Landrat Jens Marco Scherf äußert sich zu Verhältnismäßigkeit in der Corona-Zeit

"So viele Beschwerden wie noch nie"

Miltenberg
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Miltenberg, Landratsamt: Landrat Jens Marco Scherf im Interview, was in den kommenden Wochen im Bezug auf Corona bevorsteht. Foto: Stefan Gregor 17.08.2021
Foto: Stefan Gregor
Der Mil­ten­ber­ger Land­rat muss­te ei­ni­ge Co­ro­na-Maß­nah­men um­set­zen, die er als nicht an­ge­mes­sen emp­fun­den hat. Das war ei­ner der Aspek­te des In­ter­views, das die Mil­ten­ber­ger Schü­l­er­re­por­ter mit dem Po­li­ti­ker ge­führt ha­ben.

Gab es viele Beschwerden in der Coronazeit?

Ja, sehr viele, so viele wie noch nie zu einem Thema.

Was haben Menschen als besonders unverhältnismäßig gefunden?

Die Schließung von Geschäften. Da war das große Problem, dass wir an der Ländergrenze leben. Was da als unverhältnismäßig empfundenwurde: Warum ist etwas in Hessen erlaubt und bei uns nicht? Was Bürger vor einem Jahr ebenfalls enorm aufgeregt hat, war das Tragen von Masken. Dazu habe ich im vergangenen Herbst unheimlich viele Nachfragen bekommen.

Finden Sie es verhältnismäßig, dass Geimpfte Vorteile haben?

Ganz klar ja. Wir kriegen diese Pandemie nur in den Griff durch eine breite Impfung. Das bedeutet auch: Jeder, der sich impfen lässt, tut nicht nur etwas für sich, sondern auch für andere. Von daher ist es am Ende eine logische Folge, dass für Geimpfte oder Genesene oder Getestete in bestimmten Bereichen andere Möglichkeiten vorhanden sind. Es ist ein bisschen unbequem, wenn man das als Politiker erklären muss, aber so ist es.

Haben Sie eine Corona-Maßnahme, die sie umsetzen mussten, als nicht verhältnismäßig empfunden?

Da gibt es einige (lacht). Was mich im Frühjahr 2021 sehr belastet hat, war, wie lange es gedauert hat, bis sich Kinder und Jugendliche in den Vereinen und in der Freizeit wieder treffen durften. Ich hätte mir auch gewünscht, dass kritisch hinterfragt wird, ob eine Schulschließung über so viele Monate wirklich sinnvoll ist. Das ist dann das Dilemma: Es sind landesweite Regelungen und die muss man am Ende als staatliche Behörde korrekt umsetzen.

Warum gibt es in vielen Schulen keine Luftfilter?

Weil sie erstens nicht notwendig sind und zweitens dazu verleiten, nicht mehr zu lüften. Am Öffnen der Fenster zum Stoßlüften führt allerdings kein Weg vorbei, wir brauchen die frische Luft. Die Luftfilter sind nur dort notwendig, wo man nicht gut lüften kann. Aber wo man nicht gut lüften kann, kann man auch nicht gut lernen und lange bleiben.

Schüler beschweren sich, sie sind durch Lüften krank geworden. Ist das trotzdem notwendig?

Richtiges Lüften ist die Grundlage, um gesund zu bleiben. Es ist ein falsches Lüften, wenn ich das Fenster im Winter eine halbe Stunde offen lasse. Das bringt nichts gegen Coronaviren, das macht am Ende krank, weil es mir zu kalt wird. Zwei bis drei Minuten Stoßlüften reichen aus, um den Luftaustausch hinzubekommen.

Eine Miltenberger Realschülerin sagt, dass Fern- und Distanzunterricht total mies waren. Was würden Sie ihr erwidern?

Da hat sie absolut Recht! Wirkliches Lernen geschieht im Miteinander.Ich brauche den Austausch. Man braucht seine Lehrkräfte, seine Klassenkameraden, das ist etwas Soziales. Das kann man durch nichts ersetzen.

Wenn eine neue Welle kommen würde, was würden Sie besser oder anderes machen?

Die lange Schulschließung im Winter 2020 und im Frühjahr 2021 ist nicht notwendig gewesen. Wenn jetzt nochmal etwas Massives käme, wissen wir viel genauer, was wir tun müssen, um sinnvoll einzugreifen. Ich bin froh, dass auch andere Politiker sagen: Selbst wenn die Zahlen hochgehen, ist eine Schulschließung nicht angezeigt. Es ist viel wichtiger, dass wir die Menschen daran erinnern, sich impfen zu lassen. Das ist der Schutz vor einer weiteren Ausbreitung, die kommen kann.

Zur Person: Jens Marco Scherf

Jens Marco Scherf (Grüne) ist seit 2014 Landrat im Kreis Miltenberg. Der 47-Jährige hat zuvor als Haupt- und Mittelschullehrer gearbeitet. Zu den Aufgaben des Wörthers gehört die Selbstverwaltung des Landkreises. Dazu zählen etwa die Kfz-Zulassung und der Tourismus. Außerdem ist das Landratsamt eine staatliche Behörde. "Wir setzen um, was in Berlin und vor allem in München entschieden wird", so Scherf. Er sagt von sich, er sei Landrat geworden, um Verantwortung zu übernehmen: "Ich wollte nicht nur zuschauen, sondern Dinge verändern."

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