Serie 75 Jahre Kriegsende: Wie Anni Haberer die Nazizeit und US-Besatzung in Miltenberg erlebte

»Wer kritisiert, der kommt nach Dachau«

Miltenberg
3 Min.

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Lebensmittelkarte: Dieser Berechtigungsschein ist eines der vielen Erinnerungsstücke aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, die Anni Haberer aufgehoben hat.
Foto: Alfons Opolka
Anni Haberer hat die Kriegs- und Nachkriegszeit in Miltenberg verbracht. Nach ihrer Heirat kam sie dann nach Roßdorf-Gundernhausen, wo sie heute auch ihren Lebensabend verbringt.
Foto: Alfons Opolka
Die hei­ße Pha­se des Krieg­s­en­des 1945 hat An­ni Ha­be­rer, die heu­te in Roßd­orf-Gun­dern­hau­sen bei Darm­stadt wohnt, als 18-Jäh­ri­ge in Mil­ten­berg er­lebt und in ei­nem Ta­ge­buch fest­ge­hal­ten. Ers­te blei­ben­de Er­in­ne­run­gen an die Na­zi­zeit hat die heu­te 93-Jäh­ri­ge an das Po­grom am 9. No­vem­ber 1938.

Annis Vater Eduard kam an diesem Tag nach Hause und erzählte, dass mit den Juden etwas zugange sei. Als neugierige Elfjährige ging Anni in die Stadt, an den jüdischen Geschäften vorbei, wo alle Rollläden herabgelassen waren. Die Stadt wirkte wie ausgestorben.

An der Synagoge war eine große Menschenansammlung. Aus der Wohnung des Rabbiners warfen junge Männer sakrale Kostbarkeiten, Möbel und Hausrat aus den Fenstern. Der Rabbiner stand betroffen in der Fischergasse. Die Bewohner waren ihm offenbar wohlgesonnen. Trotz der Menschenmenge war es totenstill. Als junges Mädchen fühlte Anni, dass die Leute großes Unrecht verspürten, aber keiner wagte, irgendetwas zu sagen. Denn es herrschte der Satz: »Wer kritisiert, der kommt ins Zuchthaus nach Dachau.«

Bomben schlagen ein

In Anni Haberers Kriegstagebuch ist für den 22. Februar 1945 zu lesen, dass es zahlreiche Tieffliegerangriffe gab, Bomben pfiffen und schlugen ein. In Bürgstadt trieb ein Schiff brennend ab. Vier Tage lang gab es keinen Strom, zwei Tage lang kein Wasser. Alle Tieffliegerangriffe von August 1944 bis März 1945 hat sie in ihrem Buch aufgezeichnet. Im Elternhaus wohnte damals neben der eigenen fünfköpfigen Familie noch weitere acht Personen, die bei den Angriffen im Keller Schutz suchten.

Die junge Frau arbeitete damals schon in den Räumen der Kalt-Loch-Brauerei. Der Luftschutzbunker dort war in einem eiskalten Bierkeller tief im Berg. Die Sirenen heulten in immer kürzeren Abständen, das Brummen der Bombengeschwader ist Anni Haberer heute noch im Ohr, und die Angst, dass alle im Berg verschüttet werden, war riesengroß.

Orange vom US-Soldaten

Als die Amerikaner einmarschierten, besetzten sie die größten und schönsten Häuser. Gegenüber Annis Elternhaus befand sich die Villa des Likörfabrikanten Horn. Die Bewohner mussten innerhalb einer halben Stunde ihr Haus verlassen. Sie trugen in Windeseile ihre Koffer, die schon gepackt in ihrem Luftschutzkeller standen, über die Straße und stellten diese im Hausflur von Annis Eltern ab. Dann flüchteten sie in die Likörfabrik und holten die Koffer später ab. Der Vater bekam für die Verwahrung eine Flasche Likör.

Kurze Zeit später kam ein Amerikaner ins Haus und verlangte eine Tasse Kaffee. Annis Mutter machte ihm deutlich, dass der Strom abgeschaltet und der Herd kalt sei. Auch Milch sei nicht da. So reichte sie ihm eine Tasse kalten Kaffee, den der Soldat aber erst trank, nachdem Anni ihn probiert hatte. Ein amerikanischer Soldat warf ihr eine Orange vom Jeep aus zu. Diese Orange schenkte sie eine Woche später ihrer Cousine, die in Dorfprozelten zur Erstkommunion ging.

Tanzpartnerinnen gesucht

Nach der Sprengung der Brücke gab es einen Fährbetrieb über den Main. Dort hängten die Amerikaner einen Aushang auf, mit dem sie Mädchen zwischen 17 und 25 Jahren zum Tanzen suchten. Im beschlagnahmten Kino sollte der Tanz stattfinden. Anni war neugierig und ging hin, um zu sehen, wer sich auf dieses Angebot einließ. Aber da war sie nicht allein. Viele junge Mädchen standen dort, aber hineingegangen ist keine davon.

Annis Mutter hatte am Haus einen kleinen Garten, aus dem sich die Familie versorgte. In Dorfprozelten hatte sie einen Acker geerbt, auf dem sie Kartoffeln anbauten. Auch Apfel- und Zwetschgenbäume standen dort, die sie ernten konnten. Wenn die Dorfprozeltener Verwandtschaft schlachtete, gab es auch immer etwas ab. »So war die Not nicht so groß«, erinnert sich Anni Haberer, »aber so richtig besser wurde es erst nach der Währungsreform«.

In der nächsten Folge in der Samstag-Ausgabe berichtet Werner Noll über seine Erlebnisse in Hofstetten.

Zur Person: Anni Haberer

Anni Haberer, geborene Neubeck, ist im Februar 1927 in Miltenberg geboren. Sie wuchs zusammen mit ihren beiden Schwestern im Elternhaus der Eheleute Eduard und Josefa Neubeck im Miltenberger Burgweg (heute Ringstraße) auf. Der Vater war schon Soldat im Ersten Weltkrieg und musste im Zweiten nicht erneut einrücken. Er arbeitete als Beamter bei der Post. Ursprünglich waren beide Elternteile aus Dorfprozelten. 1943 machte Anni ihren Schulabschluss im Institut bei den Armen Schulschwestern. Danach arbeitete sie als Stenotypistin in der Firma Veith Gummiwerke, die ihre Verwaltung in Frankfurt im Krieg in die Kalt-Loch-Brauerei nach Miltenberg verlegt hatte. Nach dem Krieg war sie im Büro der Spruchkammer (Entnazifizierungsstelle), dann in einem Elektrogroßhandel in Miltenberg-Nord. 1951 heiratete sie Franz Haberer, einen Sudetendeutschen, der nach seiner Vertreibung aus Eger in Dieburg wohnte. Über eine Anzeige hatte er eine Radfahrpartnerin gesucht, und mit Anni eine Lebenspartnerin gefunden. Vier Kinder, sieben Enkelkinder und fünf Urenkel sind ihre Nachkommen. 1960 bauten sie ein Haus in Roßdorf-Gundernhausen, wo die heute 93-jährige seit dem Tod ihres Mannes im Jahre 2005 selbstständig bei bester Gesundheit in einer Wohnung lebt. Lange war sie in ihrer neuen Heimat im Pfarrgemeinderat und organisierte dort auch Ausflüge und Treffs für Senioren.

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