Donnerstag, 06.05.2021

Post von Poppe: In Auschwitz machen sie Selfies

Unsere Freitagskolumne

Wertheim
Post von Poppe
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Thomas Poppe
Post von Poppe. Foto: Anja Keilbach
Foto: Anja Keilbach
Unser Autor Thomas Poppe versucht passende Worte zu einem Verbrechen zu finden, für das es keine Worte gibt. Ein Text gegen das Vergessen des Holocausts.

Foto: Britta Wittstock / Main-Echo

Liebe Leser:innen,

am 27.01.1945 fand die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau statt. Seit 2005 ist es auch der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts“. „Holocaust“ heißt übersetzt „vollständig verbrannt“. Ich kann beim Tippen spüren, wie der ein oder andere Leser die Augen rollt. Was habe ich damit zu tun und wie lange sollen wir noch für die Fehler unserer Ur-Großeltern um Entschuldigung bitten? Die Antwort ist einfach: Es ist nicht unsere Schuld, was passiert ist. Aber es ist unsere Aufgabe, dass das alles nie wieder passiert. Und es gibt viel zu tun.

Als ich vor ein paar Jahren meinen beruflichen Alltag in Wertheim hatte, berichtete ich über eine Gedenkstätte in der Region. Einen Tag nach der Veröffentlichung kam eine Frau um die 80 vorbei und erzählte mir die Geschichte von ihrer Mitschülerin. Dass sie ein so nettes Mädchen war, Klassenbeste, beliebt. Dass sie nie negativ aufgefallen, hilfsbereit und fröhlich war. Dass sie irgendwann von Männern in Uniform aus dem Unterricht geholt wurde und allen klar war, dass das Mädchen nie wieder kommen wird. Am Ende des Gespräches hatten wir beide Tränen in den Augen.

Die Zahlen des Holocausts sind so gewaltig, dass wir sie nicht greifen können. 5,6 bis 6,3 Millionen ermordete Juden. Getötet mit industriellen Methoden. „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ wurde es genannt. „Jedem das Seine“, stand am Tor des KZ in Buchenwald. Nach innen gerichtet, damit es die Gefangenen lesen konnten. Jeder bekommt das, was er verdient. Was genau hat dieses Mädchen aus Wertheim getan, damit es all das verdient hat, was nach diesem Tag in der Schule kam? Was hatten all die anderen Menschen getan, die gemeinsam hinter dieser unfassbare siebenstelligen Zahl stehen?

Das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin ist ein extrem beliebter Ort. Vor allem für Selfies zwischen den vielen imposanten Stelen. Die Gedenkstätte Buchenwald bat innig darum, das Skifahren und Rodeln über Massengräbern zu unterlassen. In Auschwitz machen Influencer lachend Seflies. Auf Corona-Demos vergleichen sich Teilnehmer mit den Opfern von damals. „Ihnen ist schon klar, dass Anne Frank eine Romanfigur ist?“ (sic!) kommentierte am Montag ein Mann auf Twitter. Gleichzeitig stehen im Jahr 2021 Polizisten mit Maschinengewehren schützend vor jüdischen Einrichtungen. Wer offen einen Davidstern oder eine Kippa trägt, lebt in ständiger Angst.

Es begann nicht mit Konzentrationslagern. Es begann mit Menschen, die plötzlich den jüdischen Nachbarn nicht mehr „Hallo!“ sagten, sondern ihnen vor die Füße spuckten, und die das jüdische Kind nicht mehr mit ihrem Kind spielen ließen. Wir können den Anfängen nicht mehr wehren, weil sie längst gemacht sind. Mit feigen Anschlägen, die von Menschen, die sonst gerne ganze Religionen in Sippenhaft nehmen, zu Taten verwirrter Einzelner kleingeredet werden. Mit Bundestagsabgeordneten, die das Dritte Reich als "Fliegenschiss der Geschichte" bezeichnen und notfalls auf Menschen an Grenzzäunen schießen lassen wollen, die vor genau solcher Unterdrückung und Verfolgung fliehen.

Würde man für jeden ermordeten Juden ein Streichholz nehmen und sie alle stapeln, wäre der Turm 18 Kilometer hoch. Gehen Sie mal einen Schritt und stellen sich vor, er steht symbolisch für 200 ermordete Menschen - 200 von 6.000.000 Menschenleben. Dieses eine Mädchen aus Wertheim. Ausgelöscht. Fünfzig Mal der komplette Landkreis Miltenberg. Väter, Mütter, Söhne, Töchter. Würde man für jedes Opfer des Holocaust eine Schweigeminute halten, wäre die Welt 11 Jahre lang still.

„Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen“, wird Schriftsteller Primo Levi, selbst KZ-Überlebender, gerne zitiert. Holocaust heißt übersetzt „vollständig verbrannt“. Alles was damals passiert ist, sollte sich für immer in unser Gedächtnis einbrennen. Es ist erschütternd, es ist unbequem, es ist so wichtig. Warum ist der 27. Januar kein bundesweiter Feiertag? Warum steht ein KZ-Besuch nicht auf jedem Lehrplan einer Abschlussklasse? Es gibt kaum noch Zeitzeugen. Es liegt an uns, dass das alles nicht vergessen wird und nicht noch einmal passiert.

Ihr 
Thomas Poppe

 

Unser Kolumnist: Thomas Poppe

Thomas Poppe ist als freier Autor für bekannte Formate wie die „ZDF-Heute-Show“ oder „Late Night Berlin“ tätig und textet für die Hamburger Kommunikationsagentur SZENARIO3. Der 38-Jährige lebt mit Frau und zwei Kindern in Eichenbühl. Zum Wochenausklang schreibt Thomas Poppe jeden Freitag seine Kolumne "Post von Poppe" exklusiv für main-echo.de.

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