Späte Rache nach schlimmen Erfahrungen

Zeitzeugen: Wie die Wörther Kriegsende und Nachkriegszeit erlebten - Vierte Folge: Otto Hart

Wörth a.Main
3 Min.

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Die Familien Herrmanns und Hart erlebten die nationalsozialistischen Kundgebungen unmittelbar mit, da sie das Haus neben dem Rathaus bewohnten - bis es ihnen weggenommen und zwangsenteignet wurde. Foto: Werner Trost
Foto: Dr. Werner Trost
Nach 1945 kam es zur so­ge­nann­ten "Wie­der­gut­ma­chung". Sie wur­de auch in Wörth ver­sucht. Sym­bol­fi­gur die­ser Ver­su­che, zu­g­leich Sym­bol­fi­gur der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit, wur­de Ot­to Hart, dem vor 1945 übel mit­ge­spielt wur­de und der es jetzt auf sei­ne Wei­se de­nen heim­zah­len woll­te, die ihm das Le­ben schwer ge­macht hat­ten.

Otto Hart, der 1898 geborene Sohn eines Fabrikarbeiters, war seit 1912 mit der Jüdin Jenny (Jahrgang 1891) verheiratet, der Tochter von David und Sophie Herrmanns, die in dem Haus neben dem Rathaus in der Altstadt wohnten und dort einen Laden mit "Lebensmitteln und Rauchwaren" betrieben. Otto und Jenny Hart hatten zwei Söhne, Norbert (geb. 15.8.1916) und Walter (geb. 23.11.1933).

In Wörth wurden - wie anderswo auch - die Juden von der nationalsozialistischen Ideologie nach 1933 systematisch als gefährlich und minderwertig gebrandmarkt. Die auf dem Nürnberger Parteitag 1935 verkündeten Gesetze "zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verboten die Eheschließung sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden. Verstöße wurden als "Rassenschande" bezeichnet und mit Gefängnis bedroht.

Bei Kommunion dabei

Welche Schlussfolgerungen ergaben sich daraus für Otto Hart, der mit einer Jüdin verheiratet war und für die zwei Buben, die aus dieser Ehe hervorgingen? Walter Hart war zwar katholisch getauft, stammte aber von einer jüdischen Mutter ab. Der Bub wurde zeitweilig vom Religionsunterricht ausgeschlossen, durfte aber dann doch an der Kommunionfeier teilnehmen.

Während der Reichspogromnacht im November 1938 fand eine Kundgebung mit antisemitischen Reden und Heil-Hitler-Rufen vor dem Wörther Rathaus statt. Das 79-jährige "Sophsche", Ottos Schwiegermutter, hatte während der Veranstaltung die Fensterläden geschlossen, man holte Bohnenstangen herbei und öffnete sie von außen wieder; beschädigt wurde aber an dem Haus, in dem Otto Hart Hausherr war, nichts.

Gegen Enteignung gewehrt

Seit 1938 wurde mit der "Überführung des jüdischen Vermögens in arische Hände" Ernst gemacht. Sämtlichen Juden wurden in Wörth ihre Häuser weggenommen. Ein knappes Jahr nach der Reichspogromnacht war Wörth "judenfrei" - bis auf ein Haus, das neben dem Rathaus lag. Otto Hart wehrte sich gegen die Enteignung. Die Stadt benötigte das Haus zur Erweiterung des Rathauses. Sie wollte das Gebäude kaufen, machte aber deutlich, "dass die Entjudung ? auch zwangsweise durchgeführt werden kann". Im Dezember 1939 wurde dann die Zwangsveräußerung durch den Regierungspräsidenten beurkundet.

Otto Hart gab aber noch nicht klein bei. Im Februar 1940 wendete er sich mit einer Petition an den Reichswirtschaftsminister und an Hitler selbst. Das Kündigungsschreiben nahm Hart nicht an. Alle Bemühungen nützten letztlich aber nichts. Er, seine Frau und seine Schwiegermutter (der Schwiegervater war 1934 verstorben) mussten ausziehen und in eine Wohnung in der Hindenburgstraße 30 umziehen. Am 23. September 1942 wurde das 83-jährige "Sophsche" aus der Wohnung abgeholt. In den Akten steht: "verzogen Theresienstadt".

Otto Hart, seine Frau und Kinder wurden allesamt wie Juden behandelt - nur vor der letzten Konsequenz, dem Abtransport in ein Vernichtungslager, schreckte man zurück. Jenny Hart erhielt während des Krieges nur die Hälfte der Lebensmittelration, die Ariern zustand, aber sie war die einzige Jüdin, der die Hitlerzeit in Wörth lebend überstand (sie starb am 15.3.1956).

1945 änderte sich alles. Otto Hart wurden, da er ein kompromissloser Kämpfer gegen die Nationalsozialisten und zugleich Opfer war, verschiedene Funktionen übertragen, die ihm weitreichende Befugnisse gaben: Er wurde Angestellter der Stadt und tat seinen Dienst in seinem ehemaligen Wohnhaus, das mittlerweile als Rathaus mitbenutzt wurde; er war einer der zwei Mitglieder aus Wörth in der Spruchkammer in Obernburg und Mitglied des Entnazifizierungsausschusses der Stadt, der zuständig war für "politische Säuberung"; als auf Kreisebene eine "Betreuungsstelle für politisch, rassisch oder religiös Verfolgte" eingerichtet wurde (im Mai 1946), kam er als Erster in Frage. Er bekam im Wörther Rathaus ein Dienstzimmer, von dem aus er eine Art "Nebenregierung" ausübte; eine dominierende Rolle spielte er in der Bezugsscheinkommission.

Einfluss ausgenutzt

Hart konnte also an verschiedenen Stellen Einfluss nehmen. Er ließ die Möbel des ehemaligen Oberlehrers Laudenbacher (Propagandaleiter der Wörther NSDAP) beschlagnahmen; er sorgte dafür, dass Bürger, die ihn gemieden hatten, als erste Wohnraum für die Flüchtlinge bereitstellen mussten; er machte bei der Zuteilung von Schuhen oder Tabak Unterschiede nach der Einstellung zu ihm. Ein Verzeichnis der ehemaligen Parteimitglieder ließ er der Militärpolizei zukommen.

Hart wurde in einem Informationsblatt der KPD "Unredlichkeit" attestiert. "Dem Stadtrat wurde ? vorgeworfen, dass er tue, was Herr Hart verlangen würde." Die Bezugsscheinkommission beschwerte sich, dass Hart die Einsicht in die Bezugsscheinkartei verweigere. Im September 1947 wurde eine polizeiliche Untersuchung gegen Hart eingeleitet; er wurde beschuldigt, "sich durch seine Stellung Vorteile verschafft zu haben". Am 28. Juni 1948 wurde sein Dienstverhältnis bei der Stadt gekündigt. Als Begründung diente dem neu gewählten Bürgermeister Otto Berninger die schlechte Lage der Stadtkasse.

Sein Haus konnte Hart nicht mehr zurückerhalten, weil es ins Rathaus integriert worden war. Dafür beanspruchte er das "Goldene Faß", das Versammlungslokal der Wörther Nationalsozialisten gewesen war. Er schaltete den Staatskommissar für die Betreuung der Juden in Bayern ein, der aus München kommentierte, es sei "unglaublich", dass man Hart so lange warten ließe. Es kam zu einem Rechtsstreit, in dem deutlich wurde, dass Hart nicht einfach ein Objekt beanspruchen könne. Er beantragte dann im Juni 1946 eines der beiden Lehrerhäuser in der Bergstraße. Im Februar 1947 wurde ihm das westlich gelegene Haus vom Landgericht Aschaffenburg zugesprochen.

Am 17. April 1949 starb Hart. Sein Grab auf dem Wörther Friedhof wurde zweimal geschändet. Seine beiden Söhne wanderten nach Schweden aus. Seine Frau Jenny starb am 15. März 1956.

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