Aus grauem Morgen in die Sonne

Friedhöfe: Heimatforscher Georg Wittenberger erklärt die jüdische Begräbnisstätte bei Sickenhofen

Babenhausen
1 Min.

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»Das ist das pas­sen­de Licht, um ei­nen Fried­hof zu be­su­chen«, sagt ei­ner der Teil­neh­mer an der Füh­rung, die der Ge­wer­be­ve­r­ein Ba­ben­hau­sen in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Hei­mat- und Ge­schichts­ve­r­ein und des­sen Vor­sit­zen­den Ge­org Wit­ten­ber­ger an die­sem früh­ne­b­li­gen Vor­mit­tag an­bie­tet.
Start ist im Grauen, manche mit der jüdischen Begräbnisstätte bei Sickenhofen verbundenen Facetten der Geschichte sind finster, und am Ende ist das Dutzend Teilnehmer merklich froh, die Sonne zu spüren.
Großes Fachwissen
Wittenberger hat ein großes Fachwissen, hat zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Klaus Lötzsch ein Buch über die »Juden in Babenhausen« herausgegeben (Babenhausen 1988, vergriffen und nur antiquarisch erhältlich).
Er erläutert zunächst, dass es im Altkreis Dieburg vier jüdische Friedhöfe gibt - in Groß-Bieberau, Dieburg, zwei sogar im heutigen Babenhausen.
Zum Verständnis stellt er klar, dass die heutigen Stadtteile Hergershausen und Sickenhofen einst zum Einflussbereich des in Dieburg ansässigen Adelsgeschlechts der Groschlags gehörten und die jüdischen Gemeinden in diesen Dörfern - die Juden machten dort zeitweise über 20 Prozent der Bevölkerung aus - entwickelten sich unabhängig von der Babenhäuser Gemeinde.
Die war deutlich ärmer, was, wie Wittenberger erläutert, auch daran sichtbar wird, dass der dortige Friedhof an der Potsdamer Straße lediglich von einer Hecke umfasst wird, während die Begräbnisstätte bei Sickenhofen von einer gelblichen Ziegelsteinmauer geschützt wird. Der auf einer Sanddüne leicht erhöht angelegte Friedhof besteht aus 139 Gräbern, das älteste von 1743, das jüngste von 1937, und ist in drei historische Bereiche gegliedert, deren ältester von einem Eichenhain beschattet wird. Der Heimatforscher erläutert, dass es um die Restaurierung dieser Denkmal-Mauer vor Jahrzehnten politische Konflikte gegeben hat. Kein jüdischer Friedhof ist ohne solche historische Bezüge, und die ganz schmerzhaften weisen in Richtung Nazizeit und Antisemitismus. In Sickenhofen und Hergershausen gab es auch Synagogen, einer der Teilnehmer ist nebenan aufgewachsen und beschreibt die Fensterläden aus Blech, mit denen die Juden das Gebäude vor den Übergriffen der Antisemiten zu schützen suchten.
Mehrfach geschändet
Die Begräbnisstätte der Juden bei Sickenhofen ist mehrfach geschändet worden, und zum Abschluss, dann schon unter einer gnädigen Sonne, zeigt Wittenberger ein Foto von den massiven, offensichtlich antisemitisch motivierten Zerstörungen - im Jahr 1983. Es waren nicht die letzten: Auf der Webpage www.alemannia-judaica.de steht eine Polizeimeldung zu Hakenkreuz-Schmierereien im Jahr 2010.
Klaus Holdefehr
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