Tatort Schneesberg: So unterstützen Fallanalytiker aus München die SOKO "Berninger"

Operative Fallanalyse

München
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Foto: Melanie Lurz
Dirk Schinke ist einer von drei langjährigen Ermittlern bei der Operativen Fallanalyse (OFA) in München. Er hat bereits für mehrere Altfälle Gutachten erstellt, auch für den Fall "Klaus Berninger", zu dem die SOKO aktuell in Wörth ermittelt.
Foto: Katrin Filthaus
Seit Wo­chen hal­ten die neu an­ge­sto­ße­nen Er­mitt­lun­gen der SO­KO "Ber­nin­ger" die Men­schen in und um Wörth in Atem. Beim Ver­such, den Mord an dem 16-Jäh­ri­gen nach über 30 Jah­ren auf­zu­klä­ren, ma­chen die Er­mitt­ler ei­nen gro­ßen Teil ih­rer Ar­beit öf­f­ent­lich.

Im Hintergrund arbeiten hingegen die Ermittler der in München angesiedelten Operativen Fallanalyse (OFA). Sie beraten und unterstützen die SOKO, haben unter anderem ein Täterprofil erstellt. Mit den Profilern, die man aus dem Fernsehen oder Internet kennt, hat weder ihre Arbeit noch ihr Auftreten zu tun, verdeutlicht ein Gespräch mit dem für den "Fall Berninger" verantwortlichen OFA-Ermittler Dirk Schinke.

Herr Schinke, Sie sind im "Fall BerningerHerr Schinke, Sie sind im "Fall " Ansprechpartner für die Kripo Aschaffenburg. Aber Sie arbeiten nicht alleine, richtig?

Schinke: Wir sind drei ausgebildete Fallanalytiker in der Dienststelle. Alexander Horn und ich machen das schon seit über 20 Jahren, dann haben wir noch unseren Psychologen Markus Hoga, der auch die Ausbildung zum Fallanalytiker durchlaufen hat. Er ist jetzt auch schon 10, 15 Jahre dabei. Außerdem haben wir drei Kolleginnen und einen Kollegen in der Ausbildung. Wir arbeiten stets als Team.

 

Was passiert, wenn Ermittler Sie um Unterstützung bitten?

Schinke: Meistens machen wir ein Erstgespräch, treffen uns mit den Kollegen. In der Regel schauen wir uns auch den Tatort an, wenn sich das ausgeht. So war es auch in dem Fall: Wir sind nach Wörth am Main gefahren und auch nach oben zum Schneesberg. Einfach, um einen Eindruck zu bekommen. Gerade bei Cold Cases muss man auch immer schauen, wie alt der Fall ist.

Lohnt es sich wirklich noch, da so viel Zeit zu investieren?

Schinke: Im Regelfall sagen wir nie "Nein". Wir fangen erstmal an.

Wie kann man sich das vorstellen?

Schinke: Die Unterlagen kommen heute digitalisiert, früher musste man noch viel kopieren. Dann lesen wir uns ein bis zwei Wochen in den Fall ein. Jeder macht seine Notizen. Die Fallanalyse, drei Tage, läuft nach einer bestimmten Methodik ab. Wir finden uns zu einem festgesetzten Termin in dem Analyseraum ein und machen drei Tage von morgens bis abends nichts anderes. Jeder Stein wird auf links gedreht. Dabei brauchen wir mindestens drei Kollegen. Wenn es sexuell motivierte Fälle sind oder mit einer Serie im Zusammenhang stehen können, sehen wir immer zu, dass mindestens zwei erfahrene Fallanalytiker dabei sind und schauen, dass ein bis zwei Auszubildende dabei sind. Je nach Fragestellung sogar Rechtsmediziner oder andere Experten, wenn es um spezielle Dinge wie Waffen oder Bomben geht.

Was passiert in diesem Raum?

Schinke: Da gibt es einen Moderator, einen verantwortlichen Analytiker, der das Team leitet. Meistens machen wir das so, dass der Zuständige auch der Ansprechpartner ist, der die Analyse moderiert, protokolliert, immer mit einem zweiten im Hintergrund. Es geht darum, dass wir den Fall verstanden haben und erklären können. Im Regelfall machen wir dann auch eine Präsentation vom Ergebnis und stellen das nachher der Dienststelle oder der aktuellen Sonderkommission vor. Das Ergebnis dient als Diskussionsgrundlage: Wir als Fallanalytiker, als Berater, sehen das Tatgeschehen wie folgt: Vom Hergang, von der Motivlage, je nachdem von dem Täterprofil, wenn sich eines machen lässt. Das Ganze mündet dann in Ermittlungsideen, in Ermittlungsempfehlungen, in Ansätze, die wir noch sehen. Sei es in einem aktuellen Fall oder nach vielen Jahren. Wo wir sagen: Diese Spuren erscheinen erfolgversprechend, da könnt ihr noch mal nachfragen, da zeigen sich irgendwelche Widersprüche oder Ähnliches. Das Finden von Ermittlungsansätzen ist immer das Ziel einer Fallanalyse. Und so war es auch in dem Fall.

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Rund um den "Tatort Schneesberg" in Wörth
Foto: Stefan Gregor |  15 Bilder

Wann kamen Sie mit dem Fall Klaus Berninger in Kontakt?

Es ist schon einige Jahre her, dass wir die Analyse gemacht haben, das war 2016, glaube ich. Wir haben sie damals auch zu zweit in Aschaffenburg vorgestellt. Damals ging es bei der Kriminalpolizeiinspektion (KPI) Aschaffenburg auch noch um andere Altfälle. Dieser Fall ist in den Hintergrund gerückt. Das liegt am aktuellen Tagesgeschäft und der notwendigen Priorisierung von anderen Altfällen. Ein bis zwei Jahre später ging es mit dem Fall am Hasenkopf los, dann folgte der Schlossgarten-Fall. Nun der Fall Klaus Berninger. Und wir begleiten weiterhin die Ermittlungen.

Wie ging es weiter, nachdem die Altfall-Ermittler sich bei Ihnen gemeldet hatten, dass der Fall nun neu aufgerollt werden soll?

Schinke: Wir haben gesagt: Wir sind dabei. Ihr habt die Alt-Analyse, wir setzen uns noch einmal daran, es sind ein paar Jahre vergangen, in denen wir in anderen Fällen Erfahrungen im Bereich der Cold-Case-Ermittlung gemacht haben. Wir haben geschaut: Würden wir heute dasselbe sagen wie vor fünf Jahren? Daran hat sich nichts groß geändert.

Sie erwähnten die anderen beiden Altfälle: Die Zusammenarbeit mit der KPI Aschaffenburg besteht also schon länger?

Schinke: Ich war das erste Mal im Jahr 2001 dort, wenn ich mich richtig erinnere. Damals noch in anderer personeller Zusammensetzung. Seit den letzten sechs Jahren betrachtet mich Aschaffenburg glaube ich schon als persönlichen OFA-Berater (schmunzelt).

Es macht sicher auch etwas aus, wenn man sich kennt und weiß, wie der andere tickt?

Schinke: Das Zwischenmenschliche erleichtert die Kommunikation und das Zusammenarbeiten ungemein. Ich arbeite sehr gerne mit den Aschaffenburger Ermittlern zusammen. Als Berater muss man aber auch allgemein ein Auge für die Belange im Hintergrund haben: Wie sind sie personell aufgestellt? Wo drückt der Schuh? Wie gut ist die Lobby? Wo kommt Querfeuer her, das man nicht gebrauchen kann? Ich kann die tollsten Ergebnisse vorlegen - sie müssen in der Praxis aber auch umsetzbar sein.

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Tatort Schneesberg - Suche an Michaelshütte
Foto: Victoria Schwab |  23 Bilder

Für uns als Medien ist besonders, dass solche Aufmerksamkeit auf die Ermittlungen gezogen wird. Ist das ein Beispiel für einen Ansatz, zu dem Sie raten würden?

Schinke: Zumindest kommt die Rückfrage, wie wir das sehen. Es ist eine Risiken-Abwägung, die man treffen muss, denn ich schüre natürlich eine gewisse Erwartungshaltung: bei der Familie, bei der Öffentlichkeit, bei den Medien. Die Form, dass man so offensiv arbeitet, kannte ich bis dato nicht. Natürlich muss man auch dahinter stehen, es ist ja ein riesiger Aufwand, der da betrieben wird. Diese Maschinerie muss die ganze Zeit in Gang gehalten werden: Hinweise abarbeiten, mit den Leuten reden, die Ansprechbarkeit der Ermittler ... Das muss man stemmen, da weisen wir schon drauf hin: "Euch darf nicht zwischendurch die Luft ausgehen, dann macht ihr euch unglaubwürdig." Aber man sieht ja: Die Luft ist da.

Also der richtige Ansatz?

Schinke: Ich persönlich finde es gut, die Öffentlichkeit mit ins Boot zu holen. Es betrifft ja nicht nur uns als Polizei, sondern auch damalige Klassenkameraden, als Freunde, aus der Clique, aus der Nachbarschaft, als Kunden der Bäckerei oder Ähnliches: Es ist ein Wörther Fall. Wir als Polizei sind jetzt da und wollen alles geben, was heutzutage noch geht - aber es geht nicht ohne die Leute von damals. Die braucht man. Wir brauchen Zeitzeugen. Für Kollegen, die 1990 sechs oder sieben Jahre alt waren, wird es natürlich schwierig, in diese Zeit einzutauchen. Wenn man weiß: Damals gab es noch Telefonzellen, da gab es noch kein Handy. Da ist man als 15-, 16-Jähriger in die Nachbarschaft rausgegangen und hat gefragt, ob der Kumpel rauskommen kann. Da war das Mofa das Highlight schlechthin. Wenn ich dann ein Ereignis wie an diesem 20. Dezember habe, vier Tage vor Weihnachten, das erschüttert ja eine ganze Gemeinde. Man sieht ja, dass das nicht spurlos an den Leuten vorbeigegangen ist. Durch die Einbeziehung der Öffentlichkeit kann ich die Leute abholen. Selbst wenn sie einfach nur reden wollen, wenn sie keinen Hinweis haben, wird die Bühne bereitet. Das habe ich so noch nicht erlebt. Das ist beeindruckend.

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Quelle: Annika Kickstein

Ende vergangener Woche war von 80 Hinweisen, die ausgewertet werden, die Rede. Wie nah sind Sie an dieser Auswertung dran?

Schinke: Die Kollegen selektieren und schauen, welche Hinweise sie zusammenfassen können. Wir besprechen regelmäßig den Stand und wie wir weiter vorgehen. Wir sind zu den nächsten Schritten sehr stark und sehr viel im Austausch.

Es gibt den Vorwurf, dass die Bearbeitung alter Fälle alte Wunden aufreißt und Erwartungen schürt. Was sagen Sie dazu?

Schinke: Es ist jemand getötet worden! Wir können doch nicht einfach nach 30 Jahren sagen: "Tja, man hat es damals versucht, hat nicht geklappt, dann war es das." Das geht nicht, das können wir nicht machen. Wir sind es den Opfern, deren Familien und der Gesellschaft schuldig.

Aber nicht in allen Fällen können Sie helfen, oder?

Schinke: Es waren in mehr als 20 Jahren schon einige Fälle, die wir bearbeitet haben. Viele, die gut gelaufen sind... Manche sind leider immer noch Cold Cases.

Kann man mit ungelösten Altfällen abschließen, damit sie einem nicht nachhängen?

Schinke: Das muss man. Es kommt immer wieder vor, dass ein Fall nicht geklärt werden kann. Wir haben den Vorteil, dass wir im Team darüber reden können, weil alle in der Materie drin sind. Wir haben momentan vier oder fünf Cold Cases, die parallel in Bayern laufen, momentan ist eine Hochsaison. Da muss man immer wieder schnell drin sein. Jeder von uns ist für drei oder vier Fälle zeitgleich verantwortlich, bei anderen ist er als Teammitglied dabei. Ich muss einen Fall abschließen können, um meine Speicherkapazitäten wieder für einen neuen Fall frei zu machen. Sonst hinkt man nur noch hinterher.

Können Sie etwas dazu sagen, was man über den Täter im Fall Klaus Berninger zu wissen glaubt?

Schinke: (Lacht leise) Ne, kann ich nicht. Die Frage ist berechtigt, vielleicht später mal.

+++ Online-Exklusiv: +++

In dem Gespräch erläuterte Dirk Schinke auch, was seine Kollegen und ihn von sogenannten Profilern aus Fernsehen und Internet unterscheidet.

Die "Profiler", die man aus dem Fernsehen kennt, haben mit Ihrer Arbeit als Fallanalysten nichts zu tun?

Schinke: Ende der 90er schwappte ja dieses Profiling langsam nach Deutschland über. Dr Thomas Müller aus Österreich war da viel involviert, die Engländer haben schon seit den 80er Jahren damit gearbeitet. Ende der 90er Jahre hatten wir erstmals die Profiler des FBI da. Sie traten teilweise auf, wie man sie aus Serien kennt: schwarze Anzüge, weißes Hemd, schwarze Krawatte dieser coole Blick. Das Problem war damals, dass sie uns von tollen Fällen erzählt haben, für die sie die Profile entwickelt haben. Die trafen auch immer zu. Wir im Publikum durften auch mal Profile machen - die waren alle falsch. Die Profiler konnten uns aber nicht sagen, wie sie vom Verhalten auf das Profil schließen können. Das war mehr Erfahrungswissen, nicht greifbar.

Wir haben gesagt, wir müssen das auf den Prüfstand stellen: Das Ausarbeiten, das Rekonstruieren ist Kriminalistik. Die Ermittlungsansätze und das Profil zu entwickeln, ist eine Interpretationsgeschichte. Es hat Jahre gedauert, bis wir eine Handlungsanleitung entworfen hatten, wie der Fall aufgedröselt, rekonstruiert und dann interpretiert werden soll: Worauf man guckt, was einen Anhalt fürs Täteralter geben kann, was man ableiten kann. Dabei hat man festgestellt, dass das Profil im Grunde genommen ein Nebenprodukt ist: Es kann eines bei rauskommen. Es kann so schwammig sein, dass es auf jeden Zweiten zutrifft - oder ich kann ein paar sehr individuelle Merkmale herausarbeiten, die bei der Recherche oder bei einer Liste von Personen bei einer Priorisierung helfen können. Harte Kriterien, mit denen ich jemanden finden kann.

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Quelle: Annika Kickstein

Wenn das Profil ein Nebenprodukt ist, worum geht es dann?

Schinke: In erster Line geht es darum, den Fall zu verstehen. Wie ein mathematisches Problem, das mir auf den Tisch gelegt wird. Wenn ich in der Lage bin, das zu lösen, wenn ich die Formeln und so weiter kenne, dann bin ich auch in der Lage, Lösungsansätze zu finden. Im Grunde genommen sind wir Problemlösungsberater. Deswegen der Begriff der operativen Fallanalyse: Operativ bedeutet im Tagesgeschäft begleitend und beratend, an der Sache, am Fall, am Ermittler dran. Analyse im Grunde genommen, weil es darum geht, den Fall einmal komplett auf Links zu drehen und zu sagen: Wie gehe ich an die Fakten ran, wie strukturiere und wie interpretiere ich sie.

Erst im zweiten Teil, wenn das Kriminalistische abgearbeitet ist - da fließen rechtsmedizinische, kriminologische und weitere Aspekte ein - erkenne ich: Sehe ich Täterverhalten? Kann ich es interpretieren? Dann erst käme dieses Profiling zum Tragen. In diesem Bereich wildern wir mehr oder weniger in der forensischen Psychiatrie. Meistens haben wir es ja mit Sexualstraftätern zu tun. Dann geht es um die Frage: Wie, warum wird jemand zu einem Sexualstraftäter? Viele werden bereits in frühem Jugendalter verhaltensauffällig, oft in Kombination mit Persönlichkeitsstörungen: Dissoziale Persönlichkeitsstörungen, psychopathische und, und, und... Das ist immer ein Zusammenspiel. Dann bin ich vielleicht in der Lage, die Person vom Charakter her zu zeichnen, ein Alter abzuleiten, zu sagen, ob ein Bezug zum Opfer besteht. Oder ein Bezug zum Tatort: Warum zu dieser Zeit an diesem Ort? Ist der Täter schon mal polizeilich aufgefallen, wenn ja, in welchem Bereich? Daraus entsteht eine Schablone, die wir den Ermittlern an die Hand geben: Wenn Ihr jemanden habt, auf den das zutrifft, oder wenn Ihr eine Recherche macht, könnt Ihr mit den Kriterien arbeiten.

Meistens reicht ein einziges Verhalten alleine nicht aus, um daraus eine belastbare Hypothese zu entwickeln. Meistens braucht man zwei oder drei weitere Aspekte, um Verhalten erklären, nachvollziehen zu können. Bei einer Tat habe ich an dem Punkt, wo Täter und Opfer aufeinander treffen, eine Interaktion: einiges von dem, was der Täter macht, ist eine Reaktion auf das Verhalten seines Gegenübers, es ist ein Wechselspiel von Aktion und Reaktion.

Auch die Umstände des Settings fließen ein: Wo bin ich? Im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses? Im Wald? Im Stadtpark oder wo auch immer? Gerade im öffentlichen Raum sind das Aspekte, die ich nicht sehe, die nicht festgehalten werden, die aber trotzdem einen Einfluss haben können. Wir haben schon Täter erlebt, die in Panik gerieten, weil plötzlich das Handy des Opfers klingelte. Weil sie im Dunkeln gesehen haben, wie gerade ein Auto um die Ecke kam. All das kann einen Einfluss auf das Verhalten haben: Manche laufen weg, manche reagieren über, weil sie Angst haben, aus Panik. Oder das Opfer versucht zu fliehen. Da spielen mehrere Sachen mit rein. Wir versuchen, die Situation zu erläutern.

Oft tut man auch gut daran, dass man zur selben Zeit an denselben Ort geht und sich einen Eindruck verschafft, was hier eigentlich um diese Zeit passiert. Im Fall Berninger ist das schwieriger, bei anderen Tatorten im öffentlichen Raum geht es. Man schaut: Ist da noch jemand unterwegs? Spaziergänger mit Hunden beispielsweise? Auch das Wetter kann eine Rolle spielen, es gibt verschiedene Einflüsse. Es geht um das Gefühl für das Setting.

These, Hypothese, das klingt nach wissenschaftlicher Arbeit...

Schinke: Wir sind keine Wissenschaft, es ist rein kriminalistisch strukturiertes Arbeiten. Gerade bei einem aktuellen Fall ist das erste, das wir eine Struktur erstellen. Im nächsten Schritt geht es darum, ob man anhand der Informationen schon etwas kriminalistisch aussagen kann. Und dann geht es Schritt für Schritt weiter - oder man geht einen Schritt zurück, wenn weitere Informationen kommen oder andere falsifiziert werden. Die Frage ist dann: Passt unsere Aussage noch so oder müssen wir da noch einmal anders ran?

Es gibt selbst ernannte Profiler, die einen Kurs gemacht haben und im Fernsehen Kriminalfälle präsentieren. Erschwert das Ihre Arbeit?

Schinke: Ich selber beobachte diesen Markt schon lange nicht mehr. In den ersten Jahren gab es eine vermeintliche Konkurrenz, da mussten wir ja erst einmal bei den Kollegen für uns selbst werben. Wie wir arbeiten, was wir machen. Dass das nicht Mythos-behaftetes, das wir nicht den Mythos nähren. Denn er führt aber dazu, dass gewisse Persönlichkeiten das ausnutzen, sich als Profiler verkaufen, sich aber dann irgendwann selber von der Bühne katapultieren.

Wenn man genauer hinschaut merkt man, das sind alles nur Profilneurotiker, die eine Marktlücke gefunden haben. Wenn man hinter die Fassade schaut merkt man, dass da gar nichts ist. Solange der Markt das haben will, soll er es haben. Wir arbeiten von der Polizei für die Polizei. Im Gegensatz zu denen bekomme ich mein festes Gehalt, ich brauche diesen Ego-Auftritt auf der Bühne oder diesen Anklang bei den Medien nicht.

Hintergrund: Operative Fallanalyse in Deutschland

Ende der 90er Jahre entstanden die ersten Einheiten für Operative Fallanalyse (OFA). Neben München, wo die OFA bei der Mordkommission angesiedelt war, gab es Einheiten in den Landeskriminalämtern (LKA) Düsseldorf und Stuttgart sowie beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden.

Zum 1. Januar 2000 griff eine bundeseinheitliche Entscheidung, in jedem Bundesland OFA-Einheiten zu schaffen. Einzig die OFA Bayern ist nicht beim LKA angesiedelt.

In Abgrenzung zu den Profilern des FBI in den 90er Jahren entwickelten die Einheiten Ausbildungsstandards und Qualitätskonzeptionen für die Analysen. Die Fallanalyse ist strukturiert und folgt festen Handlungsschritten.

Die Einheiten stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Die knapp 100 OFA-Ermittler unterstützen sich und tauschen sich untereinander aus.

Wer Fallanalytiker werden will, muss Kriminalpolizist sein und Erfahrung als Sachbearbeiter in beispielsweise Mord- und Todesermittlungen oder aus den Bereichen Sexualdelikte, Brandstiftung oder auch Staatsschutz mitbringen. Laut OFA-Ermittler Dirk Schinke geht darum, die Arbeit zu kennen und eine gewisse Lebenserfahrung zu haben. Strukturiertes, analytisches Arbeiten im Team ist gefragt.

99 Prozent der Fällewerden von außen an die bayerischen Ermittler herangetragen. Jährlich bearbeiten sie 50 bis 60 Fälle. Erst nach der Analyse ist klar, ob es erfolgversprechende Ansätze gibt. (fka)

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