Wörth: Wer tötete Klaus Berninger? Suche nach Täter startet in heiße Phase

Tatort Schneesberg

Wörth a.Main
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Wörth am Main, Turnhalle: "Tatort Schneesberg", Infoveranstaltung der Staatsanwaltschaft und der Polizei zum Mordfall Klaus Berninger.
Foto: Stefan Gregor
Wörth am Main, Turnhalle: "Tatort Schneesberg", Infoveranstaltung der Staatsanwaltschaft und der Polizei zum Mordfall Klaus Berninger.
Foto: Stefan Gregor
Wer tötete 1990 am Schneesberg in Wörth (Kreis Miltenberg) den jugendlichen Bäckerssohn Klaus Berninger? Am Freitagabend hat in der Wörther Turnhalle die heiße Phase der Ermittlungsarbeiten begonnen.

Es ist fünf Minuten vor 19 Uhr. Vor 15 Minuten war die Turmhalle in Wörth noch leer. Jetzt nicht mehr. Von den gut 300 Sitzplätzen sind die meisten besetzt. Die Menschen sind der öffentlichen Einladung von Polizei und Staatsanwaltschaft zu einer Info-Veranstaltung gefolgt. Es geht um den Tod des Wörther Bäckerssohnes Klaus Berninger. Auch seine Eltern und eine Schwester sind im Saal. Ein Unbekannter tötete den Jugendlichen im Dezember 1990 am Schneesberg. Die Polizei klärte das Verbrechen nie auf. Jetzt rollt sie den Altfall wieder auf und hofft auf Hinweise aus der Bevölkerung.

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Tatort Schneesberg - Polizei informiert Bürger
Foto: Stefan Gregor |  15 Bilder

So ein bisschen erinnert die Szene an die ZDF-Sendung »XY-ungelöst«: Vorne auf dem Podium sitzen Polizisten der Aschaffenburger Kriminalpolizei und ein Vertreter der Aschaffenburger Staatsanwaltschaft. Der Reihe nach sprechen sie über den Fall: 

o Es wird weiter wegen Mordes ermittelt, betont Oberstaatsanwalt Jürgen Bundschuh, es gebe entsprechende Erkenntnisse.
o Eine Tatbeteiligung mehrerer Personen schließt die Polizei nicht aus.
o Wer etwas zur Tat sagen kann, sich aber damals fürchtete zur Polizei zu gehen, weil er irgendeine Straftat begangen hatte, für den gilt: »Sie müssen eine Strafverfolgung nicht mehr fürchten«, betont Bundschuh. (siehe »Über das Legalitätsprinzip...«)
o Klaus Berninger hatte nichts mit Drogen, sonstigen »kriminellen Handlungen« oder dem Homosexuellen-Milieu zu tun. Entsprechende Gerüchte machten damals die Runde, seien aber absolut haltlos, sagt Altfall-Ermittler Jörg Albert.
o Beziehungen zwischen Menschen, Freundschaften, emotionale Abhängigkeiten haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Damals waren sie vielleicht für manche Menschen mit Wissen rund um die Tat der Grund dafür, zu schweigen. Heute eventuell nicht mehr.

Die Ausführungen zu dem Verbrechen wühlen die Besucher auf, viele von ihnen sind älter, können sich noch gut an die Tat von 1990 erinnern. In Wörth selbst ist der Mordfall ohnehin schon Ortsgespräch, seit die Polizei am Mittwoch angekündigt hatte, den Fall wieder aufzurollen, sagt Andreas Fath-Halbig. Der Bürgermeister von Wörth wünscht der Familie Berninger, dass der Tod des Sohnes und Bruders  nun doch noch aufgeklärt wird und die Angehörigen dann mit diesem schlimmen Ereignis anschließen können.

Fath-Halbig hofft auch, dass die alten Gerüchte nicht wieder hochkochen. Bei dem einen oder anderen werde die Fantasie eine »übergeordnete Rolle spielen«, vermutet er. Denn nicht nur der Täter ist leider bisher unbekannt. »Auch die Tat selber ist ja bis heute überhaupt nicht erklärbar«.

Die Polizei jedenfalls werde alles versuchen, die Tat aufzuklären, sagt Albert. Und statt alten Gerüchten nachzuhängen, rät der Altfall-Ermittler: »Ein aufmunterndes Wort würde der Familie viel mehr weiterhelfen.«

Video: Die Info-Veranstaltung in voller Länge
Tod von Klaus Berninger in Wörth: Die ganze Infoveranstaltung der Polizei
Quelle: Annika Kickstein
Die »AG Altfall« der Kripo Aschaffenburg
Markus Schlemmer ist Chef der Aschaffenburger Kriminalpolizei
Foto: Ernst Bäppler
Zwei Beamte befassen sich vorrangig mit ungeklärten Fällen:

»Es geht darum, Licht ins Dunkel zu bringen. Einen Mörder zu fassen, der seit 31 Jahren unbehelligt unter uns lebt.« Vor allem aber gehe es um Klaus Berninger, seine Familie und Freunde. Diese haben unter dem Verlust und der unbeantworteten Frage nach dem »Warum« gelitten und tun dies noch heute, verdeutlichte Aschaffenburgs Kripochef Markus Schlemmer. Die Altfall-Ermittlung spielt in seiner Behörde seit einigen Jahren eine wichtige Rolle, zwei Fälle haben sich die Sachbearbeiter bereits vorgenommen (siehe unten).

Seit September 2020 sind diese Ermittlungen bei der Aschaffenburger Kripo fest institutionalisiert: Die Kriminalhauptkommissare Jörg Albert und Detlef Bub befassen sich als »AG Altfall« vorrangig mit diesem Thema. »Sie sind der Motor«, so der Kriminaldirektor. Albert und Bub sichten das Aktenmaterial zu ungelösten Kapitaldelikten – derzeit sind es mehr als ein Dutzend. Sie lesen die Akten akribisch, digitalisieren sie, sichten Spuren – sie überprüfen also, ob es neue wissenschaftliche Methoden gibt, mit denen sich neue Erkenntnisse gewinnen lassen.

Ist das der Fall, geben sie die entsprechenden Asservate zur Analyse an das Bayerische Landeskriminalamt, die Rechtsmedizin oder andere Untersuchungsstellen. Darüber hinaus ist die Operative Fallanalyse eng in die Ermittlungen eingebunden. Zu den Aufgaben gehört zudem der enge Kontakt zu den Angehörigen.

Die beiden Altfall-Ermittler sind bayernweit die einzigen Beamten, die für diese Arbeit freigestellt sind. Dafür setzten sich Kripochef Schlemmer und der ehemalige unterfränkische Polizeipräsident Gerhard Kallert ein. Das Interesse an der Aufklärung ungelöster Fälle ist auch bei den Kollegen von Albert und Bub groß: Einige sind Teil der Sonderkommission (SOKO) »Berninger«, die Mitte der Woche ihre Arbeit aufnahm. Es handelt sich im Kern um 20 Kriminalpolizistinnen und -polizisten. Hinzu kommen – je nach Bedarf – Beamte der umliegenden Polizeiinspektionen. »Das ist ein dynamisches Geschehen«, erläutert Schlemmer: Melden sich etwa viele Zeugen, werden viele Polizisten für Befragungen gebraucht.

Die Polizei setzt zudem auf persönliche Erreichbarkeit: Durch Streifenbeamte in Wörth, telefonisch oder elektronisch (siehe »So erreichen Zeugen die SOKO«). Durch die starke Präsenz wollen die Ermittler zeigen: »Wir versuchen alles menschenmögliche, um den Fall aufzuklären.« Für sogenannte Altfälle gilt wie für andere Straftaten: Kein Verbrechen soll unaufgeklärt bleiben.

Die Kriminalpolizei fragt die Bevölkerung:
Audio-Bericht der Polizei: Tötungsdelikt an Klaus Berninger - Wer kann Hinweise geben?
Quelle: Philipp Hümmer (Polizei Ufr)
  •  Wer kann konkrete Angaben zum Mordfall Klaus Berninger machen?
  • Wer kann Hinweise auf mögliche Tatbeteiligte im Mordfall Klaus Berninger geben?
  • Wer kann Hinweise auf Personen geben, die möglicherweise etwas über den Mordfall Klaus Berninger wissen?
  • Wer hat Klaus Berninger am Nachmittag/Abend des 20. Dezember 1990, möglicherweise in Begleitung von weiteren Personen, gesehen? 
  • Wer hat Klaus Berninger am Abend des 20. Dezember 1990, nach 18 Uhr, gesehen?
  • Wer kann Angaben dazu machen, ob Klaus Berninger in irgendwelcheStreitigkeiten verwickelt war?  
  • Gibt es Personen, die in der Zeit zwischen dem 20. und 23. Dezember 1990, Feststellungen im Bereich des Leichenauffindeortes im Waldgebiet „Schneesberg“ getroffen haben?
  • Wer kann Hinweise zu dem Einbruch in die Bäckerei Berninger in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai 1990 geben?
  • Gibt es Zeugen, welche den Geldbeutel von Klaus Berninger in Zeit vom 20. bis 27. Dezember 1990 gesehen bzw. aufgefunden haben?
So erreichen Zeugen die SOKO der Polizei

Ansprechbar zu sein ist für die Ermittler im Fall Klaus Berninger das A und O. Sie sind deswegen häufig persönlich vor Ort, etwa in Form des Präventionsmobils, das immer wieder in Wörth stehen wird. Aber auch für diejenigen, die keinen der Beamten direkt ansprechen wollen, erleichtert die Polizei die Kontaktaufnahme. 
Möglichkeiten dafür sind:
o Das Hinweistelefon 0800 1011611
o per Mail an die Adresse
soko.berninger@polizei.bayern.de
o oder über das Kontaktformular auf der Homepage der Polizei Unterfranken

Video: Was wir über die Tat bislang wissen - Interview mit Polizei und Familie
Wer tötete 1990 Klaus Berninger in Wörth? Was am Tattag geschah und warum die Polizei erneut ermittelt
Quelle: Annika Kickstein
Über das Legalitätsprinzip und die Verjährung von Straftaten
Jürgen Bundschuh, Aschaffenburger Oberstaatsanwalt
Foto: Stefan Gregor
Aschaffenburger Oberstaatsanwalt zu rechtlichen Aspekten:

Mord verjährt nicht, alle anderen Straftaten wie beispielsweise Totschlag schon. »Ein Mörder muss Zeit seines Lebens damit rechnen, dass er für seine Tat zur Verantwortung gezogen wird«, erläuterte der Aschaffenburger Oberstaatsanwalt Jürgen Bundschuh am Freitagabend den Zuhörern. Das sei etwa in Frankreich und der Schweiz nicht der Fall, dort verjähre selbst Mord. In Deutschland ist dies seit 1979 nicht mehr der Fall.

Deswegen suchen die Ermittler der Aschaffenburger Kriminalpolizei auch nach 32 Jahren noch nach einem Mörder. Auch in den Jahren zuvor waren die Ermittler stets von einem Mord ausgegangen.

Diese fortdauernde Suche, die Tatsache, dass Akten immer wieder erneut geöffnet und neue Ermittlungsansätze überprüft werden, ist dem sogenannten Legalitätsprinzip geschuldet. Dieses verpflichtet Strafverfolgungsbehörden – also beispielsweise Staatsanwaltschaft und Polizei – dem Anfangsverdacht einer Straftat nachzugehen, in diesem Fall dem Mord an Klaus Berninger.

Von »Herausforderungen und Chancen« sprach Bundschuh im Bezug auf neue Ermittlungen in einem Altfall. Herausforderungen, weil etwa Zeugen mittlerweile verstorben sein könnten. Auch das Thema Zeugenbefragungen stellt die Beamten so lange nach einer Tat sicher vor andere Schwierigkeiten, als wenn Erinnerungen noch frisch und unbeeinflusst sind. Chancen bieten hingegen neue wissenschaftliche Erkenntnisse, etwa bei der DNA-Analyse, oder die neue Perspektive, die andere Ermittler mitbringen. Klar ist laut Bundschuh: »Das Ermittlungsverfahren ist ergebnisoffen, es kann in alle Richtungen gehen.«

Dabei kann sich auch herausstellen, dass es sich bei der Tat am 20. Dezember 1990 nicht um Mord, sondern um Totschlag handelte. Relevant wird diese Unterscheidung aber ohnehin erst, wenn ein Täter gefunden wurde. Dann erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage – und muss mindestens eines der neun Mordmerkmale anführen.
Der rechtliche Aspekt der Verjährung könnte aber auch für eventuelle Zeugen interessant sein, die von der Tat wussten, aber bislang schwiegen – etwa, weil sie sich selbst strafbar gemacht hatten und die Konsequenzen fürchteten.

Hintergrund: Altfälle aus Aschaffenburg
Zwei Altfälle aus Aschaffenburg sorgten in den vergangenen Jahren für Aufsehen:

o Am 4. Januar 1988 gegen 2 Uhr passte ein unbekannter Täter eine damals 22 Jahre alte Frau vor einer Diskothek in Aschaffenburg ab und zwang sie, mit ihm in ihrem Auto zum Hasenkopf-Berg zwischen Aschaffenburg und Haibach zu fahren. Dort vergewaltigte er sie über mehrere Stunden, stach anschließend mit einem Schraubenzieher auf sie ein und ließ sie mit lebensbedrohlichen Verletzungen im Wald zurück. Ein Autofahrer fand die Schwerstverletzte um kurz nach 5 Uhr an der Straße, eine Notoperation rettete ihr das Leben. Sämtliche Ermittlungen liefen ins Leere.

2015 nahmen sich Beamte der Aschaffenburger Kriminalpolizei, die »Ermittlungskommission Hasenkopf«, den Fall erneut vor. Unter anderem wurde damals gesicherte DNA unter neuen wissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht. Mit Erfolg: Die DNA eines Mannes aus dem Kreis Aschaffenburg war in der Datenbank gespeichert. Sie stimmte mit der Täter-DNA überein. Am 22. Juli 2017 nahmen Polizisten den damals 55 Jahre alten Tatverdächtigen fest, der Ermittlungsrichter erließ Haftbefehl wegen versuchten Mordes. Am 25. Mai 2018 verurteilte das Aschaffenburger Landgericht ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe. Das Urteil wurde am 26. Juni 2019 rechtskräftig.

o Mit einem Freispruch vor dem Aschaffenburger Landgericht endeten am 23. April 2020 hingegen die Ermittlungen in einem weiteren Altfall. Am 18. Dezember 1979 war die 15 Jahre alte Christiane J. Im Aschaffenburger Schlossgarten getötet worden. Der Täter warf ihre Leiche über die Schlossmauer 15 Meter in die Tiefe. Fast 40 Jahre später richtete sich der dringende Tatverdacht der Ermittler gegen einen 56 Jahre alten Mann. Er kam am 15. Mai 2019 in Untersuchungshaft. Die Schuld des Angeklagten sei »nicht ansatzweise bewiesen«, urteilte das Gericht nach 16 Prozesstagen. Der Richterspruch wurde am 15. Dezember 2020 rechtskräftig.

Katrin Filthaus, Annika Kickstein, Torsten Maier

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