Miltenberg verneigt sich vor ermordeten Juden

Holocaust: Gunter Demnig verlegt die ersten neun Stolpersteine in der Kreisstadt - Messingtafeln im Boden erinnern an frühere Mitbürger

Miltenberg
3 Min.

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Gunter Demnig verlegt beim Festakt auf dem Marktplatz Stolpersteine für Oskar, Rosa und Manfred Moritz. Im Hintergrund spricht Bürgermeister Helmut Demel.
Foto: Sabine Balleier
Mehr als 50 Ju­den al­lein aus Mil­ten­berg wur­den im Drit­ten Reich von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten de­por­tiert. Sie star­ben in Kon­zen­t­ra­ti­ons­la­gern, Ghet­tos oder auf dem Weg dort­hin. Seit Sams­tag ist die Er­in­ne­rung an den grau­sa­men Völ­ker­mord Teil des All­tags in der Kreis­stadt: Neun Stol­per­stei­ne im Pflas­ter wei­sen auf die Schick­sa­le ehe­ma­li­ger jü­di­scher Mit­bür­ger hin. Wei­te­re sol­len fol­gen.

In einem zweistündigen Festakt verlegte der Frechener Künstler Gunter Demnig die kleinen, messingbezogenen Würfel auf dem Marktplatz, vor dem Haus Hauptstraße 193 im Schwarzviertel, vor der früheren neuen Synagoge und dem Nachbarhaus in der Mainstraße. Dort lebten bis zum Beginn der 40er-Jahre Oskar, Rosa und Manfred Moritz, Mira Marx, Wilhelm Oppenheimer, Abraham, Nanny, Siegfried und Bella Heß. Sie alle wurde Opfer des Holocaust.
Bewegender Vortrag
In kurzen Vorträgen schilderten sechs Mittelschüler, vier Realschüler und sechs Gymnasiasten aus Miltenberg, was heute über das Leben der ermordeten Juden bekannt ist. Besonders bewegend: die fiktiven Tagebucheinträge der damals 18-jährigen Bella Heß. Sie hat - voller Angst - auch den Tag festgehalten, an dem ihre Familie von der Gestapo abgeholt und ins Ghetto nach Riga gebracht wurde. Trotz dieser nachdenklichen Momente war es kein bedrückend schwermütiger Festakt.
Das lag nicht zuletzt an den Angehörigen der ermordeten Familie Moritz, die die Verlegung der Miltenberger Stolpersteine mit positiver Grundstimmung begleiteten: »Dies ist ein bedeutsamer Tag«, meinte Jon Meier, Enkel von Oskar und Rosa Moritz. »Es ist ein wichtiger Schritt für uns alle, damit wir die Vergangenheit nicht vergessen.« Rosemarie Parker, ebenfalls eine Enkelin der Eheleute Moritz, sagte: »Es ist gut, dass jetzt an die Geschehnisse erinnert wird. Ich bin dankbar, dass sich Leute hier drei Jahre lang dafür eingesetzt haben.« Mit Blick auf die Flüchtlingsproblematik erklärte sie, die Themen Verfolgung und Rassenhass seien heute wieder sehr aktuell. »Das erfüllt uns mit großer Sorge.«
Zöller: »Immer wieder mahnen«
Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Landrat Thomas Zöller (Freie Wähler) über die aktuellen Erfolge rechter Parteien wie der AfD und der FPÖ. »Deswegen ist die Erinnerung so wichtig«, sagte er. »Wir müssen die Menschen aufmerksam machen auf das Schicksal der Opfer und immer aufs Neue mahnen, dass so etwas wie die Judenverfolgung im Dritten Reich nie wieder passieren darf. Die Steine zeigen, wo Misstrauen und Vorurteile hinführen.«
Der Miltenberger Bürgermeister Helmut Demel sieht die Stolpersteine als »Zeichen, dass wir aus der Geschichte lernen wollen«. Er zitierte einen Brief von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und sandte dazu einen Appell an die Gegner der Stolpersteinverlegung: »Vielleicht lädt dieser Brief den einen oder anderen zum Umdenken ein.« Kritik an der Form der Erinnerung hatte es im Stadtrat von Seiten der CSU gegeben.
Schuster hatte der Stadt geschrieben, die Stolpersteine seien »ein wichtiger Beitrag zu einer modernen Gedenkkultur«. Sie regten zum Nachdenken und Nachfragen an. Dies sei vor allem wichtig, weil die Zahl der Zeitzeugen schwindet. Für den Zentralratspräsidenten, das kam im Brief zum Ausdruck, bedeuten Steine im Boden nicht, dass das Schicksal der ermordeten Juden mit Füßen getreten werde. Man müsse sich hinterbeugen, um die Inschrift zu lesen. »Diese Verneigung ist eine schöne Geste.« Vor den kleinen Gedenktafeln im Boden verneigten sich am Samstag beim Festakt auch die Paten der Stolpersteine: Sie legten weiße Rosen auf den frisch eingebauten Quadern nieder.
Initiative im Hintergrund
Dass die ersten Stolpersteine nun überhaupt im Miltenberger Pflaster liegen, ist das Verdienst der Initiative mit Karl Adalbert Maaß, Armin Weinmann und Jürgen Regensburg sowie der Eheleute Gabriele und Georg Bassarab, die die Schicksale der Mildenberger Juden in einer Datenbank zusammengetragen haben. Die Initiatoren hielten sich beim Festakt jedoch weitgehend im Hintergrund - bis auf einige kurze Worte und Musikbeiträge. Das Signal: Es geht nicht um sie, sondern um die Miltenberger Juden.

bEin Video und mehr Fotos vom Festakt unter www.main-echo.de
Sabine Balleier

Stolpersteine für Miltenberg
Quelle: Sabine Balleier
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Stolpersteine für Miltenberg
Foto: Sabine Balleier |  20 Bilder
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