Pflegedirektorin der Gersprenz-Pflegeheime. Der Wechsel von der »alten« Pflegekultur, die sich hauptsächlich auf Körper- und medizinische Behandlungspflege sowie Betreuung reduzierte, zur »neuen« Kultur, die die Einzigartigkeit der Person in den Mittelpunkt stelle, sei im Gange.
Baumgärtner-Griffiths verweist auf den Neubau des Pflegeheims in Groß-Umstadt, in dem die künftigen Bewohner in Wohngruppen leben werden, die Gemeinschaft, Sicherheit und Geborgenheit, aber auch Individualität durch Rückzugsmöglichkeiten gewährleisten sollen.
»Hausgemeinschaften vermitteln das Gefühl, etwas wert zu sein, etwas zu können, Sicherheit, Urvertrauen und Hoffnung, sowie die Möglichkeit, Kontakt zu anderen Menschen zu haben«.
Eine Veränderung im Umgang mit der Krankheit Demenz konstatiert auch der Neurologe Dr. Stefan Ries. »Die Diagnosen der Krankheit werden heute oft früher gestellt als vor einigen Jahren noch«, sagt Ries und spricht auch von einem besseren therapeutischen Angebot und einer Vernetzung der Angebote. »Die Bevölkerung ist heute besser aufgeklärt« ist die Erkenntnis von Beate Braner-Möhl von der Fachstelle Demenz des Odenwaldkreises. Auch der Medizinische Dienst würde Angehörige inzwischen besser aufklären und zu Ärzten und Beratungsstellen schicken. Sie verweist auf finanzielle Hilfen, beklagt aber, dass sich noch viele Angehörige schämten, diese in Anspruch zu nehmen.
Die Angehörige Rosi Patzer schämt sich nicht und schöpft die Angebote, auch die finanziellen, total aus. »Ich besuche auch am Wochenende oft Workshops und benötige dann den Pflegedienst. Das Geld aus der Pflegekasse hat bei mir bis Mai gereicht, nun muss ich die Betreuung selbst bezahlen«, erklärt Patzer.
»Das ambulante Betreuungsangebot ist an Werktagen von 8 bis 16 Uhr gut ausgebaut«, sagt Förster, wünscht sich aber ein verstärktes Angebot an den Abenden und am Wochenende. »Ich habe auch mal das Bedürfnis nach Kino, nach meinem Chor. Ansonsten habe ich das Problem und unser Leben gut gelöst«. »Nicht resignieren, sondern kämpfen und sich selbst Freiräume schaffen«, rät Rosi Patzer allen Angehörigen, »damit die Kraft lange reicht und das Leben auch mit solch einer Diagnose lebenswert bleibt«.

Ulrike Bernauer
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!