Donnerstag, 17.10.2019

Schlaganfall mit 40: Wie sich ein Wächtersbacher zurück ins Leben kämpft

Der lange Weg zurück

Wächtersbach
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Marco Nohl hatte 2015 einen Schlaganfall. Ohne die Unterstützung seiner Frau Kerstin hätte er sich nicht so gut davon erholt. Sie und die ganze Familie haben in der schweren Zeit zu ihm gehalten. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Marco Nohl aus Wächtersbach hat 2015 einen Schlaganfall erlitten. Wie er sich mit Hilfe seiner Familie davon erholte und was er alles verändert hat.

Am Anfang steht er wackelig auf seinen Beinen, dann schwankt er, fällt fast und hält sich an der nebenstehenden Liege fest. In der nächsten Szene geht er mit einem Rollator einen Gang in einem Krankenhaus entlang, später geht er mit Walkingstöcken. Dann sieht man ihn schwimmen, durch die Landschaft joggen und schließlich wieder Tischtennis spielen.

Das, was man in dem Video im Zeitraffer sieht und was dort so einfach und so leicht aussieht, hat Marco Nohl aus Wächtersbach (Main-Kinzig-Kreis) viel Kraft gekostet. Es war ein langer, anstrengender Weg, um nach dem 2015 erlittenen Schlaganfall wieder in sein Leben zurückzufinden. Nicht nur für den damals gerade mal 40 Jahre alten Mann, sondern auch für seine Frau Kerstin, die beiden Kinder Ronja und Nils, die ganze Familie. Es hat ihn verändert und zu dem gemacht, was er heute ist. Ein Mensch, der sein Leben schätzt und jede Minute achtsam genießt - im Vergleich zu früher, als er von Termin zu Termin hetzte und sich für sich und für seine Familie kaum Zeit nahm.

Der Schlaganfall

Rückblende: 8. Oktober 2015, 10 Uhr, eine Baustelle in Bad Orb. Ein Tag wie viele zuvor im Leben des selbstständigen Schreinermeisters Marco Nohl. Nohl ist auf eine Leiter gestiegen, um etwas in der Höhe zu befestigen. Dabei streckt er sich, dann steigt er herunter. Als er wieder heruntersteigt, wird ihm schwindelig und schlecht. Er muss sich setzen, hat plötzlich große Kopfschmerzen.

»Ich habe sofort realisiert, dass es etwas ganz Schlimmes ist. Ich konnte nicht mehr sprechen, aufstehen oder die Arme heben«, erinnert sich Marco Nohl an den Tag. Er habe gleich an einen Schlaganfall gedacht, sagt er. Es war Glück im Unglück, dass einer seiner Mitarbeiter ein Jahr zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte. Nohl und seine Kollegen wussten augenblicklich, was zu tun ist. Sie bestellten sofort einen Rettungswagen und zusätzlich einen Hubschrauber.

An das, was danach folgt, hat Nohl nur eine verschwommene Erinnerung. Der Flug in die Klinik nach Höchst. Ein heller Raum mit Maschinen, vielen Menschen und einem Computertomografen, in den er hineingeschoben wird. Er verliert das Bewusstsein. Als er wieder wach wird, sieht er seine Frau Kerstin.

Die Familie

Kerstin Nohl war beim Einkaufen, als sie die Nachricht bekommt, dass ihrem Mann etwas passiert ist. Sie lässt alles stehen und liegen und rast in die Klinik. Zuerst in das Krankenhaus nach Hanau, weil sie falsch informiert worden war. Aber schließlich kommt sie in Höchst an. »Wie im Film flog die Doppeltür auf und er wurde herausgefahren. Er sah gar nicht aus wie er selbst. Ich bin dann neben dem Bett her im Laufschritt durch einen langen Gang. Durch den mussten wir danach noch oft. Da in dem Keller war auch die Pathologie. Da stand ein kleiner Sarg«, erzählt sie. Immer wieder, wenn sie nebeneinander sitzen und erzählen, schauen sie sich an. Suchen Halt aneinander. Noch immer ist das Erlebte präsent - als wäre es gestern passiert.

(1) Nach dem Schlaganfall zurück ins Leben: Der Fall Marco Nohl - Das ist passiert
Quelle: Stephanie Renger

Im Krankenhaus

Ab dem Tag, der doch so normal anfing wie so viele andere, war nichts mehr wie zuvor. Die ersten fünf Tage nach einem Schlaganfall sind die risikoreichsten, weil es in der Folge immer noch mal zu einem Schlaganfall kommen kann. Marco Nohl begreift seine Situation. »Ich konnte nichts mehr. Ich habe doppelt gesehen. Ich konnte nicht lesen oder fernsehen. Die Zeit war endlos«, beschreibt er seinen damaligen Zustand. Zwei, drei Wochen kommen ihm wie eine Ewigkeit vor. Er dämmert vor sich hin. Kerstin Nohl zuhause bangt um ihren Mann, versorgt die Kinder - die Zwillinge Ronja und Nils sind damals fünf Jahre alt - und das Haus, organisiert die Firma und fährt jeden Tag nach Höchst.

Nach über einer Woche kann Nohl zum ersten Mal auf der Bettkante sitzen und aufrecht essen. »Ein Riesenerfolg«, sagt er. Und wenn er davon erzählt, merkt man ihm immer noch an, wie sehr ihn die Situation damals berührt hat. Anfangs darf ihn nur seine Frau besuchen - ohne die Kinder. Welche Schwierigkeiten und Probleme es zuhause gibt, muss sie für sich behalten. Nohl darf sich nicht aufregen, der Blutdruck muss konstant gehalten werden. Eine schwierige Zeit für die ganze Familie. Niemand von ihnen weiß, wie sie alles schaffen sollen, wie es weitergehen soll.

Die Rehabilitation

Nach drei Wochen Krankenhausaufenthalt in Höchst kommt Nohl in die Rehabilitation nach Bad Orb (Main-Kinzig-Kreis). Es geht das erste Mal aufwärts. Das Rehaprogramm strukturiert den Tag. Nohl kann endlich wieder etwas tun. Der Arzt macht ihm klar, wie wichtig Bewegung zukünftig für ihn ist. Nohl fängt an, Gewicht zu verlieren, trainiert mit unglaublich viel Willen und ist, wann immer es geht, im Fitnessraum. »Ich wollte so sehr wieder gesund werden. Alles andere war doch unwichtig.« Weil er nicht isoliert auf dem Zimmer essen will, schafft er es schon nur Tage nach seiner Ankunft ohne Hilfe von seinem Zimmer in den Speisesaal. »Ich brauchte ein Ziel. Ich wollte unter Menschen sein beim Essen«, erzählt er. Nach sieben Wochen kurz vor der Entlassung gibt ihm die Physiotherapeutin einen Rollator. »Damit bin ich 100 Meter gelaufen«, sagt er. Zwei Wochen vorher mussten ihn noch zwei Therapeuten stützen, damit er überhaupt stehen konnte. »Es gab nie Momente, in denen ich gezweifelt hätte, dass es wieder wird. Nie«, bekräftigt Nohl. Aufgeben war nie eine Option. Er wusste, er wollte leben. Wollte weitermachen. Für seine Familie und für sich. Er hatte sich in diese Situation hinein manövriert - und suchte jetzt einen Weg wieder heraus.

Die Veränderungen

»Wenn wir nach dem Schlaganfall unser Leben so weitergeführt hätten wie davor, wäre es zu einem weiteren Knall gekommen«, weiß auch Kerstin Nohl. Die Familie hat viel verändert. Sie alle essen und genießen bewusster. Es gibt weniger Fleisch, mehr Salat und Gemüse und für die Erwachsenen weniger Alkohol. Spazieren gehen steht seitdem regelmäßig auf dem Programm. Am liebsten laufen sie alle zu viert mit Hund zum nahen Mittbachweiher. Ein idyllischer Platz im Wald. Zehn, fünfzehn Minuten entfernt. Auch größere Touren wie zum Beilstein unternehmen sie. Früher wäre das undenkbar gewesen. Da hat Nohl jede freie Minute für die Firma, für die Arbeit genutzt. 16-Stunden-Tage waren die Regel. Arbeit am Wochenende oder abends war geplant. Die Familie kam weit dahinter. Heute macht er es bewusst anders. Weg vom alten Trott. Von dem, was Marco Nohl krank gemacht hat. Das hat er gelernt. In der Mittagspause geht er heute joggen - statt wie früher an einer Imbissbude eine doppelte Portion Würstchen mit Pommes zu verdrücken. Er hat gelernt, auf seinen Körper zu hören und zu achten. Etwas, was ihm früher völlig fremd war. Über Jahre hinweg hat Nohl gegen seinen Körper gelebt. Viel Stress und wenig Ausgleich. Urlaub kannte er nicht. »Wenn jemand nach so einem Schicksalsschlag nichts ändert, das wäre doch irre«, sagt der 44-Jährige.

So viele neue Gewohnheiten verändern nicht nur ein Leben nach innen, sondern auch nach außen. Der Freundeskreis, so sagen beide, habe sich verändert nach dem Schlaganfall. Viele kämen mit »dem anderen, dem neuen Marco« nicht mehr klar. In der Reha hatten ihn viele Freunde noch besucht.

»Aber als ich wieder zuhause war, kam niemand mehr.« Zwei, drei Leute habe es trotzdem gegeben, die die Familie sehr unterstützt haben. Schon allein, weil in der Firma viel zu erledigen war. Auch wenn Marco Nohl körperlich relativ schnell wieder fit war, kam sein Kopf nicht so schnell hinterher.

Die psychischen Folgen

Ein Jahr nach dem Schlaganfall entwickelte er eine Angststörung. Er stand eines Tages in der Küche und kochte Kaffee. »Da ging es plötzlich los. Ich hatte so ein enges Gefühl in der Brust und bekam Panik«, erzählt Nohl. Heute weiß er, dass es auch damit zusammenhing, dass Leute ihm Angst machten nach dem Schlaganfall. Wie er alleine unterwegs sein könne. Was, wenn er bei einem Waldlauf einfach umkippe und es keiner merke. Bei Nohl ging das Kopfkino los - und war nicht mehr aufzuhalten. Ob er beim Bäcker auf Brötchen wartete oder zuhause unter der Dusche stand: Die Angst war plötzlich sein ständiger Begleiter. Seine Kreise wurden kleiner. Er traute sich immer weniger. Irgendwann hat er das Haus nicht mehr verlassen. Ein Jahr kämpfte er dagegen an, machte eine Gesprächstherapie und überwand schließlich die Störung. Geholfen hat ihm in dieser Zeit auch das Meditieren. Etwas, was er bis heute noch praktiziert.

Das Ziel

Für Marco Nohl ist nichts mehr so, wie es mal war. Ein Handwerker ist er nur noch eingeschränkt. Seine Firma hat er nicht mehr. Er arbeitet stattdessen stundenweise als Bauleiter. Sein Körper hat sich verändert. Aber seine Familie ist ihm geblieben. Sie hat zu ihm gehalten. Das Leben ist intensiver geworden. Kostbarer. Und er arbeitet weiter an sich. »Die ganze linke Körperhälfte hat eine andere Muskelspannung als die rechte. Dadurch fühlt die sich anders an. Wie fest bandagiert. Ich lebe damit, aber das würde ich gerne noch verbessern«, sagt er. »Da geht viel, wenn man will.«

Kürzlich hat er sogar ein Video gepostet aus dem Urlaub, das ihn beim Surfen zeigt. Eine der neuen Seiten an Nohl. Der Mann, der sich selbst mit der Hilfe anderer Menschen, neu gefunden hat. Nach einem langen Weg. Einem Weg, von dem er auch in den dunkelsten Stunden wusste, dass er ihn schaffen wird.

www.main-echo.de/schlaganfall
 
Zahlen und Fakten: Situation Schlaganfall in Deutschland

 In Deutschland werden jedes Jahr rund 270 00 Schlaganfälle registriert. Das heißt, dass alle zwei Minuten ein Mensch in Deutschland einen Schlaganfall erleidet. Etwa 200 000 Schlaganfälle sind erstmalige Ereignisse für die Betroffenen.

1,3 Millionen Menschen leben mit den Folgen eines Schlaganfalles. Schlaganfälle sind der häufigste Grund für Langzeitbehinderungen im Erwachsenenalter. Forscher erwarten, dass sich die Zahl der Menschen, die an den Folgen eines Schlaganfalls leiden, bis 2030 verdreifachen wird.

Etwa zwei Drittel der überlebenden Patienten sind nach dem Schlaganfall auf fremde Hilfe angewiesen. In 2017 waren 100 000 Patienten von Sprachstörungen betroffen, sind auf den Rollstuhl angewiesen oder mussten rund um die Uhr betreut werden.

75 Prozent der Schlaganfall-Betroffenen sind älter als 65 Jahre.

Schlaganfälle sind die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und für etwa acht Prozent aller Todesfälle verantwortlich. Das waren 2017 60 000 Patienten in ganz Deutschland.

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