»Schutz des Kindes hat immer Vorrang«

Soziales: Expertenrunde will Kooperation im Pflegekinderwesen voranbringen

Miltenberg
2 Min.

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Ludwig Salgo beleuchtet rechtliche Aspekte des Pflegekinderwesens. Foto: Zang
Foto: Winfried Zang
Kin­der brau­chen ei­nen mög­lichst gu­ten Start ins Le­ben, doch nicht im­mer ge­lingt das. Das Ju­gend­amt hilft El­tern, aber in man­chen Fäl­len bleibt kein an­de­rer Weg, als das Kind vor­über­ge­hend oder dau­er­haft aus ih­rer Ob­hut zu neh­men.

Über die rechtlichen Aspekte im Zusammenhang mit Pflegekindern informierte ein Seminar im Landratsamt.

Trotz der Corona-Pandemie kamen 20 mit dem Thema befasste Fachleute am Mittwoch zu der Weiterbildung, teilt das Landratsamt mit. Darunter waren Familienrichter, Verfahrensbeistände, Umgangsbegleiter sowie aus dem Landratsamt Vormünder, Allgemeiner Sozialer Dienst, ambulante Jugendhilfe, wirtschaftliche Jugendhilfe und Pflegekinderdienst. »Die spezielle Situation von Pflegekindern ist in jeder Hinsicht herausfordernd für die beteiligten Fachkräfte«, sagte Landrat Jens Marco Scherf.

»Sehr empfindliche Gruppe«

Der Referent Ludwig Salgo von der Goethe-Universität Frankfurt vermittelte in dem vierstündigen Seminar einen umfassenden Einblick in das Familien- und Sozialrecht, das Verhältnis Eltern-Kind-Staat, behördliche und gerichtliche Verfahren, Sorge- und Umgangsregelung und Kindeswohlgefährdung. Er untermauerte das komplexe Thema mit anschaulichen Beispielen aus der Praxis.

Bei Pflegekindern handelt es sich laut Salgo um eine »sehr empfindliche Gruppe junger Menschen«. Die Balance zu finden zwischen den Rechten der Eltern und der Kinder sei eine große Herausforderung. Es sei nicht einfach, Kinder aus einer Gefährdungszone zu holen und sich gleichzeitig Gedanken darüber zu machen, wie es mit ihnen weitergeht: »Das Instrumentarium ist reichhaltig, aber was ist am besten für die Entwicklung des Kindes?«

An erster Stelle stehen für den Referenten Stabilität und Kontinuität, »instabile Platzierungen stören die Heilprozesse.« Wenn Kinder wüssten, wie es weitergeht, helfe ihnen das sehr. Denn, so der Professor, Rückführungen seien nur verantwortbar, wenn Gefährdungen ausgeschlossen würden. Dass diese Rückführungen mitunter nicht funktionieren, belegte er mit Zahlen aus wissenschaftlichen Untersuchungen. In circa 35 Prozent sei beispielsweise eine erneute Fremdplatzierung notwendig.

Salgo zitierte zahlreiche Paragrafen aus diversen Gesetzen, die nicht nur national, sondern auch international ähnliche Inhalte haben: Eltern und Kinder hätten Recht auf Gehör, Kinder bräuchten aber den besonderen Schutz des Gesetzes. So zitierte er Artikel 20 aus der UN-Kinderrechtskonvention: »Ein Kind, das vorübergehend oder dauernd aus seiner familiären Umgebung herausgelöst wird oder dem der Verbleib in dieser Umgebung im eigenen Interesse nicht gestattet werden kann, hat Anspruch auf den besonderen Schutz und Beistand des Staates.«

Mehr Gewicht auf Kindeswohl

Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte messe in den letzten Jahren dem Kindeswohl mehr Gewicht bei, so Salgo. Er bezog sich dabei auf eine Erkenntnis des renommierten Professors Walter Pintens, wonach die Wiedervereinigung eines Kindes mit den Eltern keine absolute Priorität mehr habe. So würden der sozialen Bindung des Kindes mit den Pflegeeltern, der Meinung des Kindes und den traumatischen Folgen einer Wiedervereinigung wieder höheres Gewicht beigemessen. Es sei also eine große Verantwortung der beteiligten Institutionen, das Beste für das Kind zu erreichen.

Rückkehr zu leiblichen Eltern?

Um die Rückkehr eines Kindes zu den leiblichen Eltern zu ermöglichen, seien laut Salgo viele Faktoren zu beachten, es gebe aber auch Ausschlusskriterien: wenn ein Kind trotz aller Bemühungen etwa erheblichen Widerstand gegen die Rückkehr leistet, die Eltern das Kind nicht mehr wollen oder keine Hilfe annehmen wollen.

Damit eine Rückkehr gelingen könne, brauche es Transparenz, so der Professor. So müsse man beispielsweise eindeutige und umsetzbare Ziele in einem Hilfeplan sowohl Eltern wie auch Pflegeeltern darstellen, eventuelle »Schwebezustände« möglichst früh beenden und realistisch klären, ob die Rückkehr eine Option ist. Unabdingbar sei in allen Konstellationen die Arbeit mit der Herkunftsfamilie, machte der Professor klar. Hierbei sei das Kind stets altersgemäß zu beteiligen.

Der Referent erläuterte noch weitere rechtliche Aspekte des Pflegekinderwesens wie etwa den Umgang des Pflegekindes mit beiden Elternteilen und den Kontakt zu anderen Menschen, zu denen es Bindungen hat. In jedem Pflegeverhältnis bestehe grundsätzlich ein Umgangsrecht für Eltern und Kind. Bei einer geplanten Rückführung hätten die Kontakte eine »Schlüsselrolle«. Es könne allerdings auch Gründe geben, die gegen den Umgang mit den leiblichen Eltern sprechen - auch dies sei rechtlich geregelt. Im Zweifelsfall gelte laut Salgo, »dass der Schutz des Kindes immer Vorrang hat. wiz

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