Tatort Schneesberg: 130 Polizisten befragen Anwohner in Wörth

Altfall Klaus Berninger

Wörth a.Main
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Beamte der Bereitschaftspolizei stellen in Wörth Fragen rund um den Mord an Klaus Berninger. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Et­was Ver­g­leich­ba­res ha­ben die Ein­woh­ner der klei­nen Stadt Wörth im Kreis Mil­ten­berg wohl noch nicht er­lebt - nicht ein­mal vor mehr als 30 Jah­ren, als ein Mord­fall die Men­schen dort er­schüt­ter­te. Ge­nau die­ser Fall ist es, der nun er­neut für Auf­se­hen sorgt:

Rund 130 blau uniformierte Beamte der Bereitschaftspolizei klingelten zwischen 11 und 21 Uhr an den Haustüren, suchten das Gespräch mit den Menschen.

Das Ziel damals wie heute: Hinweise auf den Täter zu finden, der am 20. Dezember 1990 in der Gemarkung Schneesberg den Bäckerlehrling Klaus Berninger brutal tötete (siehe »Der Altfall Klaus Berninger«). Die jungen Polizistinnen und Polizisten, die die SOKO »Berninger« der Aschaffenburger Kriminalpolizei unterstützen, sind bestens vorbereitet: Routiniert klingeln Teams aus je zwei Beamten an den Türen, stellen ihre Fragen: »Wissen Sie etwas über den Tattag?«, »Haben Sie sich mit Bekannten über den Fall unterhalten, die etwas wussten?« »Haben Sie damals schon hier gewohnt?« »Haben Sie Erinnerungen an den fraglichen Abend?«

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Tatort Schneesberg - Polizei befragt in Wörth Anwohner
Foto: Stefan Gregor |  15 Bilder
Jeder Hinweis zählt

So allgemein diese Fragen klingen, so wichtig sind die Antworten. Selbst wenn Anwohner Thomas Weimer (58) auf die Fragen der beiden Beamten erwidert, dass er von der Tat erst aus der Zeitung erfahren habe. »Das war ein Schock damals«, sagt er. Zudem kenne er die haltlosen Gerüchte, die in dem kleinen Ort die Runde machten. Die Bäckerfamilie sei bekannt. »Hoffentlich erwischen sie den Kerl«, sagt er.

Auch wenn Weimer nicht weiterhelfen kann, jeder noch so kleine, noch so unwichtig scheinende Hinweis kann die Ermittler dem Täter ein bisschen näher bringen, erläutert Polizeisprecher Philipp Hümmer. Deswegen sind alle Einwohner, die älter als 18 Jahre sind, für die SOKO »Berninger« von Interesse. Schließlich können auch jüngere Menschen etwas aufgeschnappt haben, was relevant ist.

Auf Unwägbarkeiten wissen die Beamten zu reagieren: Eine Frau öffnet, versteht aber kein Deutsch, blickt sich suchend nach einem Dolmetscher um. Den braucht sie gar nicht: Einer der Beamten spricht fließend russisch, stellt die Fragen, und nach einem kurzen Gespräch schließt sich die Tür wieder.

Überall in den Straßen sind Beamte zu sehen. Sie haben Schreibbretter dabei, nach jeder Befragung machen sie sich Notizen. Diese werden von den Mitgliedern der SOKO, die an diesem Tag neben dem Feuerwehrhaus ihr Büro eingerichtet haben, bewertet. »Wenn richtig konkrete Hinweise reinkommen, die für uns wichtig sein können, sucht ein Vernehmungsteam der Kripo den Betreffenden direkt noch einmal für ein intensiveres Gespräch auf«, beschreibt Altfall-Ermittler Detlef Bub das Vorgehen.

Rund 25 solcher Hinweise, die neue Ermittlungsansätze versprechen, hat die Polizei zwischen dem Infoabend am Freitag und Mittwochnachmittag bekommen. »Es sind heute auch schon individuelle Gespräche geführt worden«, verrät der Kriminalhauptkommissar und lächelt ein wenig. Er hoffe, dass im Laufe des Tages auch noch das eine oder andere hinzukomme.

Neben der Hoffnung auf neue Ansätze hat die Aktion einen weiteren Zweck: Aufmerksamkeit zu erregen. Am vergangenen Mittwoch kündigte die Polizei an, dass der Fall neu aufgerollt wird. Am Freitag folgten mehr als 140 Menschen der Einladung zu dem Infoabend, bei dem die Polizei den Fall in Erinnerung rief. Und nun ein Großaufgebot von uniformierten Beamten in dem rund 4700-Einwohner-Ort.

Großaktion in Wörth: Etwa 130 Polizisten fragen Einwohner zum Tod von Klaus Berninger
Quelle: Annika Kickstein
Blicke aus den Fenstern

Die Strategie geht auf: An den Fenstern stehen Menschen und schauen auf die Straße - neben den Polizisten ist schließlich auch jede Menge Presse unterwegs, die Mikrofone und Kameras sind schwer zu übersehen. Ein Autofahrer fährt mit heruntergelassener Scheibe am Rathaus vorbei, dem Treffpunkt für die Beamten, die in zwei großen Reisebussen vorgefahren sind. Als er die vielen blauen Uniformen sieht, weiten sich seine Augen, ungläubig schaut er noch einmal hin. Und auch in den Geschäften im Ort ist die Befragung Gesprächsthema, bestätigt eine Verkäuferin.

Wer nicht zuhause ist, wird von der Aktion dennoch erfahren: Durchs Gespräch mit anderen oder einen der mehr als 3000 Handzettel, die die Polizei an diesem Tag dabei hat. Die Beamten werfen sie in die Briefkästen derer, die sie nicht antreffen. »Jeder Haushalt in Wörth soll etwas von der Aktion mitbekommen«, erklärt Polizeisprecher Hümmer. Auch in den nächsten Wochen wird es in und um Wörth wohl einiges zu sehen geben: Der Fall Klaus Berninger ist nicht vergessen und wird es auch nicht werden.

Hintergrund: Der Altfall Klaus Berninger

Am 20. Dezember 1990 verschwand in Wörth (Kreis Miltenberg) der 16 Jahre alte Bäckerssohn Klaus Berninger. Damaligen Ermittlungen zufolge wurde er zuletzt gegen 18 Uhr vor dem Pub »Nachtfalter« gesehen. Einen Tag vor Heiligabend, am 23. Dezember 1990, entdeckten Spaziergänger die Leiche des Jugendlichen am Wörther Schneesberg unweit der Michaelshütte. Ein Unbekannter hatte ihn laut damaliger Erkenntnissen bereits am Tag seines Verschwindens getötet.

Trotz intensiver Ermittlungen gelang der Polizei bis heute nicht, das Verbrechen aufzuklären. Der oder die Täter laufen noch immer frei herum.

Am 20. April 2022 gaben Aschaffenburger Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei öffentlich bekannt, wieder im Altfall Berninger zu ermitteln. Die »AG Altfall« der Kriminalpolizei hatte zuvor über sechs Monate lang Akten und Beweisstücke durchleuchtet.

Die Ermittler gehen auch heute noch davon aus, dass der oder die Täter aus der Region stammen. Überdies vermuten sie, dass es Personen gibt, die Kenntnisse rund um das Tatgeschehen haben, diese damals jedoch aus verschiedensten Gründen verschwiegen. Die Ermittler weisen ausdrücklich darauf hin, dass nach 30 Jahren außer Mord sämtliche Taten verjährt sind und Mitwissern, die damals schwiegen, keine Strafverfolgung mehr droht. (mai)

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