Wo der Pirol ruft: Expedition in die Sulzbacher Mainauen

Unterwegs

Sulzbach
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Der Biologe Steffen Scharrer (rechts) und der Natur-Experten Winfried Korn an der Mündung des Sulzbachs in den Main. Die Mündung liegt in den Mainauen, wo viele Tiere leben, darunter der Pirol und die Nachtigall. Fotograf: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Ein von einem Biber gefällter Baum in den Sulzbacher Mainauen.
Foto: Steffen Scharrer
»Wir ha­ben kei­ne Ber­ge, wir ha­ben kein Wat­ten­meer, aber was wir mit den Mainau­en ha­ben, ist et­was ganz Be­son­de­res«, schwärmt der Sulz­ba­cher Hob­by-Orni­tho­lo­ge Win­fried Korn. »Es ist ei­nes der in­ter­es­san­tes­ten und sc­höns­ten Ge­bie­te: op­tisch und von der Ar­ten­aus­stat­tung her.« Ge­mein­sam mit dem Nie­dern­ber­ger Bio­lo­gen Stef­fen Schar­rer hat er sich an die Mün­dung des Sulz­bachs in den Main be­ge­ben und da­mit mit­ten in die Sulz­ba­cher Mainau­en.

Aus dem dichten umgebenden Grün der Bäume ertönen Vogelrufe. Korn braucht nicht lange zu überlegen, um sie zuzuordnen. »Die Mönchsgrasmücke«, erklärt er. »Die ist auch schon etwas spät dran.« Es ist später Vormittag, die meisten Vögel sängen vor allem in den Morgenstunden. Doch was ist das? Korn blickt überrascht auf: »Das ist der Pirol gewesen. Der ruft jetzt eigentlich nicht mehr.« Korn und Scharrer blicken in die Baumwipfel, wo sich der leuchtend gelb-schwarze Vogel gerne aufhält. Leider werden sie trotz ihren mitgebrachten Ferngläsern nicht fündig. »Aber schön, dass er für uns gezwitschert hat«, meint Korn mit einem zufriedenen Grinsen.

Hotspot für die Nachtigall

Korn verbringt viel Zeit in den Mainauen: »Es gibt keine Woche, wo ich nicht da bin.« Menschen aus den angrenzenden Ortschaften kämen extra für Vogelwanderungen dort hin. Dabei sei es so gut wie unmöglich, den Kuckuck nicht zu hören und zu sehen, formuliert Korn es ironisch. Aber auch Jungverliebte kämen auf ihre Kosten, weil die Mainauen ein Hotspot für die Nachtigall sei. Der 69-Jährige ist Schreinermeister im Ruhestand, er engagiert sich ehrenamtlich unter anderem beim Landesbund für Vogelschutz. Die Natur hat ihn schon immer fasziniert, in diesem Bereich ist er mit »Herz und Liebe« dabei, wie er sagt.

Die Mainauen ohne den Sulzbach und den Main seien nicht vorstellbar, so Korn. Sie schafften einen aquatischen Lebensraum und ein Feuchtgebiet. Der Biologe Scharrer ergänzt: »Es ist einer der letzten Reste am Untermain, wo ein so schön ausgebildeter Auenwald erhalten geblieben ist.« Ein Auenwald zeichne sich dadurch aus, dass er in regelmäßigen Abständen überschwemmt wird, was wie ein Düngeeintrag wirkt. Auf ein entsprechendes feuchteres Milieu ist zum Beispiel die Orchideenart »Breitblättriges Knabenkraut« angewiesen, die in den Mainauen vorkomme. Leider ist sie zum Zeitpunkt der Expedition bereits abgeblüht. In diesem Ökosystem sei die Vegetation sehr facettenreich, so dass viele verschiedene Brutvögel ihre Nische fänden, sagt der Niedernberger.

Bewegung und Dynamik

In diesem Moment fährt ein großes Transportschiff auf dem Main vorbei. Es saugt das Wasser aus der Sulzbach-Mündung zunächst an, so dass plötzlich viele Steine zu sehen sind. Dann schwappt das Wasser wieder in den Mündungsbereich zurück. »Man sieht, was da für eine Bewegung drin ist«, kommentiert Korn. Genau das wünsche man sich für die Aue: Bewegung und Dynamik, meint der Experte Scharrer. »Der Wasserbauer will seine Steinschüttungen bauen, damit möglichst wenig passiert. Aber gerade der Eisvogel braucht Steilwände, bei denen das Ufer vom Wasser angenagt wird.« Tatsächlich brüte der seltene Vogel »grad ums Eck«, wie Korn ergänzt.

Auch Wasservögel fühlten sich hier wohl, wie etwa Haubentaucher, Graugänse, Gänsesäger und Kormorane. Diese hätten auf einer kleinen Insel einen eigenen Schlafbaum für die Nacht. Korn weist auf die internationale Wasservogelzählung hin, die einmal im Jahr in ganz Europa stattfindet. »Dieser Bereich sticht ganz unterfrankenweit heraus, weil es so viele Arten gibt.«

Zwei Biberfamilien

Aber auch größere Arten fühlen sich in den Mainauen wohl. Es gibt Rehwild, Hasen, Kaninchen und gerade der Fuchs sei vor Ort sehr stark vertreten, weiß Korn zu berichten. »Braunbären können wir aber nicht vorweisen«, sagt der 69-Jährige und lacht. Der Biber habe ebenfalls in den Mainauen eine Burg gebaut, doch das Gelände sei zu unwegsam, um ihm einen Besuch abzustatten. Man gehe davon aus, dass zwei Biberfamilien hier ein Zuhause gefunden haben. Die Nagetiere machten sich vor allem im Winter bemerkbar, wenn sie sich hauptsächlich von Rinde ernährten und man dementsprechend ihre Fraßspuren überall sehe.

Scharrer und Korn machen sich aber beide Sorgen um die Zukunft der Mainauen. Die mögliche Umgehungsstraße, die parallel zu den Bahngleisen geplant ist, würde das Gebiet im Großteil zerstören, meint Korn. Auch die Lärmbelästigung könne ein Problem für die Natur werden, ergänzt Scharrer. Korn spricht abschließend davon, dass »Scheibchen für Scheibchen« immer mehr verloren ginge - »und irgendwann ist der Kuchen nicht mehr da«.

Interessante Broschüren rund ums Thema Mainaue zum Download: https://www.naturtalent-gesucht.de/mainaue

Hintergrund: Das kreucht und fleucht im Main

Der Sulzbacher Stefan Schwarzkopf ist Ausbilder für die Fischereiprüfung in Bayern und Mitglied im Hauptausschuss des Fischereiverbandes Unterfranken. Als Experte beleuchtet er die Unterwasserwelt des Mains. Insgesamt gebe es rund 40 Fischarten. Der größte Fisch, der in unserer Region im Main schwimmt, sei der Wels. Der größte im Main gefangene Wels sei 2,48 Meter groß gewesen. Welse leben am Gewässergrund. Dort halten sich auch Aale auf. Demgegenüber steht als kleinster Fisch die Grundel, die nur maximal 15 Zentimeter groß wird. »Sie wurde aus dem Schwarzen Meer eingeschleppt und hat sich in den letzten fünf Jahren extrem verbreitet«, sagt Schwarzkopf. Sie ist gemeinsam mit dem Rotauge der häufigste Fisch im Main. An Raubfischen kommen neben dem Aal vor: Barsch, Zander, Hecht, Rapfen und Grundel. Zudem gebe es viele Krebse, Schnecken und Muscheln. Jedes Jahr setzt die Fischerzunft Aschaffenburg-Kleinostheim Fische im Main ein. Dies sei eine Auflage, damit Angelkarten ausgestellt werden dürfen. 2019 wurden laut Schwarzkopf Fische im Wert von rund 74 000 Euro eingesetzt. Darunter waren 2,5 Tonnen Karpfen, 800 Kilo Rotaugen, rund 700 Kilo Hecht und circa 620 Kilo Farm-Aale. (juh)

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