Ein Bilderschatz für die Grube Messel

Geschichte: Archiv des Welterbes erhält 500 historische Fotografien - Fotograf in Dieburg aufgewachsen

Messel
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Beim Blick auf das Fo­to mit dem Ar­bei­ter auf der damp­fen­den Hal­de kommt ei­nem Ber­toluc­cis »1900« in den Sinn. Auch an­de­re Fo­tos von Kurt Röh­rig ha­ben die­se An­mu­tung von so­zial­kri­ti­schem Rea­lis­mus. Auf et­was ver­sch­lun­ge­nen We­gen sind Ne­ga­ti­ve und Ab­zü­ge von Schwar­z­weiß-Fo­tos Kurt Röh­rig jetzt in das Ar­chiv der »Wel­ter­be Gru­be Mes­sel gGmbH« ge­langt.
Kurt Röhrig war als Arbeiter in der Grube Messel beschäftigt. Bei zwei Besuchen -  ziemlich sicher 1949 -  hatte der Fotograf aus dem südhessischen Raum rund 500 Fotos von Produktionsanlagen und eben auch von den dort tätigen Menschen gemacht.
Am Samstag hat Röhrigs Enkel Florian Mansard den Bilderschatz offiziell an die Messel-Geschäftsführerin Marie Luise Frey übergeben.
Bilderdetektiv Franz-Jürgen Harms
Dem Messeler Geologen Franz-Jürgen Harms, der der Grube ideell und auch beruflich verbunden ist, gehört das Verdienst, den Schatz in detektivischer Manier ausfindig gemacht zu haben. Beim Pressetermin am Samstag schildert er den Fund einiger Fotografien mit dem Stempel einer heute nicht mehr existenten Frankfurter Bildagentur auf der Rückseite. Die Ermittlungen des Bilderdetektivs führten über Recherchen in verschiedenen Archiven und im Internet zur Stadtverwaltung von Braunfels, wo Röhrig Jahrzehnte gelebt und ein Atelier betrieben hatte.
Die Auskunft, dass der 1912 in Frankfurt geborene, in Dieburg aufgewachsene Fotograf 2007 in Wetzlar verstorben ist, wurde durch den Hinweis auf seinen Enkel Florian Mansard in Bad Soden aufgewogen, der das Archiv seines Großvaters unter seine Fittiche genommen hat. Von den 300 Kartons im Keller des Mansdard’schen Werbemittelvertriebs sind nur wenige beschriftet, einer trug glücklicherweise die Aufschrift »Messel«.
Sehr gute Qualität
Gerne sei er bereit gewesen, der Grube Messel den Erwerb des Materials zu ermöglichen, das vor der Übergabe von Harms katalogisiert und digitalisiert worden ist. Der gelernte Geologe, der eine eigene Agentur für »Erd-ge-schichten« betreibt und gelegentlich der Grube zugearbeitet hat, schwärmt von der Qualität der Kleinbild-Fotografien, vom Blick des Fotografen für die Realität der Arbeitswelt in der Grube und die fotografische Umsetzung der Bildideen. Die Negative seien zudem in gutem Zustand gewesen, während die zuerst entdeckten Kontaktabzüge kaum zu einer Aufarbeitung getaugt hätten.
Dokumente verbrannt
Dass Röhrig, der in seinem Braunfelser Atelier viel Werbefotografie für große Firmen wie Opel gemacht hat, 1949 im Auftrag in Messel tätig war, erschließt Harms aus Marginalien der Fotografien, einem VW Käfer mit Brezelfenster und ähnlichen »Zeitzeugen«, auch aus dem Zustand der Produktionsanlagen für die Ölgewinnung aus dem Messeler Schiefer. Dokumente gibt es dazu nicht. »Mit dem Ende des Ölschiefer-Abbaus sind alle Akten des Unternehmens in den eigenen Öfen verbrannt worden«, bedauert der Bilderdetektiv.
Arbeiter im Mittelpunkt
Dann geht das Gespräch um die Inhalte einzelner Fotografien, bei denen der Fotograf bewusst Arbeiter in den Mittelpunkt gerückt hat. Sie zeigen zum Beispiel einen »Stocherer«, der die Verschwelung des Ölschiefers in Gang zu halten hatte und ohne jeden Atemschutz abgebildet ist. Ähnliches gilt für den Arbeiter, der auf der Halde der dampfenden Rückstände eine Lore auskippt.
Einst 600 Mitarbeiter
Ein anderer Arbeiter an den »Reaktoren« des Unternehmens hat einen Haltegurt um den Bauch geschlungen, »weil die Menschen in diesem Bereich der Produktion wegen der Dämpfe sehr oft ohnmächtig geworden sind«, erläutert Harms und ergänzt, dass es um 1949 wohl weniger um Arbeitsschutz als um Wiederaufbau gegangen sei. Es habe viele Pannen und Unfälle gegeben, und statistisch betrachtet sei jeder der einst 600 Mitarbeiter im Zeitraum von fünf Jahren einmal einige Tage krank geschrieben worden.
»Uns ist es wichtig, dieses Stück Industriegeschichte zu dokumentieren, denn ohne den Ölschieferabbau wären die Fossilien ja gar nicht entdeckt worden, die die Grube Messel zum Welterbe der Menschheit machen«, zeigt Geschäftsführerin Frey einen weiteren Aspekt des Bilderschatzes auf. Der wird nun zunächst in das Gesamtarchiv der Grube Messel eingepflegt. Auf längere Sicht schließt Frey die Präsentation in einer Sonderausstellung nicht aus.
»Dieburger Dreiecksrennen«
Das bei Enkel Mansard befindliche Archiv von Großvater Röhrig scheint indes noch andere Schätze für die Region zu bergen. So erwähnt der Enkel einen Karton mit der Aufschrift »Dieburger Dreiecksrennen 1948« und mutmaßt, dass der seit der Jugend mit Dieburg verbundene Fotograf dort auch noch andere Ereignisse fotografiert hat. Klaus Holdefehr
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