Hakenkreuz als "Schmuckzeichen" am Haus

Zeitzeugen 1946/47: Wie die Wörther die Entnazifizierung erlebten - Zweite Folge: Der Arzt Otto Griebling

Wörth a.Main
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Otto Griebling und seine Frau. Der Garten lag neben seinem Haus an der Landstraße. Foto: Werner Trost
Foto: Dr. Werner Trost
Das Foto zeigt ein ausgeschlagenes, aber noch erkennbares Hakenkreuz über dem Seiteneingang der 1933 gebauten Villa Luise zwischen Kirche und Bahnhof. Griebling weigerte sich lange, das Hakenkreuz an seinem Haus zu entfernen. Foto: Jürgen Schreiner
Foto: Jürgen Schreiner
Über 40 Jah­re lang, von 1910 bis 1945, war Ot­to Grie­b­ling in Wörth als Arzt tä­tig. Der 1909 in Mün­chen zum Dr. med. pro­mo­vier­te jun­ge Arzt (Jahr­gang 1882) kam 1910 nach Wörth - zu­nächst als As­sis­tent von Dr. Va­len­tin Hock - und wur­de ab 1. Ju­ni 1911 des­sen Nach­fol­ger.

Am 13. Dezember 1913 wurden seine Dienstverpflichtungen und das Honorar von der Stadt vertraglich festgelegt. Für sein Grundhonorar von 900 Mark im Jahr war abgegolten die Verpflichtung, die "Behandlung der hiesigen Armen unentgeltlich durchzuführen". Arme Menschen, die ohne Arbeit waren oder als Tagelöhner den kargen Unterhalt für die (meist kinderreichen) Familien beschaffen mussten, gab es zahlreich. Außerdem wurde vereinbart, dass Griebling "nach Tunlichkeit zunächst die hiesigen und dann erst die auswärtigen Patienten zu besuchen" habe. Für einen solchen Besuch konnte der Arzt zwei Mark (für den ersten Besuch; für jeden weiteren eine Mark) erheben.

Der Zuständigkeitsbereich des Wörther Arztes umfasste außer der Stadt selbst noch Erlenbach, Seckmauern, Haingrund, Trennfurt und Laudenbach. Griebling konnte seinen Sprengel nur versorgen, weil er (als erster Arzt in Wörth) bereits ein Auto besaß.

Allround-Mediziner

Die Ärzte dieser Zeit mussten Allround-Mediziner sein, die nicht nur sämtliche Krankheiten behandelten, sondern sogar Operationen durchführten. Am 22. Februar 1910 beschloss der Stadtmagistrat: "Dem derzeitigen prakt. Arzt wird die Genehmigung zur Benützung des im Armenhaus befindlichen freien Zimmers als Operationsraum in stets widerruflicher Weise erteilt." Noch lange danach erzählte man in Wörth von Operationen, die im Armenhaus (in der oberen Weberstraße) oder auf dem Küchentisch eines Patienten durchgeführt wurden.

Griebling, der ständig auch mit den hygienisch katastrophalen Bedingungen nach den Hochwässern zu kämpfen hatte, unter denen die Menschen in der Stadt zu leiden hatten, war bald eine wegen seiner fachlichen Qualitäten hoch angesehene Persönlichkeit.

Während des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) übernahm Griebling zusätzlich die Versorgung der beiden Reservelazarette in Wörth (im "Löwensteiner Hof" und in den "Drei Königen") und wurde als Stationsarzt im Aschaffenburger Krankenhaus eingesetzt.

Die "Machtergreifung" Hitlers (1933) und dessen Anstrengungen, die Bestimmungen des harten Versailler Vertrages zu revidieren, begrüßte Griebling. Er trat in die Ortsgruppe der NSDAP ein und ließ an seinem Haus in der Landstraße (Landstraße 8, neben Gasthaus "Lamm", später "Wiener Cafe") demonstrativ ein Hakenkreuz in Stein anbringen. Im März 1942 trat er aus der (evangelischen) Kirche aus, ebenso seine Ehefrau (aus der katholischen Kirche). Alleine die Tatsache, dass er sich als anerkannte Autorität in der Stadt offen zum Nationalsozialismus bekannte, war der "Bewegung" von großem Nutzen.

Nach 1945 wurde Griebling ein tragisches Opfer der Entnazifizierung. Die Militärbefehlshaber erteilten ihm im Mai 1945 zunächst die Sondererlaubnis, seinen DKW und sein Motorrad weiter zu benutzen, denn "Dr. Griebling betreut eine ausgedehnte ärztliche Praxis mit chirurgischer Tätigkeit im Krankenhaus Klingenberg, wenn nötig auch in Obernburg, da kein anderer Operatör vorhanden ist".

Der Mann war also unabkömmlich - so schien es ihm wenigstens - und er war nicht gewillt, seiner Überzeugung im Nachhinein abzuschwören. "Ich habe mich zum Nationalsozialismus bekannt und war in dem Sinne Nationalsozialist, dass mir mein Deutschland sehr am Herzen gelegen hat", schrieb er kurz vor seinem Tode.

Mehrfach aufgefordert

Die Militärregierung hatte bereits am 18. Mai 1945 verlangt, "daß sofort die alten Hoheitsabzeichen ? entfernt werden. Das Hakenkreuzzeichen darf nirgends mehr zu sehen sein". Griebling musste mehrfach aufgefordert werden, das an seinem Haus "ausgemeißelte Hakenkreuz" zu beseitigen (letztmals am 9. Oktober 1945), bis er dieses "Schmuckzeichen", wie er es nannte, wegschlagen ließ.

Wohl auch wegen dieser Unnachgiebigkeit den Befragungen und Befehlen der Militärbehörden gegenüber wurde Griebling im Oktober 1945 in das Internierungslager Hammelburg gebracht, wo er unter schlimmen Bedingungen 16 Monate bleiben musste. In das Arzthaus wurden im Mai 1946 Flüchtlinge einquartiert. "We have put into the rooms of Mrs. Griebling 10 refugees", berichtete Bürgermeister Krauß.

Das Leben genommen

Am 2. April 1947 wurde Griebling in Hammelburg entlassen, er war mittlerweile 65 Jahre alt, kehrte nach Wörth zurück - und zwei Wochen später (13. April 1947) war er tot. Seine Frau Anna Justina war am Tag zuvor freiwillig in den Tod gegangen; am Tag darauf nahm er sich das Leben. Beide wurden in Laudenbach begraben.

1950 tauchte ein Abschiedsbrief auf, in dem er weitere Hintergründe seines Suizids andeutete: "Ich bin mir bewusst, in meinem langen arbeitsreichen Leben stets meine Pflicht erfüllt zu haben. Wenn ich heute gezwungen bin, durch das Eingreifen einer fremden Besatzungsmacht, verbunden mit der Tätigkeit ganz kleiner Kreise in Wörth von Euch allen zu scheiden, dann bitte ich Euch, mich in gutem Andenken zu bewahren."

Hintergrund: Wörther Zeitzeugen 1946/47

»Heil Hitler«, Reichskristallnacht und KZ im Kontext des »Dritten Reiches« erscheinen heute vielen - vor allem jungen - Menschen als unglaublich und »exotisch«. Die Zeit unterm Hakenkreuz (1933-1945) wurde nach Kriegsende vielfach verdrängt, in der Schule zunächst gar nicht, dann ständig thematisiert, von manchen bis heute geleugnet und schließlich weitgehend vergessen. Aber auch die Not und die Provisorien der unmittelbaren Nachkriegszeit erscheinen vielen heute unglaublich. Jedenfalls lohnt sich ein Rückblick auf die unmittelbaren Nachkriegsjahre 1946/47, in denen Vergangenes aufgearbeitet und Neues begonnen wurde. Mit dem »Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus« vom 5. März 1946 begann eine umfangreiche Überprüfungskampagne, die alle Bürger über 18 Jahren erfasste. In welcher Weise die NS-Zeit und die unmittelbare Nachkriegsjahre Lebensläufe beeinflusst und verändert haben, zeigt unsere Serie an exemplarischen Lebensläufen aus der Stadt Wörth auf. (wt)

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