Samstag, 07.12.2019

Pressefoto des Jahres: Mit dieser Serie hat unser Fotograf Harald Schreiber gewonnen

Wettbewerb für Unterfranken

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Am Point Alpha bei Fulda verlief der Todesstreifen. Nach der Wiedervereinigung entstand hier durch den Druck einer Bürgerinitiative ein Erinnerungsort und Dokumentationszentrum.
Foto: Harald Schreiber
Mit der Foto-Serie zu der Geschichte unserer Reporterin Monika Büdel hat unser Fotograf Harald Schreiber am Dienstag einen Preis gewonnen: Das Pressefoto des Jahres Unterfranken 2019 in der Kategorie Serie. Hier die Geschichte und die Serie.
Point Alpha in der Rhön: Wo der Krieg zwischen West und Ost wohl begonnen hätte

Vom Todesstreifen zum Weg der Hoffnung

Der Point Alpha in der Rhön standen sich NATO und Warschauer Pakt vier Jahrzehnte lang Auge in Auge gegenüber. Diese Region an der innerdeutschen Grenze war eine der bedeutendsten und kritischsten zwischen Deutschland und der DDR. Heute ist der Point Alpha ein Geschichte erzählendes Mahnmal.

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Gedenkstätte Point Alpha
Foto: Harald Schreiber |  28 Bilder

Stacheldraht und Dornenkrone, Kreuz und Wachtürme, Todesstreifen und Grünes Band, Grenzöffnung und Auferstehung: Am Point Alpha in der Rhön bei Fulda liegt das auf einer Linie, auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Zwischen der Stadt Geisa und der Gemeinde Rasdorf seht das Informationszentrum »Haus auf der Grenze«, verlaufen Grenzzaun und der »Weg der Hoffnung«.

Bis 1989 war die Welt durch den Eisernen Vorhang geteilt in den Westen und den Ostblock, in Nato und Warschauer Pakt, in Demokratie und Diktatur. An dieser fast 1400 Meter langen Grenze lag der Point Alpha an deren westlichstem Punkt. Hätte die Sowjetunion den Westen angegriffen, hätte der Krieg aufgrund der geografischen Lage wahrscheinlich an diesem Punkt, dem so genannten Fulda Gap, begonnen, heißt es im Informationsmaterial der Point Alpha Stiftung, die die Gedenkstätte betreut. Aufgrund dieser Annahme hatte die Nato dort einen Beobachtungsstützpunkt mit Camp.

Dass daraus ein Lern- und Erinnerungsort geworden ist, geht auf die Initiative von Frauen und Männern auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze zurück. Sie wollten Point Alpha erhalten: als Mahnung, zur Erinnerung, als Denkanstoß und als Ort zum Lernen. Die Teilung Deutschlands sollte nicht vergessen, Bildungs- und Forschungsarbeit fortgeführt werden.

30 Jahre nach dem Mauerfall ist Point Alpha eine Gedenkstätte, die eine große Fülle an Information über die Teilung Deutschlands vor 70 Jahren bis zur Wiedervereinigung und darüber hinaus bietet. Und er ist ein Ort zum Innehalten, zum Zurückblicken und Nach-vorne-Schauen auf dem »Weg der Hoffnung«.

Auf Basis des christlichen Kreuzwegs hat die Point Alpha Stiftung 14 Stationen entlang dem ehemaligen Todesstreifen errichtet. Der Weg ist 1,4 Kilometer lang, in Anlehnung an die 1400 Kilometer Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands. Der Weg ist mit bis zu vier Meter großen Figuren des Metallbildhauers Ulrich Barnickel gestaltet. Der 1995 in Weimar aufgewachsene Künstler wurde nach Ausreiseanträgen 1985 ausgebürgert.

Die 14 Stationen tragen als Untertitel die christlichen Namen wie »Jesus wird zum Tod verurteilt«, »Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz« und »Jesus wird seiner Kleider beraubt«. Überschrieben sind sie mit Begriffen wie Willkür, Erniedrigung und Entwürdigung. Damit wollen die Stifter an den Widerstand gegen die kommunistischen Diktaturen erinnern und den Blick auf den eigenen Schicksalsweg lenken.

Mehr als alle Titel und Untertitel drücken Barnickels Figuren aus Metallteilen aus. Jesu Körper wirkt oft aufgerissen, die Haltung verzweifelt. Das Entsetzen schreit fast aus den schemenhaften Gesichtern. Maria mit ihrem toten Sohn - ein Bild unfassbarer Trauer. Wie viele Menschen haben diesen Schmerz erlebt?

Die innerdeutsche Grenze hat Hunderten Menschen das Leben gekostet, ungezählte Familien, Partnerschaften und Freundschaften getrennt. Tränen sind geflossen wie bei den weinenden Frauen, die den Kreuzweg Jesu säumen. Wie viele Tränen des Abschieds und der Verzweiflung haben Menschen geweint?

Hintergrund: Main-Echo-Fotograf Harald Schreiber ausgezeichnet

Seine schwarz-weißen Fotos vermitteln eine Ahnung von diesem tristen Fleck an der innerdeutschen Grenze: Dem Gelände des ehemaligen US-Camps »Point Alpha« in der hessischen Rhön. Dafür hat die Jury des »Pressefotos des Jahres 2019 Unterfranken« den Main-Echo-Fotografen Harald Schreiber am Dienstag ausgezeichnet. Er gewann den Wettbewerb in der Kategorie »Beste Serie«.

Der Landstrich um den Beobachtungspunkt »Point Alpha« war während der Teilung Deutschlands einer der brenzligsten Standorte der gesamten innerdeutschen Grenze. Hätten die Länder des Warschauer Paktes während des Kalten Krieges den Westen angegriffen, »hätte der Krieg aufgrund der geografischen Lage wahrscheinlich an diesem Punkt, dem so genannten Fulda Gap, begonnen«, schrieb unsere Reporterin Monika Büdel im April dieses Jahres in ihrer zu der Fotoserie gehörenden Geschichte.

Heute ist der ehemalige US-Stützpunkt eine Gedenkstätte. »Der markante Observation Point Alpha der US-Army macht diesen Teil der ehemaligen Grenze zu einem einzigartigen Zeugnis deutscher Geschichte«, heißt es seitens der Gedenkstätten-Macher.

Genau diese Einzigartigkeit einzufangen, war das Ziel Schreibers. Leicht gemacht hatten es ihm die Wetterverhältnisse im April nicht, erinnert sich unser Fotograf: »Es war bestes Wetter mit strahlendem Sonnenschein.« Bei diesem Wetter die Tristesse und die historische Schwere dieses Ortes abzubilden, sei fast unmöglich gewesen, sagt Schreiber. Deshalb entschied er sich für die Schwarz-Weiß-Fotografie. Schreibers Plan ging voll auf. Die Perspektiven seiner Fotos – gepaart mit dem Entzug bunter Farben – überzeugten die Jury. Nominiert waren drei Serien verschiedener Fotografen. Schreibers Serie setzte sich am Ende bei der 25. Verleihung des Wettbewerbs des Bayerischen Journalistenverbandes durch. (mai)

Für die, die im Westteil lebten: Wer wären wir in der DDR gewesen? Mitläufer oder Informelle Mitarbeiterin? Regimekritikerin oder Resignierter?

Den Arm erhoben, die Hand zeigt nach unten, so stellt der Künstler den Richter dar, der Jesus zum Tod verurteilt. Willkür heißt diese erste Station und verdeutlicht die Absicht der Initiatoren, an die Opfer der Diktaturen zu erinnern. Die letzte Station »Jesus wird ins Grab gelegt« heißt Hoffnung.

Barnickel hat es mit einem großes Tor versehen, das sich nach innen und außen öffnen lässt. Wohin gehen wir? Zurück in die Teilung? Auf der einen Seite Menschen in Freiheit, auf der anderen Verfolgte, herüben Ignoranten und drüben Opfer, hier Wohlhabende, dort Menschen in Not.

Das Haus auf der Grenze ist in Blau, der Farbe Europas, gestrichen. Davor dreht sich eine Spirale auf der in Russisch, Englisch und Deutsch das Wort Frieden steht. Gleich gegenüber beginnt der »Weg der Hoffnung«. Läuft man in die entgegengesetzte Richtung, kommt man zu den Grenzanlagen und Grenzrekonstruktionen sowie den ehemaligen Baracken der US-Soldaten.

Auf dem eingezäunten Gelände des Camps ist eine kleine Freizeitanlage mit Grill erhalten. Dennoch, ein Vergnügungspark war das hier nicht. Militärfahrzeuge, ein Wachturm, Warnschilder, dass ein paar Meter weiter die Grenze verläuft. Nicht irgendeine Grenze, sondern eine mit Stacheldraht, mit Minen und später mit Selbstschussanlagen. Der sogenannte Todesstreifen.

Eine Ausstellung in einer der Baracken mit Ausrüstung, Kartenmaterial und Strategieplänen gibt Einblick in eine Zeit, die mehr als eine Generation nicht mehr erlebt hat: der Kalte Krieg. Dass diese Zeit und die besondere Situation am Fulda Gap nicht vergessen wird, hatten sich eine Gruppe um den Künstler Josef Knecht und eine Bürgerinitiative vorgenommen. Es war wieder eine Grenze, die das Vorhaben erschwerte.

Am Point Alpha, wo einst Nato-Gebiet und Warschauer Pakt aufeinandertrafen, liegen sich Thüringen und Hessen gegenüber. Im Gegensatz zur thüringischen Landesregierung, die von Anfang an interessiert war, wollte die hessische Landesregierung nach der Grenzöffnung Asylbewerber im Camp unterbringen und es danach renaturieren, heißt es im offiziellen Infomaterial.

So wurde der Stützpunkt an der Grenze zur Freiheit, wie die US-Amerikaner sie nannten, Zuflucht für Verfolgte und von Krieg und Ungerechtigkeit Bedrohte. Als sie 1995 die Baracken verließen, kämpfte die Bürgerinitiative gegen den Abriss, gründete Trägervereine mit Sitz in Geisa und in Rasdorf, um in den jeweiligen Bundesländern an Förderung zu kommen.

Den Unterlagen nach war es ein Wettkampf mit der Zeit, weil das Camp mittlerweile zu zerfallen drohte. Die Abrissarbeiten hatten schon begonnen, als die hessische Denkmalbehörde es unter Schutz stellte.

Ehrenamtlich Engagierte sicherten die Substanz. 1998 hatten es die Vereine geschafft mit einer Musteranlage zu zeigen, wie die Grenze nach und nach zum Todesstreifen ausgebaut worden war. Sie sammelten Material und organisierten Führungen. Zu Gedenkveranstaltungen mit Vorträgen und Gottesdiensten folgten Politiker bis hin zur damaligen CDU-Bundesvorsitzenden Angela Merkel ihrer Einladung, kamen Kirchenvertreter und Bürgerrechtler.

Seit 2008 ist die Point Alpha Stiftung Träger des Gedenk- und Lernortes. Um die Anlage mit ihrem Dokumentationszentrum weiterzuentwickeln, hatten sich Freunde und Förderer für diesen Weg entschieden. Das Stiftungskapital stellten die Länder Hessen und Thüringen, der Landkreis Fulda und der Wartburgkreis sowie die Stadt Geisa und die Gemeinde Rasdorf zur Verfügung. Eine Zustiftung stammt vom Bund. An der Stelle, an der die Geschichte Geisa und Rasdorf auseinandergerissen hatte, mahnt ein Gemeinschaftsprojekt zur Zukunft in Frieden.

Monika Büdel

Dieser Artikel erschien im April 2019 in unseren Medien

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