75 Jahre, 75 Orte: Hambrunn - die Ruhe auf der Höhe

Findige Feuerwehrleuten, rüstige Senioren und feierfreudigen Fußballern

Schneeberg
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Hoch oben im Odenwald – in Hambrunn.
Foto: Stefan Gregor
Gang durch Zittenfelden.
Foto: Stefan Gregor
Beschienen: Über dem Tal, über den Höhenzügen des Odenwalds, wenn unten in Schneeberg noch der Nebel liegt, blinzelt in Hambrunn schon die Sonne.
Foto: Stefan Gregor
Odenwald: 1760 Einwohner zählt der Markt Schneeberg. Darunter sind 62, die hoch oben in Hambrunn leben, weitere 48 im Tal der Morre, in Zittenfelden. Ortsteil-Beobachtungen im Dezember 2020.

Weit oben, weit weg. So fühlt es sich an, wenn man von Hambrunn auf das Tal hinunterblickt. Auf Schneeberg, die Muttergemeinde. Auf die Dampfwolken aus den Schloten des Faserplattenwerkes. Auf die Bundesstraße 47, über die ein Laster nach dem anderen donnert. Stetes Dröhnen. Abbremsen und Losfahren am Kreisel. Man kann den Lärm hier oben nur erahnen. Hier dominieren meist Stille und Ruhe.

Kein Verkehr, keine Schule

Kein Schwerlastverkehr. Kein Zuglärm. Aber auch keine Schule, kein Kindergarten, kein Geschäft. Die Ruhe 448 Meter über Normalnull und 280 Meter über Schneeberg hat ihren Preis. Und den zahlen ein paar Dutzend Menschen gerne.

Hambrunn zählt 62 Einwohner. Drei Landwirte, davon ein Vollerwerber. Rund 150 Stück Vieh, drei Mähdrescher. Kirche, Dorfgemeinschaftshaus, Friedhof, elf Gräber. Was gezählt werden kann, ist schnell gezählt im Ort.

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Auf der Höhe und im Tal: Hambrunn und Zittenfelden
Foto: Stefan Gregor |  29 Bilder
Zwei Bürgermeister

Solche nüchterne Zahlen haben Erich Kuhn und Kurt Repp im Kopf, und noch viel mehr. 68 ist der eine und Altbürgermeister, 58 der andere, Bürgermeister seit Mai. Sie führen an diesem kalten Morgen durch den Ort. Die Sonne hat sich durch den Nebel gekämpft, lässt die Fotovoltaikanlagen auf den Dächern glitzern.

Es dauert nicht lange, da wird durch ein gekipptes Fenster nach den beiden Lokalgrößen gerufen. So ist das: Hier kann man sich weder verlaufen noch verstecken. Will auch keiner. Josef und Irma Trunk, beide deutlich über 80, fidel und in guter Laune, haben die Bürgermeister gleich gesehen.

Heuer viele Walnüsse

»Was macht das Leben hier oben aus?«, fragen wir. »Die gute Luft«, heißt es sofort. Und die Natur vor der Tür, die so vieles bereithält: »Heuer viel Walnüsse«, weiß die Hausherrin. Daraus mache sie Nussschnitten, aber wegen Corona gebe es weniger Treffen und daher weniger Nachfrage. Trotzdem: »Wenn's viel Nüss' gibt, gibt's viel Bube«, schmunzelt sie und dann muss das Fenster wieder zugemacht werden, sonst wird's den Senioren zu kalt in der Stube.

Wer jetzt glaubt, dass Hambrunn vergreist, hat sich getäuscht: »Die Jugend bleibt hier«, erzählt Repp. »Oder sie zieht nach Wegzug wieder her.« Neben den alten Höfen mit riesigen Scheunentoren und kleinen Marienfiguren im Mauerwerk werden neue Häuser gebaut, andere saniert. Von den 62 Hambrunnern sind zehn Kinder, das ist mehr als im Bundesschnitt: 2019 lebten in der Republik rund 10,65 Millionen Kinder unter 14 Jahren - bei 83 Millionen Einwohnern insgesamt.

Schnelles Internet

Mit entscheidend dafür könnte die Anbindung ans weltweite Netz sein, auch und gerade hier - zwischen Wald und Flur. »Schnelles Internet und gute Handyverbindung«, hat Erich Kuhn zu Beginn unserer Rundganges zufrieden berichtet. Noch wichtiger aber: die Feuerwehr. »Feuer löschen und Leben retten«, wie geworben wird, sind klar die ersten Aufgaben, aber die Wehr sorgt zudem für Zusammenhalt. »Vor allem in so kleinen Orten«, unterstreicht Kuhn - und auch das lässt sich an Zahlen ablesen: Von den 62 Einwohnern sind 18 in der Wehr.

Einer davon ist der Techniker Elias Trunk, Enkel der Nussschnittenexpertin. Der hat eigens einen Löschwasser-Anhänger entwickelt, der im Falle eines Falles hinter einen Traktor gespannt werden kann.

Beispielsweise von den Farrenkopfs am oberen Ende Hambrunns, wo Bäuerin Rita mit dicker Jacke und festem Schuhwerk den Schubkarren übers winterklamme Gras schiebt. Ihr Tag hat schon sehr früh begonnen - mit dem Austragen des »Boten vom Untermain«. Danach müssen 130 Stück Vieh gefüttert werden, dann Haus und Hof gesäubert.  Die Landwirtin will aber nicht klagen. »Passt alles«, sagt sie. Klar, wie überall verändere sich das Leben. Früher habe es noch mehr Gemeinschaft gegeben, aber so sei eben die Zeit.

Ähnliches hört man im neun Straßenkilometer entfernten Tal der Morre, im Schneeberger Ortsteil Zittenfelden. Um die Mittagszeit kann Landwirt Michael Breunig mal verschnaufen. 200 Mutterkühe sind versorgt und so nimmt er sich ein paar Minuten, um mit den Bürgermeistern zu sinnieren. »Heute hat keiner mehr Zeit«, meint er. »Früher gingen die Bauern nach Feld und Stall direkt ins Wirtshaus.«

Früher mehr Wirtshäuser

Die Zittenfeldener seien gesellig, heißt es. In gleich zwei Wirtshäusern konnten sie das einst pflegen. Die sind längst geschlossen - und derzeit dürften sie ohnehin nicht öffnen. Im Corona-Winter 2020 bleibt auch das erst 2018 fertiggestellte Dorfgemeinschaftshaus zu, bei dem, wie in Hambrunn, vor allem Feuerwehrleute mit angepackt haben.

In vielem ähneln sich die Ortsteile. Aber wenn sich die Tal- mit der Höhengemeinde messen müsste, könnten die Zittenfeldener allerlei ins Feld führen: »Wir sind weltläufiger«, wäre ein Punkt, denn das Dörflein sorgt für einen der Promis im Wikipedia-Eintrag Schneebergs: Im Ortsteil lebte bis zum seinem Tod Alfred Pfaff (1926 bis 2008). 

Fußballer der Eintracht

Der gebürtige Frankfurter war S pielmacher bei Eintracht Frankfurt von 1949 bis 1961 und in sieben Länderspielen in der Nationalmannschaft im Einsatz. Hölzenbein und Grabowski seien oft dagewesen. »Da wurde viel und lang gefeiert«, wird mit Sehnsucht im Unterton erzählt. Noch heute markiert das Vereinswappen der Eintracht an der Wand des Hauses, in dem Pfaff lebte und einst eindes der Wirtshäuser war.

Auch die Kunst war hier daheim: Ein inzwischen verstorbener Bildhauer hat nicht nur eine barbusige Schönheit hinterlassen. Und Zittenfeld ist emanzipierter: 48 Einwohner (neun Kinder), 23 Feuerwehrleute, darunter auch Frauen! Anders als bei der Wehr in Hambrunn.  Dafür aber hat der Höhenortseil eine 99-Jährige. Das ist die gute Luft. Und die Ruhe auf der Höhe.

 

 

Zahlen und Fakten: Schneeberg und Ortsteile

Die Gemeinde Schneeberg (Kreis Miltenberg) wurde erstmals im Jahre 1237 erwähnt  Zur Geschichte heißt es: "Konrad der Jüngere von Weilbach besaß damals Güter in Schneeberg, für die er dem Kloster Amorbach abgabepflichtig war. Die Herren von Durne, die als Dorfpatrone galten, verkauften 1272 ihr Rückkaufsrecht dem Bischof von Mainz.
In den folgenden Jahrhunderten gehörte Schneeberg dann zur "Unteren Zent" des mainzischen Amtes Amorbach und stand im Lehensbesitz des Klosters Amorbach. "

1470 wurde Schneeberg  zum Wallfahrtsort erhoben.

Der Markt ist weit über die Grenzen durch Maßkonfektionsbetriebe bekannt. Das Schneiderhandwerk hat Tradition.

Die Gemeinde liegt  im Naturpark Bergstraße-Odenwald und biete  einen idealen Ausgangspunkt für Wanderungen, Radtouren und Ausflüge durch den Odenwald, Spessart, das Badener Land und entlang des Maines,  wirbt  man auf der Homepage.

Der Name »Schneeberg« steht mit dem Wort »Schneise« in Verbindung (Mittelhochdeutsch »sneite«). Wie eine Schneise liegt das eingeschnittene Tal zwischen den steil ansteigenden Berghöhen.

Der Ortsteil Hambrunn wurde 1346 erstmals urkundlich genannt, Zittenfelden 1347. Beide Orte kamen 1975 zu Schneeberg. (bach)

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