Jugendamt: Verhaltensauffälligkeiten nehmen zu

Diskussion bei Film in Erlenbach

Erlenbach a.Main
2 Min.

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Die Jugendamtsmitarbeiterinnen Ursula Weimer und Judith Appel sowie Moderatorin Susanne Seidel (von links) diskutieren mit dem Publikum.
Foto: Ruth Weitz
Die Jugendamtsmitarbeiterinnen Ursula Weimer und Judith Appel sowie Moderatorin Susanne Seidel (von links) diskutieren mit dem Publikum.
Foto: Ruth Weitz
Ein Szenenfoto aus dem Film »Systemsprenger« mit der Protagonistin Benni, dargestellt von einer grandiosen Helena Zengel
Foto: Kino Passage Erlenbach
Ein Film, der un­ter die Haut geht und mit vie­len Prei­sen aus­ge­zeich­net wur­de, hat am Sams­tag das Pu­b­li­kum im Er­len­ba­cher Ki­no Pas­sa­ge be­rührt. In ei­ner Ge­mein­schafts­ver­an­stal­tung vom Ju­gend­amt des Land­k­rei­ses Mil­ten­berg und Kino­be­t­rei­ber Die­ter Le­bert wur­de die Si­tua­ti­on ei­nes hoch­ag­gres­si­ven Mäd­chens in »Sys­tem­sp­ren­ger« be­leuch­tet. Im An­schluss dis­ku­tier­ten die Be­su­cher un­ter Mo­de­ra­ti­on von Su­san­ne Sei­del, Pres­se­sp­re­che­rin des Land­rat­sam­tes und Lei­te­rin des Bür­os von Land­rat Jens Mar­co Scherf.

Der knapp zweistündige Streifen von Nora Fingscheidt zeichnet das Bild des traumatisierten Mädchens Bernadette, genannt Benni. Obwohl erst neun Jahre alt, hat sie bereits verschiedene Maßnahmen der Jugendhilfe durchlaufen, wurde von der überforderten Mutter getrennt, lebte in Pflegefamilien, in Wohngruppen und in der Jugendpsychiatrie. Alle Versuche scheitern. Der Grund: Eine verlässliche und emotionale Bindung zu einer Vertrauensperson fehlt.

Judith Appel, Leiterin des Sachgebiets Erziehungshilfe und Kindeswohl im Jugendamt und Ursula Weimer, verantwortlich im Jugendamt für Jugendhilfeplanung und Adoptionswesen, berichteten aus ihrer Arbeit und gingen auf Fragen ein. Bei vielen Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen gebe es keine Pauschallösung, so Judith Appel.

Bindungsprobleme

Der Film zeigt: Es werden Versprechen gemacht, die dann aus Angst vor Verantwortung nicht eingehalten werden. Ursula Weimer brachte es auf den Punkt: Die meisten Verhaltensauffälligkeiten gründen in Bindungsmangel. »Je häufiger Bindungsabbrüche stattfinden, um so schwieriger wird es.« Eine Mittelschullehrerin stellte fest, im Schulalltag seien zwar nicht solche Extremfälle wie im Film zu beobachten, aber doch solche, die Lehrer und Mitschüler an die Grenzen der Belastbarkeit bringen würden. Das Jugendamt bestätigte: Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu.

»Es sind nicht die Kinder, die repariert werden müssen. Sie sind nur die Symptome einer gesellschaftlichen Entwicklung«, so die beiden Sozialpädagoginnen. Sie plädierten dafür, die Jugendhilfe flexibler zu gestalten und ein »Bezugserziehersystem von Anfang an« zu gewähren, um Bindungsabbrüche zu verhindern. Für die Helfer gehe es oft ums Aushalten der Situation. Wenig Hoffnung gaben sie einer positiven Entwicklung von Benni. »Wir müssen daran denken, es ist ein Film, der nicht alle Facetten von Jugendhilfemaßnahmen aufzeigen kann«, so Susanne Seidel zum Abschluss.

Hintergrund: Daten aus dem Kreis-Jugendamt

58 Kinder und Jugendliche mussten im Landkreis Miltenberg vor einem Jahr aus ihren Familien genommen werden.  Eine Zunahme von neun gegenüber 2017. Ein Jahr vorher, 2016, waren es insgesamt 25.

Zwar wurden im September 2019 insgesamt 38 Fälle gezählt, was sich aber bis Jahresende noch ändern kann, denn die Zahlen steigen, auch bundesweit.

Damit verbunden ist ein Anstieg der Kosten. 89 Kinder und Jugendliche befinden sich derzeit in Pflegefamilien, 83 in stationären Einrichtungen (inklusive Eingliederungshilfe), 194 werden ambulant betreut, beispielsweise durch die sozialpädagogische Familienhilfe. Teilstationär sind 47 Kinder in sozialpädagogischer Obhut. Auch hier ist insgesamt eine stetig steigende Tendenz zu beobachten.

Die Kosten für die Betreuung in einer Pflegefamilie betragen je Kind monatlich 1000 Euro. Für die Heimunterbringung sind rund 5000 Euro je Kind zu zahlen. In diesem Jahr weist der Etat des Jugendamtes ein Defizit von 8,2 Millionen Euro auf. (ruw)

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