Mittwoch, 01.12.2021

Fachkraft für Suchtprävention Birgit Englert spricht über Suchtbehandlung

"Jede Jugendkultur sucht ihren Freiraum"

Miltenberg
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Birgit Englert, Fachkraft für Suchtprävention am Landratsamt Miltenberg.
Foto: Julie Hofmann
Bir­git Eng­lert ist Fach­kraft für Sucht­präv­en­ti­on beim Land­rat­s­amt Mil­ten­berg. Mit der Schü­l­er­re­dak­ti­on hat sie dar­über ge­spro­chen, wie man ei­ne Sucht er­kennt und be­han­delt und ob Me­di­en­sucht in Zu­kunft noch grö­ß­er wer­den könn­te.

Zu Beginn eine Frage mit Augenzwinkern: Haben Sie denn selbst eine Sucht?

Kaffee (lacht). Wenn ich morgens keinen trinke, kann es sein, dass ich mittags dann Kopfschmerzen bekomme.

Ab wann beginnt eine Sucht, woran erkennt man sie?

Es gibt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sechs Merkmale. Dazu zählt zum Beispiel die Toleranzentwicklung. Das bedeutet, dass man immer mehr von der gleichen Sache macht. Anfangs spielt man eine halbe Stunde Computer und hat dann den "Kick", irgendwann benötigt man 15 Stunden. Ein weiteres Merkmal sind körperliche Entzugserscheinungen wie etwa Unruhe und Nervosität.

Was ist die generell häufigste Sucht?

Nikotin, Alkohol und die Sucht nach Medikamenten. Man kann aber von allem süchtig werden, zum Beispiel vom Putzen oder von Schokolade.

Wie kann eine Sucht behandelt werden?

Erstmal muss derjenige, der süchtig ist, das wollen. Bei einer Sucht kann man körperlich und psychisch süchtig sein. Meist ist die körperliche Abhängigkeit einfacher zu behandeln. Beim Alkohol macht man einen Entzug. Die psychische Abhängigkeit ist aber viel schwieriger zu überwinden. Man denke an den Raucher: Das Nikotin ist schnell aus dem Körper raus, aber wie lange machen sie rum, bis sie nicht mehr rauchen? Da werden meist viele Versuche unternommen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn ein Teenager betroffen ist?

Ihr Kind wird das erstmal verneinen. Es geht dann darum, dass die Eltern mit dem Kind im Gespräch bleiben, dass sie zeigen, dass sie es nicht bestrafen wollen. Beim Handy kann man ein Wochenpensum festlegen. Wenn es auf diese Weise gar nicht geht, kann man sich Hilfe suchen, etwa im Internet oder bei Selbsthilfegruppen.

Gibt es bei Jugendlichen je nach Geschlecht Unterschiede, wonach sie süchtig sind?

Ja. Jungs sind mehr betroffen vom sogenannten Gaming Disorder, sie sind also süchtig nach Computerspielen. Mädchen sind mehr von der Internetsucht betroffen, gerade weil die sozialen Medien abhängigkeitsmachende Faktoren haben. Medien bieten eine riesige Plattform zur Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung. Der Like-Button ist hier ein wichtiges Instrument.

Hat sich das Suchtverhalten durch Corona verstärkt?

Ja. Es gab viele Rückfälle, gerade im Alkoholbereich, auch weil Beratungen nicht mehr aufgesucht werden konnten. Auch die Spielzeiten oder die Social-Media-Aktivitäten haben sich während Corona werktags fast verdoppelt. Jugendliche haben ganz viel Zeit mit dem Computer verbracht. Einmal natürlich wegen der Schule, dann konnte man aber auch soziale Kontakte nur über soziale Medien halten. Auch Erwachsene verbringen viel mehr Zeit mit digitalen Medien.

Glauben Sie, dass diese Mediensucht bei Jugendlichen in Zukunft noch größer werden könnte?

Ich denke, das Interesse daran wird weiter steigen. Für die Jugendlichen gibt es nur noch von den Eltern verplante Freizeit. Aber jede Jugendkultur sucht ihren Freiraum. Das Internet ist meiner Meinung nach tatsächlich der einzige Freiraum ohne Einmischung durch Erwachsene.

Zur Person: Birgit Englert

Birgit Englert aus Glattbach (Kreis Aschaffenburg) ist Sozialpädagogin und arbeitet im Landratsamt Miltenberg als Fachkraft für Suchtprävention. Die 51-Jährige macht unter anderem Schulungen für Schulklassen, Pädagogen und Kindergärtner sowie Öffentlichkeitsarbeit. Zudem ist sie Geschäftsleiterin des Präventionsausschusses im Landratsamt. Sie bietet Sprechstunden für Eltern und Schüler an und bei Bedarf macht sie Hausbesuche. "Ich arbeite sehr gerne mit Menschen zusammen, mein Beruf ist total abwechslungsreich", sagt Englert.

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