Am Pranger stehen und zuhören

Kultur: In Schaafheim gibt es jetzt einen Hörweg - Zehn Stationen, die per App "lebendig" werden

Schaafheim
2 Min.

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Besuch an der Pranger-Station "Alles, was Recht ist". Foto: Isabel Hahn
Foto: Isabel Hahn
Das Ei­sen sch­ließt eng um den Hals, das Schlu­cken fällt schwer. Klatsch! Ein fau­les Ei lan­det mit­ten im Ge­sicht. Die Hän­de konn­ten es nicht ab­fan­gen, auch sie sind ge­fes­selt. Ge­nau wie die Fü­ße. Ge­läch­ter der vor­über­zie­hen­den Pas­san­ten, die so­e­ben ih­re al­ten Le­bens­mit­tel los­ge­wor­den sind. Am Pran­ger ste­hen - ei­ne Stra­fe, die bis 1753 auch in Schaaf­heim an­ge­wen­det wur­de.

An der Ecke Wilhelm-Leuschner-Straße und Rathausgasse zeugen alte Eisen an der Wand von den Gepflogenheiten früherer Rechtsprechung. Seit Donnerstag kann man dort zusätzlich hören, was los war, wenn damals einer gestohlen, die Polizeistunde missachtet oder jemanden beleidigt hatte. Die Stelle ist eine von insgesamt zehn Stationen, an der ein QR-Code an der Wand in die Browser-App eines Smartphones eingescannt werden kann und Ortsgeschichte vor dem geistigen Auge Gestalt annimmt.

Hörweg nennt sich diese moderne Entdeckungsreise durchs vergangene Schaafheim. Am Marktkreuz hinter dem Rathaus erklärt eine Infotafel genau, wie es geht. Sabine Breitsameter, Professorin für Sound und Medienkultur an der Hochschule Darmstadt, war vor über einem Jahr der Anstoß des Ganzen. "Akustisch wahrnehmen, was visuell nicht mehr zugänglich ist", lautet ihre Idee.

Kurze Stücke

Studierende der Internationalen Medienkultur, die Produktionsleiterin Natascha Rehberg und der Heimat- und Geschichtsverein der Gemeinde haben die Idee umgesetzt: Archive durchforstet, Interviews mit Schaafheimern und typische Geräusche aufgezeichnet und schließlich die Vergangenheit in unter vierminütigen Hörstücken wiedergegeben. Eicke Meyer, der 1998 den geschichtsträchtigen Verein gegründet hat und 16 Jahre lang Vorsitzender war, spricht neben den Schauspielern Friederike Ott ("Ein Fall für Zwei") und Josia Krug in der Pranger-Station "Alles, was Recht ist". Eine bestimmte Reihenfolge beim Durchlaufen muss nicht sein.

In der Weedstraße 4, an einem alten Fachwerkhaus, ist der Stopp "Mund-Art". Da babbelt man Scheffemerisch. Identität und Zugehörigkeit soll der Dialekt vermitteln. Er zählt zur Mundartgruppe des nördlichen Odenwaldes, lässt die Browser-App verlauten. Und "Ouwerohr" muss sagen können, wer echter Scheffemer ist, das heißt auf Hochdeutsch Ofenrohr.

"Ou" ist ganz wichtig im Schaafheimer Singsang. Eicke Meyer, der einst aus Norddeutschland in den hessischen Ort kam, hat den Dialekt nicht übernommen. Aber gerade als ehemaliger Auswärtiger interessiert er sich für die Geschichte seiner jetzigen Heimat. Apropos Heimat: Die Station "Die neue Heimat" berichtet von den Geflüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg, die es nach Schaafheim verschlug. Donauschwaben führten gar eine nach ihnen benannte Kerb ein, die es bis 2011 gab.

Kosten: 17.600 Euro

Einen tollen Beitrag für die Kultur hat das 17.600 Euro teure Projekt, finanziert über unterschiedliche Förderungen und Spenden, geliefert, findet Breitsameter. Sie betont die "mal sinnvolle" Nutzung der digitalisierten Gesellschaft. Vergangenes Jahr hat sie zusammen mit dem Odenwaldklub ihren ersten Hörweg gestaltet - einen mit Naturstimmen durch den Dieburger Forst. Beide ideal in der Corona-Zeit und am besten mit dicken Kopfhörern, die die Alltagsgeräusche ausschließen.

Im Überblick: Anleitung und Stationen

Der Weg zum Hören im historischen Ortskern von Schaafheim ist kurz: Zunächst die Webseite hoerweg-schaafheim.de in den Handy-Browser eingegeben und auf App klicken oder die App direkt durch Einscannen des QR-Codes auf der Infotafel am Marktkreuz aufrufen. Jetzt sieht man eine Karte mit zehn Icons. Jedes verrät den genauen Standpunkt seiner Station. Dort angekommen, scannt man entweder den angebrachten QR-Code oder tippt eine ebenfalls vorhandene vierstellige Nummer ein. Fertig! Nun nur noch zuhören!

Und das sind die Stationen des Hörwegs

Stadtluft macht frei: Marktkreuz, Friedrich-Ebert-Straße 2.

Alles, was Recht ist: Rathaus, Pranger an der Ecke Rathausgasse.

Mund-Art: Weedstraße 4.

Back`es im Backes: Altes Backhaus in der Weedstraße 9.

Die neue Heimat: Altes Backhaus in der Weedstraße 9.

Die alte Kapelle: Alte Kapelle bei der evangelischen Kirche oberhalb Mühlgasse 17.

Ein Mollerbau in Schaafheim: Weinbergstraße 9.

Akustische Stolpersteine: Mahnmal in der Lutherstraße an der Kirchentreppe.

Kleine Stadt, große Begehrlichkeiten: Ortsmauer an der Einmündung Friedrich-Ebert-Straße/Adelungstraße.

Wein, Milch und andere Schätze: Alte Molkerei in der Lindenstraße 21. (IsHa)

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