Lebensbäume und Herzenssachen bei Niedernberger Kerb

Senioren malen gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen - Ausstellung zur Kerb im Treff Spätlese

Niedernberg
3 Min.

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"Lebensbäume" haben die Senioren der Spätlese mit Kindern der Mittagsbetreuung gemalt. Die entstandenen Werke sind bei der Ausstellung zur Niedernberger Kerb zu sehen.
Foto: Anja Mayer
Unter dem Motto "Ecken und Kanten" brachten die Künstler auf vorgrundierten Leinwänden Klebeband an und bemalten sie anschließend weiter. Nach dem Trocknen der Farbe wurden die Klebebänder entfernt und es waren viele "Ecken und Kanten" entstanden.
Foto: Anja Mayer
"Herzenssache" lautet der Titel der Ausstellung. Für diese Werke haben jeweils ein Kind und ein Senior eine Hälfte zum Thema bemalt.
Foto: Anja Mayer
Gruppenbilder: Es braucht eine Menge Toleranz, wenn ein plötzlich ein anderer dort weitermalt, wo man selbst gerade noch den Pinsel ansetzte.
Foto: Anja Mayer
Ecken und Kanten: Auf vorgrundierten Leinwänden haben die Senioren hier Klebeband angebracht und anschließend bemalt. Wenn das Band entfernt wird, werden Ecken und Kanten sichtbar.
Foto: Anja Mayer
Rita Geyer hat fast alle ihre Bilder für die Ausstellung und den Verkauf zugunsten des Seniorentreffs zur Verfügung gestellt.
Foto: Anja Mayer
Kind und Senior sollten jeweils einen Teil eines Herzes oder ein eigenes Motiv zum Thema malen, später mussten beide Leinwände ein gemeinsames Bild ergeben. Während das Kind wie erwartet ein Herz pinselte, griff sein Senior-Malpartner zu dunklen Farben und verarbeitete sichtbar Erlebnisse des Krieges. Ein Pfeil verband schließlich die beiden Hälften: Er kommt aus der Dunkelheit und trifft mitten ins Herz.
Foto: Anja Mayer
Her­zens­sa­che - der Ti­tel der dies­jäh­ri­gen Aus­stel­lung zur Nie­dern­ber­ger Kerb be­sch­reibt wei­t­aus mehr als die Wer­ke, die zu se­hen wa­ren. In das Ge­mein­schaft­s­pro­jekt war ge­fühlt der gan­ze Ort in­vol­viert. Dass es da­bei um vie­le Er­in­ne­run­gen und Emo­tio­nen ging, aber auch um Be­geg­nun­gen und Be­rüh­rung­s­ängs­te schil­der­te drit­ter Bür­ger­meis­ter Vol­ker Go­e­bel bei der Ver­nis­sa­ge am Frei­tag in der Se­nio­ren­be­geg­nungs­stät­te Spät­le­se.

Dass die Einrichtung ein großer Segen für die Gemeinde ist, hatte zuvor auch Bürgermeister Jürgen Reinhard betont. Mit stimmiger Liedauswahl schufen Lisa Rüd und Roman Doubravsky von der Band Chocola eine berührende Atmosphäre.

Hemmschwellen überwunden

Unglaublich viel Herz haben die Leiterinnen des Seniorentreffs Birgit Roth und Lyn Wehrheim mit ihrem Team in das Projekt gesteckt, das vor gerade einmal sechs Monaten startete. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Birgit Roth an viele schlaflose Nächte, denn: In der Vergangenheit sei es nicht immer einfach gewesen, die Senioren für kreative Angebote zu motivieren. Den Satz »Ich kann nicht malen« hat sie oft gehört.

Kinder und Jugendliche sollten helfen, die Hemmschwelle abzubauen. In der Niedernberger Mittagsbetreuung und im Jugendtreff kam die Idee sofort gut an. »Der Erfolg war gewaltig«, sagt Birgit Roth. »Jung und Alt wurden voneinander beflügelt, das hätten wir uns nicht so intensiv vorgestellt.«

Erlebnisse aus Kriegszeiten

An mehreren Nachmittagen besuchten Kinder und Jugendliche die Spätlese. Jedes Mal gab es ein neues Thema. In Zweierteams (jeweils Jung und Alt) wurden so Lebensbäume und Regenbögen gemalt. Ein bewegendes Bild entstand unter dem Thema »Herzenssache«: Kind und Senior sollten je einen Teil eines Herzens oder ein eigenes Motiv zum Thema malen, später ergaben beide Leinwände ein gemeinsames Bild. Während das Kind ein Herz pinselte, verarbeitete der Senior-Malpartner mit dunklen Farben Erlebnisse aus Kriegszeiten. Ein Pfeil verband die beiden Hälften: Er kommt aus der Dunkelheit und trifft mitten ins Herz.

Mit den Jugendlichen gestalteten die Senioren unter anderem einen Baum: Ein starker Stamm mit verzweigten Ästen, an denen viele bunte Fingerabdrücke hängen. Die Erwachsenen hätten sich anfangs schwer getan, erinnert sich Birgit Roth. Doch nach wenigen Augenblicken tupften alle begeistert ihre Finger in die Farbe und auf die große Leinwand.

Manche der Senioren fanden in den Malaktionen eine unentdeckte Leidenschaft. Rosemarie Huscher, Christel Schildbach und Hilde Werner fanden so viel Freude daran, dass sie gleich mehrere Werke schufen. Rita Geyer spendete sogar ihren privaten Bilderschatz (siehe Hintergrund). Der Erlös aus dem Verkauf kommt der Spätlese zugute.

Anleitung durch Expertinnen

Neben den Projekten mit Kindern und Jugendlichen holten Birgit Roth und Lyn Wehrheim noch zwei Expertinnen in die Spätlese, unter deren Anleitung ebenfalls berührende Werke entstanden. Mit Gestaltberaterin Heike Klug aus Obernburg ließen die Frauen und Männer auf einem Aquarellpapier von einem nassen Fleck weg ein Bild entstehen. Zum Vorschein kamen Blüten und Mandalas, aber auch traumatische Erinnerungen an den Krieg.

Unter der Anleitung von Ingrid Ball aus Niedernberg malten die Senioren in Gruppen an einem gemeinsamen Bild. Wenn eine bestimmte Musik gespielt wurde, mussten die Bilder gedreht oder zwischen den Tischen getauscht werden. »Es bedarf schon einer Menge Toleranz, wenn man zuschauen muss, wie ein anderer an dem eigenen Bild weitermalt«, erklärt Birgit Roth. »Obwohl sie ihre Planung immer wieder ändern mussten, entstand ein harmonisches Gemeinschaftswerk.«

Selbst eine 90-jährige Niedernbergerin mit nur noch zehn Prozent Sehkraft hat sich der Kunst geöffnet: Sie gestaltete eins der Gruppenbilder mit und malte mit ihrer Ur-Enkelin, die mit der Mittagsbetreuung zu Besuch kam, einen »Lebensbaum« - auch das war für beide eine Herzenssache.

Hintergrund: Rita Geyer und ihr Bilderschatz

Sie habe schon mal ein paar ihrer Bilder ausgestellt, aber noch nie verkauft, erzählt Rita Geyer. Für die 82-Jährige war die Vernissage ein ganz besonderer Abend. Vor zwei Jahren erst ist sie aus Kirchberg (Hunsrück) mit ihrem Mann Heinz nach Niedernberg gezogen. Tochter Astrid lebt bereits seit über 25 Jahren hier und hat die Eltern zu sich geholt. Kein leichter Schritt, sagt Rita Geyer, aber sie habe ihn nicht bereut.

Mit der Malerei begann sie 1992. Von einer befreundeten Künstlerin erhielt sie gute Tipps, wie sie sagt. "Aber alles privat, ich bin keine Malerin." Ihre Werke wurden in der Spätlese dennoch vielfach bestaunt. Grüne Landschaften und abstrakte Figuren bringt sie mit unterschiedlichen Techniken auf die Leinwand. "Es macht die Seele frei", sagt Rita Geyer.

Die Spätlese sei ein Segen für sie. "Ich wurde wunderbar aufgenommen." Für die Ausstellung hat sie so ziemlich alle ihrer Acrylbilder zur Verfügung gestellt - auch zum Verkauf, denn der Erlös soll dem Seniorentreff zugute kommen. Von rund 40 Bildern hat sie sich getrennt, was ihr durchaus auch schwer fiel, wie sie zugibt. "In jedem Bild steckt schließlich ein Stück Seelenleben." Im Nachhinein sei sie aber froh über den Entschluss und durchaus etwas stolz, wenn ein Bild verkauft wird und jemand Spaß daran hat.

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