Begehrter Rohstoff von der Wiese: Keltereien erwarten gute Apfelernte

Wetteifern zwischen kleinen und großen Betrieben

Ulrichstein/Laubuseschbach
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Apfelernte
Foto: Fee Berthold-Geis
Sie sind süß-säuerlich, saftig und begehrt: An Hessens Apfelbäumen reifen derzeit die Früchte heran, die später auch als Saft und Apfelwein im Glas landen. Regionale Qualität ist angesagt, aber auch knapp. Die Folge: Ein Wetteifern zwischen kleinen und großen Keltereien.

Frischer Apfelsaft aus den eigenen Äpfeln oder Apfelwein aus der Dorfkelterei - der Trend zu regionalen und Bioprodukten verschafft auch kleinen apfelverarbeitenden Betrieben in Hessen große Nachfrage. Schon jetzt melden sich zahlreiche Obst- und Gartenbauvereine sowie private Obstbaumbesitzer, die zur Apfelernte im September und Oktober ihr Kernobst zu Saft verarbeiten lassen wollen, sagt Michael Müller, der zusammen mit seiner Frau Betina im Nebenerwerb eine mobile Saftpresse betreibt. Damit bedient das Ehepaar Kunden in einem Einzugsgebiet von rund 50 Kilometern. Auch wenn der Sommer bisher sehr trocken und warm ist, rechne er mit einer guten Ernte und reichlich Arbeit an seiner mobilen Saftpresse, sagt Müller. Die Äpfel dürften in dieser Saison zwar etwas kleiner, dafür aber süß und aromatisch ausfallen und deshalb gut geeignet sein für Saft und das «Stöffche», wie der Apfelwein als hessisches Nationalgetränk liebevoll genannt wird.

Die Gerätschaften des Vogelsberger Saftmobils passen auf einen Lkw-Hänger. Die frisch gepflückten Äpfel, die reif und frei von faulen Stellen oder Würmern sein sollten, werden in einer Waschanlage zuerst gereinigt und zu einem Schredder transportiert. Der zerkleinert das Obst, anschließend wird es ausgepresst, filtriert, durch einen sogenannten Röhrenpasteur auf 78 Grad erhitzt und schließlich abgefüllt - entweder in Behälter mit Zapfhahn für alle, die ihn als Saft trinken wollen, oder in mitgebrachte Gefäße für Kunden, die daraus selbst Apfelwein machen wollen.

Die Nachfrage sei gerade in der Corona-Pandemie gewachsen. In dieser Zeit hätten viele Menschen Freude am privaten Gärtnern, regionalen Lebensmitteln und Nachhaltigkeit entdeckt. Nachdem vor allem kleine Dorfkeltereien in den Jahren vor der Pandemie vielerorts schließen mussten, weil sich die Lohnmosterei nicht mehr rechnete oder die Besitzer keine Nachfolger fanden, sei das Interesse auch junger Leute an dem Thema mittlerweile wieder spürbar gewachsen, sagt Müller.

Eine ganze Reihe solcher mobiler Entsafter gibt es mittlerweile in Hessen, darunter beispielsweise Tills Saftmobil on Tour aus Hatzfeld-Reddighausen im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg, Lenzes Apfelquetsche aus Birstein-Untersotzbach im Main-Kinzig-Kreis oder die mobile Kelterei des MainÄppelHaus Lohrberg in Frankfurt, das sich dem Erhalt des artenreichen Lebensraums Streuobstwiese verschrieben hat. Aber auch ortsansässige Betriebe wie die Kelterei Malkmus in Kalbach-Uttrichshausen im Landkreis Fulda nehmen Obst ab einer Menge von 50 Kilogramm an, pressen und pasteurisieren den Saft.

Manche größeren Betriebe sind von der Konkurrenz der Kleinen um den Rohstoff Apfel weniger begeistert. So beklagt Martin Heil aus der gleichnamigen Kelterei in Laubuseschbach (Landkreis Limburg-Weilburg), dass mobile Anbieter den größeren Keltereien buchstäblich den Saft abgraben und dafür sorgen, dass nur noch kleine Restmengen an den Sammelstellen außerhalb der Keltereien ankommen. In seinem Unternehmen würde Heil, der auch Präsident des Verbandes der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien ist, gerne mehr Streuobst-Äpfel verarbeiten, doch reichten die Abgabemengen dafür nicht aus.

Vor einigen Jahren wurde deshalb die Apfelland-Initiative ins Leben gerufen, die Heil sowie die in Karben (Wetteraukreis) ansässige Rapp's Kelterei, der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, die Hochschule Geisenheim und weitere Partner vorantreiben. Zusammen wollen sie die Wirtschaftlichkeit des Mostobstanbaus nachweisen, um mehr Früchte als Ergänzung zum Streuobst zu kultivieren und so den Anteil regionaler Rohstoffe bei der Apfelsaft- und Apfelwein-Produktion zu erhöhen.

Dass die Erträge der Streuobstwiesen nicht ausreichen, hat mehrere Gründe. Zum einen seien viele der Bäume in schlechtem Zustand, weil manchen Besitzern schlicht die Zeit für ihre Pflege und die Ernte fehle, sagt Heil. Früher seien noch wie selbstverständlich auch größere Mengen Äpfel an regionalen Sammelstellen abgegeben worden, von denen es mittlerweile auch weniger gebe. Große Keltereien benötigten aber eine kontinuierliche und verlässliche Rohstoffbelieferung - mit einer gelegentlichen Fuhre Äpfel aus dem Kofferraum eines Autos sei es da nicht getan.

Aber nicht nur aus Zeitmangel werden manche Streuobstwiesen heute mehr schlecht als recht bewirtschaftet - mancherorts sei gar nicht mehr klar, wem die über Generationen weitervererbten Wiesengrundstücke samt Bäumen mittlerweile gehören, sagt Bastian Sauer vom Regionalverband FrankfurtRheinMain. Pflegen und abernten oder auch nur das Fallobst aufsammeln dürfe dort aber trotzdem niemand, denn das wäre Diebstahl.

Mittlerweile sei man dazu übergegangen, Bestände mit eindeutigen Besitzverhältnissen zu pflegen und, wo nötig, Bäume nachzupflanzen, statt zusätzliche Flächen anzulegen. Denn die Bäume bedürften intensiver Betreuung: So sollten sie zu Beginn rund um den Stamm möglichst von Gras freigehalten werden und einen regelmäßigen Pflege- und Erziehungsschnitt erhalten - Maßnahmen, die zeit- und gegebenenfalls auch kostenintensiv sind, wie Sauer sagt.

Mit den Streuobstwiesen hat sich am Mittwoch auch der hessische Landtag auf Antrag der Regierungsfraktionen CDU und Grüne beschäftigt. Die Wiesen seien «Hotspots der Biodiversität» und böten Lebensraum für bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten, erklärte Umweltministerin Priska Hinz (Grüne). Die Landesregierung werde zusätzlich rund eine Million Euro jährlich für die Streuobstwiesenstrategie zur Verfügung stellen. Dazu gehört auch die Einrichtung eines Streuobstwiesenzentrums, das als Anlauf- und Vernetzungsstelle dienen soll.

Christine Schultze, dpa

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!