"Sellemols/Seinerzeit": Uffgewåchse en de Schneirerwerkstått

Main-Echo Dialekt-Kolumne

Leidersbach
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So hat es auch bei unserer Reporterin Renate Ries daheim ausgesehen. Das Foto ist in einer Aschaffenburger Heimschneiderwerkstatt entstanden.
Foto: privat/Main-Echo Archiv
Sel­le­mols ist die Main-Echo-Dia­lekt-Ko­lum­ne. Je­de Wo­che er­zäh­len Re­dakteu­re von Be­o­b­ach­tun­gen, Ge­schich­ten und An­ek­do­ten in ih­rem Dia­lekt. Re­na­te Ries stammt aus Lei­ders­bach (Kreis Mil­ten­berg).
[Sellemols]

Isch ben å Heimschneirer-Kind. In moim Geburtsjår håm 30.000 Leid im Raum Aschebersch-Mildebersch in de Bekleidungsbrångsche geschaffd, ålons 10.000 Heimschneirer. Zwo devou wårn moi Eldern. Osser Familjeläwe håt sisch en de Werkstått åbgeschbield. Moin Laafschdall wår en de Werkstått, schbedä moin Kaufmånnslåde und moin Schreibdisch. Sogår de Wellesiddisch-Käfisch wår en dere 25 Quadratmeder groaße Stuwwe. Mir hadde drei Nähmaschine, å Knobblochmaschin, å Maschin zum Kendeln, en Büscheldisch un en Disch zum Zuschneire. Fä misch wår die Schneiderei schbånnend - bis heit. Als Kloanesje hob isch schdundenlång bei moim Vådder uff de Schduhllehne gehockt un ihn gekemmt. Als isch dånn en den Schul wår, hob isch scho en de Werkstått midhelfe kenne. Bloaß zum Esse son mer en die Kische. Sunst håt sisch alles en de Werktstått åbgeschbield. Doa es å Radio gelaafe und åb un zu en kloane Fernseher. De Loggdaun hett moi Eldern nid aus de Båhn gewoffe. Des wår friher gånz normal, dass sisch alles en de Schneirerschduwwe åbgeschbield håt.

[Seinerzeit]

Ich bin als Kind von Heimschneidern aufgewachsen. In meinem Geburtsjahr arbeiteten 30.000 Beschäftigte im Raum Aschaffenburg-Miltenberg in der Bekleidungsbranche, darunter etwa 10.000 Heimschneider. Zwei davon waren meine Eltern. Unser Familienleben hat sich in der Werkstatt abgespielt. Mein Laufstall war in der Werkstatt, später mein Kaufmannsladen und mein Schreibtisch. Auch der Käfig mit meinen Wellensittichen hing in dem etwa 25 Quadratmeter großen Raum. Es gab drei Nähmaschinen, eine Knopflochmaschine, eine Umsäummaschine, einen Bügeltisch und einen Zuschneidetisch. Für mich war die Schneiderei faszinierend - und ist es bis heute. Als kleines Kind habe ich Stunden auf der Stuhllehne meines Papas verbracht und ihm während der Arbeit die Haare frisiert. Später, ab Grundschulalter, habe ich gerne mitgeholfen, bei einfachen Tätigkeiten. Nur zum Essen ging's in die Küche. Der restliche Tag, oft bis spät in den Abend, hat sich in der Werkstatt abgespielt, wo das Radio lief oder auch mal ein kleiner Schwarzweiß-Fernseher. Der Lockdown hätte meine Eltern nicht aus der Bahn geworfen. Dass sich alles daheim abspielt, war in den Heimschneiderstuben in den Spessartdörfern der damaligen Zeit keine Besonderheit.

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