Keine Chance für Fertigmacher

Lernen: Valentin-Pfeifer-Schule setzt bei der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen auf das Lions-Quest-Programm - Kollegium komplett ausgebildet

Eschau
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Zu Esel Theo dürfen die Siebtklässler der Eschauer Valentin-Pfeifer-Schule ruhig mal fies und gemein sein. Aber sie sollen sich auch in ihn hineinversetzen können und wissen, wie sich der Beleidigte fühlt.
Foto: Nina Lenhardt
Or­an­ge- und ro­sa­far­be­ne so­wie wei­ße Sp­rech­bla­sen kle­ben auf der Ta­fel. Nur ein paar Mi­nu­ten hat die sieb­te Klas­se der Va­len­tin-Pfei­fer-Schu­le ge­braucht, um die bun­ten Zet­tel mit Schimpf­wör­t­ern und Be­lei­di­gun­gen zu be­schrif­ten. »Feig­ling« oder »Op­fer« steht da, je­mand hat auch ge­schrie­ben »Du bist dumm!«. Wie man mit sol­chen »Fer­tig­ma­chern« am bes­ten um­geht, ler­nen die Eschau­er Schü­ler im Li­ons-Qu­est-Pro­gramm.
Bayernweiter Vorreiter
Im 14-Tage-Rhythmus lernen die ersten bis neunten Klassen jeweils eine Stunde lang »Erwachsen werden«. Auf spielerische Art sollen soziale, personale und emotionale Kompetenzen gefördert werden. In einer dreitägigen Fortbildung haben alle 20 Volksschullehrer Themen wie Konfliktlösung, Gefühle und Gesellschaftsregeln kennengelernt, die sie seit diesem Schuljahr mit Übungen in ihren Klassen umsetzen. »Bayernweit sind wir die einzige Schule, deren komplettes Kollegium die Ausbildung gemacht hat«, sagt Schulleiter Gerhard Ammon.
»Normale Lehrpläne vermitteln keine Werte, und Eltern vernachlässigen das oft, deshalb unterstützen wir das Programm«, sagt Martin Herrmann vom regionalen Lions Club Main-Spessart Obernburg. Der gemeinnützige Verein hat die Kosten für die Ausbildung übernommen. Herrmanns Frau Renate war Lehrerin an der Eschauer Volksschule und hatte die Idee angeregt, Lions-Quest in den Unterricht zu integrieren. Über ihren Mann kam der Kontakt zum Lions Club zu Stande.
Wissen, was der Esel fühlt
Im Klassenzimmer der Siebten legt Sozialpädagogin Diana Schork den Kuscheltier-Esel Theo in die Mitte des Stuhlkreises. »Den machen wir jetzt fertig«, sagt sie, und fordert die 28 Schüler auf, den Esel zu beschimpfen. Als den Kindern irgendwann nichts mehr einfällt fragt Schork: »Wie fühlt sich Theo jetzt?« Nicht so gut, sondern traurig und verletzt, analysieren die Jungen und Mädchen nach kurzem Überlegen.
»Die Schüler sollen lernen, sich in andere hineinzuversetzen, und daran denken, wie sich das Gegenüber fühlt, wenn man es beleidigt«, erklärt Klassenlehrerin Katherina Götz, die Lions-Quest gemeinsam mit Schork unterrichtet. Das Interagieren sei wichtig. Denn die Kinder und Jugendlichen seien heute kaum noch in Vereinen und würden sich nur noch selten mit Freunden treffen. Eher säßen sie zu Hause vor dem Computer und chatteten in Onlinenetzwerken wie Facebook. Den Zusammenhalt untereinander, den Lions-Quest bei den jungen Leuten fördern will, betont das Lied »Gemeinsam sind wir stark«, das der Lehrer einer fünften Klasse passend zum Programm komponiert hat.
Gemeinheiten vernichten
Von den bunten Sprechblasen mit den gemeinen Wörtern bleiben am Ende der Lions-Quest-Stunde nur noch Papierstreifen übrig. »Diese Fertigmacher brauchen wir nicht«, wendet sich Götz an ihre Schüler, »deshalb vernichten wir sie jetzt.« Ein Zettel nach dem anderen landet im Aktenvernichter und wird mit leisem Surren zerschnitten.
Vertrauen erleben
Mit den Übungen und Spielen des Lions-Quest-Programms werde die Klassengemeinschaft aufmerksamer, sagt Schork. Zu Beginn und Ende des Unterrichts beschreibt jeder, wie er sich fühlt. So erzählt ein Mädchen, dass seine beiden Haustiere gestorben sind und es ihm deshalb heute nicht so gut gehe. Auch für Lehrer sei das eine gute Gelegenheit, ihre Schüler besser kennenzulernen, meint Schork: »Man hört den Kindern zu und weiß dann, was sie wirklich beschäftigt.«
Ganz anders als aus dem normalen Unterricht gewohnt, nehmen sich Lehrerin und Sozialpädagogin in der Stunde, die »Erwachsen werden« genannt wird, deutlich zurück. Sie sitzen zusammen mit den Schülern im Stuhlkreis, begegnen ihnen quasi auf Augenhöhe, und moderieren, anstatt frontal vorzutragen, was richtiges und was falsches Verhalten ist.
Was Vertrauen bedeutet, erleben die Schüler der 6b bei Angelika Pröschel. In zwei Reihen stehen sich die Kinder gegenüber und fassen sich so an den Armen, dass sich die elfjährige Tatjana Kunze darauf legen kann. Durch gemeinsame Bewegung transportieren die Mitschüler sie unter Gekicher über ihre Arme hinweg wie auf einem Fließband. »Erst hatte ich Angst, dass ich runterfalle«, beschreibt das Mädchen anschließend seine Gefühle, »dann war mir ein bisschen schlecht, aber ich würde es wieder machen, damit man Vertrauen gewinnt.«
Künftiger Vorteil
Schulleiter Ammon plant, dass die Jugendlichen nach der neunten Klasse ein Zertifikat erhalten. »Das bringt Vorteile bei der Bewerbung«, glaubt er. Weniger Fachunterricht haben die Schüler wegen der Förderung von Schlüsselqualifikationen übrigens nicht. Laut Ammon lässt der Lehrplan genügend Freiraum für die Extrastunde, in der die Kinder offensichtlich noch ein bisschen mehr Spaß haben als sonst. Nina Lenhardt
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!