Rudi Bauer vom Schifffahrtsmuseum in Wörth erzählt die Geschichte des Mains

Als die Mainkuh Schiffe per Kette zog

Wörth a.Main
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Rudi Bauer ist der Vorsitzende des Fördervereins für das Schifffahrts- und Schiffbaumuseum in Wörth. Fotograf: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Rudi Bauer ist Vorsitzender des Fördervereins für das Schifffahrts- und Schiffbaumuseum in Wörth. Fotograf: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Auch Kuriositäten wie eine Schiffsmühle gab es in der Vergangenheit auf dem Main. Hier das Modell im Schifffahrtsmuseum in Wörth.
Foto: Julie Hofmann
In un­se­ren Oh­ren hört es sich un­fass­bar an: En­de des 19. Jahr­hun­derts lag ei­ne 400 Ki­lo­me­ter lan­ge Ei­sen­ket­te im Main, von Mainz bis Bam­berg und da­mit auch im Kreis Mil­ten­berg. Ein Stück der Ori­gi­nal­ket­te ist heu­te im Schiff­fahrts- und Schiff­bau­mu­se­um in Wörth (sie­he Hin­ter­grund) aus­ge­s­tellt. Der Vor­sit­zen­de des Mu­se­ums­ve­r­eins, Ru­di Bau­er, prä­sen­tiert es. Er ist ein ab­so­lu­ter Ken­ner der Ge­schich­te des Mains und weiß um die Funk­ti­on des his­to­ri­schen Re­likts.

An der Kette zogen sich damals die Kettenschiffe entlang, das Prinzip funktionierte wie eine Zahnradbahn. Die Schiffe wiederum schleppten fünf bis sieben Lastschiffe hinter sich her. »Solche Kettenschiffe hießen bei uns Mainkuh«, erklärt der Experte. Der Name, das ist auf einer Tafel im Museum zu lesen, kommt von dem Tuten, das die Boote von Weitem zur Warnung abgeben mussten. Besonders schnell waren sie aber nicht unterwegs, sie brachten es zu Berg gerade mal auf fünf km/h.

40 Modelle

Im Wörther Museum steht ein Modell einer Mainkuh. Insgesamt gab es zur Hochzeit acht solcher Boote am gesamten Main. Um 1936 herum wurde die Kette dann entfernt. »Hitler hat sie für seine Kanonen gebraucht«, sagt der 82-jährige Bauer. Im Museum selbst gibt es rund 40 Modelle zu jeder Epoche der Schifffahrt. Der Main hat viele Schiffe kommen und gehen sehen, das wird im Gespräch mit Bauer deutlich.

Als die Schiffe auf dem Main noch nicht motorisiert waren, zog ein sogenanntes Kettenschiff sie im Konvoi über die Wasserstraße.
Foto: Julie Hofmann

Die frühesten Schifffahrer waren vermutlich die Römer. Sie bauten Gefährte, die von 30 Ruderern angetrieben wurden und schon 20 Stundenkilometer erreichen konnten. Immerhin galt es, rasch zu reagieren, wenn die Germanen irgendwo am Limes einfallen wollten. Denn der Main stellte von Bürgstadt bis Klein-Krotzenburg eine natürliche Grenze dar. Die römischen Boote mussten allerdings sehr flach sein, weil der Main damals nicht tief war.

Ebenfalls seit den Römern belegt ist die sogenannte Treidelschifffahrt, bei der Pferde die Schiffe auf Wegen am Main entlang zogen. Ab 1880 löste die Kettenschifffahrt die Pferde ab. Jahrhundertelang - genau könne man das nicht mehr zurückverfolgen - verkehrten auch Flöße auf dem Main, die Holz transportierten. Bis 1960 habe es sie gegeben, sagt der Vorsitzende des Museumsvereins. Generell hatten Schiffe erst ab 1900 eigene Motoren, so richtig in Mode kam das um 1960. »Zuerst waren es nur 20 PS, heute sind es 2000 PS«, fasst es Bauer zusammen.

Das Maintal selbst entstand schon in der Eiszeit. In seinem natürlichen Zustand war der Fluss an manchen Stellen nur einen Meter tief und viel breiter als heute. Es gab sumpfige Flussränder und Inseln. Hochwasser im Frühjahr und Herbst waren normal, ebenso Niedrigwasser im Sommer. Das schlimmste Hochwasser traf die Region 1342, beim sogenannten Magdalenenhochwasser. Damals stand das Wasser am Oberen Tor in Wörth 3,80 Meter über dem Straßenniveau. Zu normalen Zeiten konnte man den Main aber mancherorts auch ohne Brücke überqueren. Davon zeugen bei uns noch die Ortsnamen Trennfurt und Kirschfurt. Wichtige Orte für die Schifffahrt waren Miltenberg, Stadtprozelten und Dorfprozelten.

»Erst um 1820 herum hat man damit angefangen, den Main zu begradigen, damit man nicht mehr jede Kurve mitfahren musste«, sagt der Vorsitzende. So seien die ersten Eisenschiffe nur 67 Meter lang gewesen. Heute seien Koppelverbände mit einer Länge von 185 Metern möglich. Ebenfalls im 19. Jahrhundert setzte man Steine in den Main, um das Wasser zurückzuhalten, sogenannte Buhnenfelder entstanden. »Die sieht man heute bei Niedrigwasser wunderbar. Das hat aber nicht so geklappt«, weiß Bauer.

Große Wende

Die große Wende brachte dann der Schleusenbau, der im Kreis Miltenberg von circa 1920 bis nach dem Zweiten Weltkrieg andauerte. »Am Main wird jetzt immer garantiert, dass die Schiffe fahren können. 2,70 Meter ist die normale Tiefe«, so Rudi Bauer. Für den Fall, dass es lange nicht regnet, ist auch vorgesorgt. Dafür gibt es ein Rohrsystem zwischen der Donau und verschiedenen Seen, von denen bei Bedarf Wasser in den Main gepumpt wird.

Laut dem Vorsitzenden des Museumsvereins macht sich jedoch der Klimawandel bemerkbar. »Der Main verliert immer mehr Wasser.« Der Umschwung könne auch an der Eisbildung festgemacht werden. Bauer erinnert sich noch, dass der Main bis in die 70er Jahre manchmal zufror. Der Fischreichtum im Main sei ebenfalls zurückgegangen. Früher habe Fisch am Main zum Hauptnahrungsmittel gehört. Das habe sich geändert. »Nicht nur wegen des Abwassers, sondern auch wegen der Temperatur«, so der 82-Jährige. »Wird es im Sommer zu warm, kriegen die Fische keinen Sauerstoff mehr.« Um dem entgegenzuwirken, würden jedes Jahr Jungfische für die Angler im Main eingesetzt.

»Belebt unsere Region«

Der Trend der Mainschifffahrt geht für Bauer in Richtung eines Transports von Massengütern, wie etwa von Brennstoffen. »Neu dazugekommen ist auch der Containertransport. Das ist für die Schifffahrt die große Zukunft.« Während viele Menschen Kreuzfahrtschiffe aufgrund ihrer Abwässer für problematisch erachteten, betrachtet Bauer sie wohlwollend. Die Fahrgäste gingen in Miltenberg einkaufen und essen, viele kämen nach der Kreuzfahrt noch einmal in den Landkreis, um Urlaub zu machen. »Das belebt unsere Region und ist die große Entwicklung für den Main.«

 

Nächster Teil: Stand-Up-Paddling am 6. Juli

Hintergrund: Der Verein und Rudi Bauer

Der Verein zur Förderung des Schifffahrts- und Schiffbaumuseums in Wörth ist 1980 gegründet worden. Laut Satzung hat er die Aufgabe, die Einrichtung und den Betrieb des Museums zu fördern. Gemäß den Angaben der Webseite hatte der Verein 2020 163 Mitglieder, darunter Privatpersonen, Firmen und Schiffervereine. Das Museum befindet sich in der ehemaligen Wörther St. Wolfgangskirche, die damals dringend saniert werden musste. Es wurde 1991 eröffnet. Die Öffnungszeiten sind Samstag und Sonntag, 14 bis 17 Uhr.

Rudi Bauer (82) ist seit 2000 der Vorsitzende des Vereins. Er findet: "Kirchenschiff und Schifffahrt - das passt gut zusammen." Er erklärt, das Museum habe in normalen Jahren rund 2000 Besucher und lebe vor allem von Bustouristen. Zudem habe Wörth eine Bedeutung für die Schifffahrt, immerhin noch 16 Schiffe nennen die Stadt ihren Heimathafen.

Bauer war 40 Jahre lang Betriebsleiter in der heutigen Erlenbacher Schiffswerft. Als solcher war er häufig bei Probefahrten mit dabei. Ihn fasziniert, dass die Werft damals "vom ersten Hammerschlag bis zur Fertigstellung" alles selbst gemacht hat. "Am Anfang liegt nur ein Pott Eisen da, am Schluss ist ein Schiff fertig", so der Vorsitzende. Außerdem beeindruckt Bauer, dass der Main in der Schifffahrt als Straße gilt, ähnlich einer Autobahn. "Mich fasziniert, dass man an viele Orte fahren und dass ein Schiff circa 2,5 Tonnen transportieren kann. Einen besseren Energieträger gibt es für die Umwelt gar nicht." (juh)

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