Pionier der Nachhaltigkeit

Kommz: Beim Nilkheimer Parkfest ist der Kollektiv- und Nachhaltigkeitsgedanke seit Jahrzehnten präsent

Aschaffenburg
4 Min.

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43 Jahre liegen zwischen den beiden Aufnahmen vom Nilkheimer Parkfest Kommz von 1976 und 2019. Auf den ersten Blick wirken die beiden Bilder mit jungen Festival-Besuchern gar nicht so unterschiedlich. Der genaue Blick zeigt indes, dass Getränke statt in Plastikbecher in Bierkrüge abgefüllt werden. Nicht die einzige Veränderung der letzten Jahrzehnte.
Foto: Petra Reith
43 Jahre liegen zwischen den beiden Aufnahmen vom Nilkheimer Parkfest Kommz von 1976 und 2019. Auf den ersten Blick wirken die beiden Bilder mit jungen Festival-Besuchern gar nicht so unterschiedlich. Der genaue Blick zeigt indes, dass Getränke statt in Plastikbecher in Bierkrüge abgefüllt werden. Nicht die einzige Veränderung der letzten Jahrzehnte.
Foto: Karl-Heinz Liebler, 1976/07/03
Wie vie­le Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen muss­te auch das äl­tes­te Open-Air der Re­gi­on, das Nilk­hei­mer Park­fest Kommz, in der Pan­de­mie meh­re­re Gän­ge her­un­ter­schal­ten. 2020 fiel das Fes­ti­val in dem Aschaf­fen­bur­ger Stadt­teil aus, 2021 gab es nur ein klei­ne­res Er­satz­fest. Die Durst­st­re­cke ist über­wun­den: Das Kommz wird an die­sem Wo­che­n­en­de ge­fei­ert wie eh und je. Da­bei war das Nilk­hei­mer Park­fest seit An­be­ginn mehr als ein Mu­sik­fes­ti­val.

Bereits die Premiere 1975, die noch unter den Fittichen des städtischen Jugendhauses veranstaltet wurde, war von politischen Impulsen getragen. Ein wichtiges Thema, auf das die jungen Aktivisten auch auf ihrem Festival-Plakat hinwiesen, war die Solidarität mit der unterdrückten chilenischen Bevölkerung nach Pinochets Militärputsch. Daran erinnert Kommz-Gründungsmitglied Robert Schmitt-Plosz (64), damals junger Besucher des Jugendhauses. Sogar chilenische Künstler habe man damals eingeflogen - in Kooperation mit anderen politischen Jugendhäusern im Rhein-Main-Gebiet. Eine chilenische Frauengruppe bot Folklore und Tänze, es gab Filme und ein Forum für Diskussionen zu verschieden Themen wie Wehrdienstverweigerung.

»KommtsKommzKommt« stand auf dem ersten Plakat der damals noch zweitägigen Veranstaltung. Sämtliche auftretende Bands, darunter lokale Gruppen wie Sybenwurtz, verzichteten auf ihre Gage. Und die Besucher wurden aufgefordert, selbst kreativ zu werden und Musikinstrumente mitzubringen. Das politische Engagement der Veranstalter spiegelte sich lange auch in der Musik auf der Bühne wider: In den ersten Kommz-Jahren traten Polit-Rock-Größen wie Die Drei Tornados (1977) und Schröder Roadshow (1979) auf. Die Flyer wurden mit Karikaturen der Sponti-Legende Gerhard Seyfried aufgepeppt.

Der politische Impuls des Festivals ist geblieben. Politische Gruppen finden während des dreitägigen Festivals noch immer ein Forum, betonen Kommz-Vorsitzender Daniel Damm (37) und seine Stellvertreterin Lea Heeg (34). Schon die Eltern der beiden waren beim Kommz aktiv. Damm und Heeg kennen das Festival daher seit ihrer Kindheit. »Wir waren Kommz-Kinder. Das Zusammensein in den Aufbauwochen war wie eine Großfamilie«, erinnert sich Damm. »Ich kann mich in meinem Leben an keine Zeit ohne Kommz erinnern«, sagt Lea Heeg.

Vom politischen und gesellschaftlichen Engagement zeugt auch die Spendenbereitschaft der Kommzler: Bis heute spendet der Freundeskreis für Kultur e.V., wie die Kommz-Gruppe offiziell heißt, die Überschüsse des Festivals an regionale und überregionale Organisationen. Der größte Anteil geht seit Jahren an den Verein »Kommz-Hilfe«, der Asylbewerber bei ihren Anerkennungsverfahren unterstützt. Möglich sei das, weil das Festival ehrenamtlich bestritten werde und keine kommerziellen Interessen verfolge, sagt Daniel Damm.

Dabei war das Kommz stets auch ein Kind des Zeitgeists. Vieles hat sich in den letzten viereinhalb Jahrzehnten verändert oder weiterentwickelt: Das Umweltbewusstsein hatte bei den ersten Festivals in den 1970-er Jahren längst nicht den Stellenwert wie heute. »Nach den ersten Nilkheimer Parkfesten sah es aus, als hätte es im Sommer geschneit«, sagt Robert Schmitt-Plosz. Er erinnert sich an die vielen weißen Plastikbecher, die nach dem Festival die Parkwiese bedeckten. »Wir dachten angesichts der Plastikmenge aber schon damals: Das geht auf Dauer nicht und suchten nach einer Lösung für die Becherflut.« Diese kam in den 1980-er Jahren mit den Kommz-Bierkrügen, schon damals mit einem Kommz-Logo versehen, erinnert sich Thomas Giegerich, der den Wandel miterlebte. Bei seinem ersten Kommz 1983 war Giegerich noch Besucher, bald darauf wurde er festes Mitglied. Die Kommz-Gruppe beließ es nicht bei den grüngrauen Krüge für Bier und Apfelwein. Um auch das Essen umweltgerecht anbieten zu können, erwarb die Gruppe richtiges Geschirr, Besteck und eine Spülmaschine. »Wir waren Pioniere«, ist Schmitt-Plosz stolz. Jahrzehnte später folgte auch die Stadt Aschaffenburg dieser Idee und vermietet seitdem Geschirr für Veranstaltungen.

»Der Nachhaltigkeitsgedanke wurde im Laufe der Jahrzehnte immer ausgefeilter«, wie Daniel Damm betont. Die Kommz-Küche bezieht Produkte aus der Region, bevorzugt Bio. Der aus hunderten von Teilen bestehende hölzerne Bierstand wird von den Handwerkern im Team stets aufs Neue auf- und abgebaut und immer wieder verwendet. Die Veranstalter experimentieren seit Jahren mit Öko-Toiletten. Eine flächendeckend-tragfähige Alternative zu den wenig umweltfreundlichen Dixi-Varianten aus Kunststoff haben sie indes noch nicht gefunden. Um den Verkehr zu entlasten, gilt das Kommz-Ticket auch als Karte für den ÖPNV. In diesem Jahr will die Kommz-Gruppe erstmals im Basar-Bereich nur Stände mit nachhaltigen Produkten zulassen und keine Anbieter von in Ostasien produzierter Massenware, sagt Lea Heeg. Derzeit überlege man außerdem, wie man dem anfallenden Müll in der Zeltstadt Herr werden könnte. Kaputte Billig-Campingstühle und -zelte gehören zu den Hinterlassenschaften von Festival-Besuchern.

Anderes ist im Lauf der Jahre über Bord geworfen worden, etwa das Freiticket für »echte Hippies und Greise«, von dem ein Main-Echo-Berichterstatter in den Anfangsjahren berichtete. Die Altersstruktur der Besucher und der Veranstalter umfasst mittlerweile alle Generationen, vom Baby bis zum Rentner.

Hintergrund

Festivals: 43 Jahre liegen zwischen den beiden Aufnahmen vom Nilkheimer Parkfest Kommz von 1976 und 2019. Auf den ersten Blick wirken die beiden Bilder mit jungen Festival-Besuchern gar nicht so unterschiedlich. Der genaue Blick zeigt indes, dass Getränke statt in Plastikbecher in Bierkrüge abgefüllt werden. Nicht die einzige Veränderung der letzten Jahrzehnte.FOTOS: Karl-Heinz Liebler (LINKS), Petra Reith (RECHTS)

Seinerzeit

von Alexander BruchlosWenn man auf ein Musikfestival wie das Kommz geht und abends nicht mehr heimfahren möchte, braucht man ein Zelt, einen Schlafsack mit Isomatte und gute Nerven. Denn eine Festival-Campingwiese ist kein Air B'n'B oder so ein moderner Schnickschnack, bei dem man Sterne vergeben kann, um andere zu warnen.Auf einer Festival-Campingwiese kann man total nette Leute kennenlernen. Aber wenn man Pech hat, kann man auch an ziemliche Blödmänner geraten. Das ist wie im richtigen Leben. Vom Traum eines Achtstundenschlafs sollte man sich verabschieden. Auf Festival-Campingwiesen wird in den Nachbarzelten gerne gefeiert und geredet, bis die Sonne aufgeht. Hat man redselige Nachbarn, ist es das Beste, man schält sich aus dem Schlafsack und setzt sich dazu. Gut ist es, wenn man einen Weinkarton oder einen Sixpack mit Bierdosen dabei hat, um die anderen einladen zu können. So sind schon Freundschaften fürs Leben entstanden. Das Gute am Kommz ist, dass viele jedes Jahr wiederkommen. So kann man sich bei der Wahl seines Zeltplatzes an früheren Nachbarn orientieren. Oder aber, man macht um die einen großen Bogen.

Sellemols

von Alexander BruchlosWemmer uff e Musik-Festival wie's Kommz gäit und awens nit mehr hoamfoan möcht, brauch' mere Zelt, en Schlafsack mit Iso-Matt' un guhde Nerve. Denn e Festival-Cämping-Wies is kää Ährbiänbi oder so'n moderner Schnickschnack, womer oaschließend Stännche vergewwe kann, um annere zu wanne. Uff ner Festival-Cämpingwies kammer total nette Lait kennelerne. Äwwer wemmer Pesch 'hadd, kammer aa an zimlische Deppe gerade. Des is wie im rischdische Läwwe aa. Vom Traum vonnem Achtstunne-Nachtschlaf sollt mer sich besser verabschiede. Uff Festival-Cämpingplätz werd in de Nachbarzelte gern gefaiäd un gequadscht, bis die Sunn uffgäid. Had mer e Quasselstripp' als Zeltnachbern, isses am beste, mer robbd sich aussem Schlafsack naus und setzt sisch zu denne dezu. Gut is, wemmern Woikaddong odä'n Sixpäck mit Bierdose debaihadd, um die annern oizulade. So sin scho Froindschafte fers Läwe entstanne. Beim Kommz is des scheene, dass sou viel Lait jedes Jahr widdäkomme. Da kann mer sich bei de Platzwahl fer soi Zelt an friäere Nachbän orientiern, oder äwwer, mer machd um die en grouse Boche. Sellemols ist die Main-Echo-Dialekt-Kolumne. Jede Woche erzählen wechselnde Redakteure von Beobachtungen, Geschichten und Anekdoten in ihrem Dialekt. Redakteur Alexander Bruchlos kommt aus Aschaffenburg, ist aber nach der Grundschule in Gelnhausen und Reinheim (Kreis Darmstadt-Dieburg) aufgewachsen.

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