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Marktlücke:Faulbacher Dienstleistungsfirma bietet seit gut einem Jahr bundesweit auch Tatortreinigung an

Faulbach
3 Min.

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Ih­re Ar­beit be­ginnt da, wo sich an­de­re vor Ent­set­zen über­ge­ben. So be­sch­reibt Hei­ko Schot­te in der Se­rie »Der Ta­t­or­t­r­ei­ni­ger« die Auf­ga­be der Män­ner und Frau­en, die meist nach ei­nem Mord oder Selbst­mord an­rü­cken müs­sen, um die ent­sp­re­chen­den Spu­ren zu be­sei­ti­gen.

In dieselbe Gilde gehören Daniel Schäfer und Alexander Beck von der Firma DS-Dienstleistungen aus Faulbach. Deren Hauptgeschäft sind Entrümpelungen, doch seit gut einem Jahr bieten sie auch professionelle Tatortreinigung an.

Bei der Suche nach weiteren möglichen Angeboten des Unternehmens kamen beide auf diese sehr ungewöhnliche Idee, eine echte Marktlücke. »Die nächsten sind in Aschaffenburg und Würzburg«, sagt Schäfer. Nach seinen Angaben ist es kein Ausbildungsberuf, entsprechend würden sich auf dem Feld auch viele schwarze Schafe tummeln.

Zertifikat nach Lehrgang

Schäfer und Beck haben aber im Dezember 2017 an einem einwöchigen Speziallehrgang in der Sanitätsschule Nord Hamburg teilgenommen und dürfen sich damit zertifizierte Tatortreiniger nennen. Die Inhalte unter anderem neben rechtlichen Grundlagen: Verwesungs- und Leichengeruch, Körpersekretionen und Schwerkraft, Infektionsgefahren, Reinigung, Desinfektion und andere Maßnahmen.

Der erste Einsatz ließ nicht lange auf sich warten: ein Leichenfund im Hofgarten Wertheim. Über mangelnde Arbeit kann sich das Duo nicht beklagen. »Zehn Fälle haben wir bestimmt schon gehabt«, schätzt der Mann von Geschäftsführerin Maike Schäfer. Der letzte sei nach einem Selbstmord im Kreis Würzburg gewesen.

Auch nachts im Einsatz

Die Kunden würden sie meistens beauftragen nach einer Suche im Internet oder auf Empfehlung von Bestattern. Wobei das Motto »allzeit bereit« gilt, 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr. »Das gab es schon oft, dass wir mitten in der Nacht und am Wochenende alarmiert wurden«, erinnert sich Beck. Etwa bei einem Selbstmord, nach dem ein Treppenhaus in Tauberbischofsheim gereinigt werden musste. Voraussetzung für die Arbeit der Tatortreiniger ist, dass die Polizei ihre beendet hat »Sobald das Siegel weg ist, dürfen wir die Wohnung betreten«, schildert Schäfer die Vorgaben.

Besonders in Erinnerung geblieben ist beiden ein Einsatz in München, bei dem eine Frau mehrere Wochen tot in ihrer Wohnung lag, bis sie gefunden wurde. Zeit, sich große Gedanken um das Schicksal der Menschen zu machen, deren Hinterlassenschaften sie beseitigen, haben sie nicht oder vermeiden es. »Ich blende das aus und mache meine Arbeit, wie wenn ich ganz normal eine Wohnung ausräume«, sagt der 30-jährige Beck.

Alles andere als normal sind die Utensilien, die er dazu benutzt: Ganzkörperanzug, der nach jedem Tragen entsorgt werden muss, dazu Mundschutz, Spachtel und ein Spezialreinigungsmittel. Das sieht zwar auch von der Sprühflasche her aus wie ein handelsüblicher Haushaltsreiniger, kostet aber zwischen 150 und 200 Euro. Es wirkt nicht nur als Pestizid und Fleckentferner, sondern zum Beispiel auch gegen HIV-Viren.

Mehr als nur Blutflecken

Blutflecken zu entfernen ist das wenigste für die beiden, viel schlimmer sah es aus, nach dem Arbeitsunfall, bei dem ein Mann von einer 30-Tonnen-Maschine erschlagen wurde. »Alle Flüssigkeiten, die im Menschen drin sind, waren da verteilt«, kommentiert Beck nüchtern.

Trotzdem ist nach seinen Angaben jeder Tatort wieder bewohnbar zu machen. Zunächst müsse jedoch alles entsorgt werden, was in einem Meter Umkreis der Leiche war, auch der Boden und bei längerer Liegezeit der Estrich. Also ganz anders wie das oft in Krimis zu sehen ist. »Der Teppich wird rausgemacht, da gibt es kein Wenn und Aber«, unterstreicht Schäfer. Zum Abschluss der Reinigung setzen die beiden ein 1000 Euro teures Ozongerät ein, dass Erreger in der Luft abtötet. »Das riecht dann, wie wenn ein Gewitter durchgezogen ist«, beschreibt Beck.

Kosten unterschiedlich

Für Tatortreinigungen stehen Beck und Schäfer bundesweit zur Verfügung, den entsprechenden Auftrag geben Hauseigentümer oder Hinterbliebene Was ihr Einsatz kostet? »Es gibt Tatortreinigungen, die kosten 20 000 Euro, es gibt welche, die kosten 5000 Euro«, kann Schäfer die Frage nicht eindeutig beantworten. In jedem Fall ist es wohl so lukrativ, dass DS die Sparte ausbauen will.

Bei aller Nüchternheit, mit der beide ihren Beruf ausüben, kommen sie doch bei einer Frage ins Grübeln. Wie es wäre, wenn sie den oder die Getöteten kennen würden. Schäfer: »Ich wüsste nicht, ob ich das könnte.«

RALPH BAUER
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