Randnotizen: Jetzt mal ganz langsam

Georg Kümmel über Zeitphänomene in Coronazeiten

Miltenberg
1 Min.

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Seit Al­bert Ein­stein in sei­ner Re­la­ti­vi­täts­the­o­rie Zeit und Raum un­t­renn­bar mit­ein­an­der ver­knüpft hat, be­steht ein Zu­sam­men­hang, der sich für Lai­en grob ve­r­ein­facht in et­wa so zu­sam­men­fas­sen lässt: Wenn sich et­was sehr sch­nell be­wegt, ver­geht die Zeit lang­sa­mer.

Vorstellen kann man sich das leichter, wenn man an unseren deutschen Astronauten Alexander Gerst denkt. Als der in 400 Kilometern Höhe in der ISS mit rund 28 800 Stundenkilometer um die Erde sauste, alterte er ein klein wenig langsamer als wir hier unten.

Nach zwei Weltraummissionen und zusammen fast einem Jahr Erdumkreisungen ist Gerst dadurch jetzt ein paar Millisekunden jünger als alle ursprünglich Gleichaltrigen - anzusehen ist ihm das aber kaum.

In der Umkehrung bedeutet diese Kernthese aus der Relativitätstheorie: Wenn alles stillsteht, rast die Zeit. Und das ist dank Corona-Lockdown eine allgemein zugängliche Erfahrung. Wer immer sich vorgenommen hatte, den im vergangenen Frühjahr ausgefallenen Geburtstag mit einer krachenden Party nachzuholen, musste feststellen, dass es irgendwie doof ist, mit Familie und Freunden den 40. nachzufeiern, wenn auch der 41. schon vorüber ist.

Rad der Zeit

Doch auf Wünsche und Empfindlichkeiten von uns Menschlein konnten bislang weder die Gesetze der Physik noch der Lauf der Welt Rücksicht nehmen. Nach 15 Monaten Pandemie haben aber jetzt selbst Jahreszeiten und Kalender Mitleid bekommen und greifen dem Rad der Zeit in die Speichen. So verlängerte der April sein launisches Treiben bis zum 27. Mai. Wenn nun der Mai seine Wonnetage auch verdoppelt und die Folgemonate sich an ihren Vorgängern ein Beispiel nehmen, lässt sich vielleicht die verlorene Coronazeit noch ausgleichen.

Dass das möglich ist, hat - lange vor Einstein und ohne jede Kenntnis der Relativitätstheorie - Johann Peter Hebel in dieser Anekdote beschrieben: »Zur Musterung kam im Jahr 1795 ein Rekrut, der ein schöner, wohlgewachsener Mann war. Der Offizier fragte ihn, wie alt er sei. Der Rekrut antwortete: »Einundzwanzig Jahr. Ich bin ein ganzes Jahr krank gewesen. Sonst wär ich zweiundzwanzig.«

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