Spessart-Köpfe: Leiter Hermann Neubert hat Miltenbergs Museumslandschaft erblühen lassen

Feinkosthändler und Winzer

Miltenberg
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Hermann Neubert
Foto: Stefan Gregor
Es begann für den heutigen Miltenberger Museumsleiter 1988 mit einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Solche »ABM« waren damals ein gern genutztes Instrument zur Belebung des Arbeitsmarkts. So kam Hermann Neubert, 1959 geboren und im fränkischen Iphofen aufgewachsen, nach Miltenberg.

Seine Aufgabe nach dem Magisterabschluss in Volkskunde, Geschichte und Anglistik an der Universität Würzburg: Das, was damals Museum hieß, auszuräumen. Daraus wurde eine, nur von 1992 bis 1994 unterbrochene, äußerst fruchtbare Beziehung mit der Stadt: Die Museumsarbeit nahm einen gewaltigen Aufschwung. Das »Museum Stadt Miltenberg« am Schnatterloch wurde 1996 teileröffnet, 1999 mit dem Bayerischen Museumspreis ausgezeichnet und 2006 erweitert. 2011 kam das neue Kunstmuseum auf der Burg dazu und 2019 der Neubau des Museumsdepots am Stadteingang Mainzer Tor. Dort lagern 20.000 Gegenstände, von der römischen Tonscherbe bis zum Wirtshaus-Ausleger, »unter Top-Bedingungen für eine kleine Stadt wie Miltenberg«, wie Neubert sagt.

Ihm kommt neben der Unterstützung der Stadt zugute, dass der »Freundeskreis Museum« und der »Förderkreis Historisches Miltenberg« für die Museen engagiert sind. Die Arbeit macht ihm weiter »unendlich viel Spaß« Neubert kann also zufrieden Bilanz ziehen, wenn er Ende nächsten Jahres in Ruhestand gehen wird. Doch noch ist von Zurücklehnen keine Spur: Mitte Oktober war Vernissage für eine Sonderausstellung zum Miltenberger Maler Kurt W. Zöller, ein paar Wochen davor hat Neubert auf der Mildenburg »Kunst geht fremd« eröffnet, also die jährliche Ausleihaktion von 18 unterfränkischen Museen. Und die Corona-Ruhe haben Neubert und seine Vertreterin Vera Mion dazu genutzt, um einen Teil der Exponate der Dauerausstellung auszutauschen und die Texte auf den Erläuterungstafeln zu raffen. Man spürt, dass ihm die Arbeit weiter »unendlich viel Spaß macht«.

Sein Interesse an Geschichte sei früh erwacht, sagt der Sohn eines Landpostboten und einer Mutter, die sich außer um die Familie auch um den eigenen Iphöfer Weinberg kümmerte. »Mein Großvater konnte gut erzählen«, erinnert sich Neubert. »Er war schwer verwundet aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt«. Nach dem Abitur in Scheinfeld kam Hermann Neubert im Volkskunde-Studium bei Exkursionen schnell mit der Museumslandschaft in Kontakt – erste Schritte auf dem Weg ins Miltenberger Museum. Wobei er immer auch Iphöfer blieb. Mit seiner Frau Sabine, einer Germanistin der Universität Würzburg, lebt er am Wochenende im Städtchen im Osten Unterfrankens. In Miltenberg hat er das passende Domizil: Er wohnt in einem Fachwerkhaus von 1580.

Schwerpunkte statt Sammelsurium

Seiner Passion, dem Wein, kann Neubert da wie dort nachgehen. Neubert ist ausgebildeter Winzer. Mit seinem Gesellen-brief bewirtschaftete er ab 1992 den familiären Weinberg nach ökologischen Kriterien, erzeugte sieben Jahre lang eigenen Wein, ehe er die Trauben an andere Winzer abgab und 2017 den Weinberg ganz verpachtete. Einen »ganz guten Weinkeller« habe er bis heute, sagt er. Und in Miltenberg betreibt er mit dem Museum einen »Feinkostladen«, wie er sagt: kein Sammelsurium, sondern eine Konzentration auf Schwerpunkte – etwa auf »Römerzeit«, »Entstehung Miltenbergs«, »Glaubenssache« und »Vom Alltag«, wozu eine Spielzeugsammlung zählt. Ortsfremde Muse-umsbesucher bekommen idealerweise einen Eindruck davon, dass Miltenberg »nicht nur eine kleine Kreisstadt« ist. Und Einheimische sollen sich dort »wiederfinden«, sagt Neubert. Er selbst fühlt sich beim Gang durch die 44 Räume mitunter »geborgen und behütet« – und wünscht das auch den Gästen.Ein Anliegen ist dem Museumschef die Erinnerung an die jüdische Geschichte. Hocherfreut präsentierte er in diesem Sommer einen Miltenberger Chanukka-Leuchter von 1831, der wohl von den Nazis geraubt wurde und jetzt ins Museum zurückkehrte. Neubert war Mitglied der erweiterten Findungskommission für das 2020 entstandene Würzburger Mahnmal »Denkort Deportationen«, das bis nach Miltenberg hineinwirkt: Ein Koffer aus Sandstein auf dem Engelplatz ist Teil des Projekts zur Erinnerung an NS-Gräuel in Unterfranken. Neubert ist eben ein politischer Kopf, der damals mit der Willy-Brandt-Generation zur SPD kam und 2017 aus ihr austrat – enttäuscht von deren Zustimmung zu einer neuerlichen Großen Koalition. Vermutlich haben ihm schon die Sterne den Weg gewiesen: Zur Welt kam er 1959 am 9. November, dem Schicksalstag der Deutschen. Was für ein Geburtsdatum für einen Historiker.

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