"Die wichtigste Frage lautet: Wem nützt das?"

Kabarett: Hartmann überzeugte in der Obernburger Kochsmühle mit harten Fakten und unterhaltsamen Momenten

Obernburg
2 Min.

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Foto: Heinz Linduschka
Vor zehn Jah­ren hat sich An­ny Hart­mann nach Volks­wirt­schafts­stu­di­um und ei­nem Job bei der Spar­kas­se erst für die Co­me­dy­büh­ne ent­schie­den und sich dann auf den stei­ni­gen Weg zur po­li­ti­schen Ka­ba­ret­tis­tin ge­macht. Wer ih­ren Start 2010 mit­ver­folg­te, durf­te durch­aus skep­tisch sein, spä­tes­tens seit Frei­ta­g­a­bend in der Obern­bur­ger Kochs­müh­le sind selbst Skep­ti­ker über­zeugt: Die 48-Jäh­ri­ge aus Köln an­ge­kom­men!

Vor vollem Haus überzeugte Anny Hartmann mit ihrem dritten Soloprogramm "NoLobby is perfect" von der ersten Minute an, als sie ohne aufdringliche Off-Motivationsklänge einfach auf die Bühne kam und mit ihrer Mischung aus knallhartem und informationsdichtem Politkabarett loslegte - immer wieder durchsetzt und angereichert mit witzigen Momenten, unterhaltsamen Ausflügen mit selbstironischen Einschüben und auch mal mit dem Mut zu Kalauern.

Hartmann bietet inzwischen ein Programm, das nicht mehr von allzu großer Selbstgewissheit und von penetranter Missionierungshaltung geprägt ist, sondern von klarer, faktenreicher Analyse, meist ungeschminkt, oft drastisch und immer wieder mal erschreckend deutlich. Ihr Urteil: Nicht die Politik, sondern die Wirtschaft entscheidet, was bei uns passiert, die Politik nutzt nur den Spielraum, den ihr die Wirtschaft lässt. Kein Wunder, wenn im Deutschen Bundestag auf einen Abgeordneten acht Lobbyisten kommen und - nicht nur im Verteidigungsministerium - Berater die Berateraffäre aufklären sollen. Einsichten vermittelt Hartmann inzwischen im witzig-skurrilen Gewand, wenn sie als Lobbyistin in einem fiktiven Telefonat mit einer Journalistin verrät: "Mein Job ist so einfach, ich weiß nicht, warum nicht jeder Lobbyist ist."

So ganz auf Pauschalurteile verzichten kann und will sie auch in diesem Programm nicht: Man kann sicher darüber diskutieren, ob tatsächlich heute Frauen gezwungen sind, zu Abtreibungen nach Holland zu fahren, ob die Beratungspflicht völliger Unsinn ist und ob Lehrer zu einem Berufstand gehören, der Sorge hat, sich "in den sechs Wochen Sommerferien zu überarbeiten". Aber vermutlich gehört auch Provokation zu einer erfolgreichen Politkabarettistin, die nach wie vor ihre Lieblingsfeindbilder pflegt: "Immer feste drauf auf den Klerus!"

Der Gesamteindruck in Obernburg war jedenfalls sehr positiv: Das lag an der spürbar festen Haltung Hartmanns gegen die Auswüchse des Kapitalismus mit den oft verheerenden Folgen der Wachstumsideologie und an ihrem Talent zu zugespitzten Formulierungen, über die man sich aufregen kann, die aber auf jeden Fall zum Nachdenken anregen: "Zinsen wurden erst möglich, als aus Christen Katholiken wurden" war so ein Satz mit Widerhaken oder die Warnung für das und vor dem südlichen Nachbarland: "Österreich ist über kurz oder lang auf dem rechten Weg!"

Was wohl Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, zum Schnellkurs der ehemaligen Sparkassenmitarbeiterin Hartmann in Sachen Wirtschaftskompetenz gesagt hätte, der in die Formel mündete: "Vermögenssteuer kostet keine Arbeitsplätze!" Und ob sich wohl Helmut Kohl über das späte Lob der Kabarettistin gefreut hätte, die ihm die Einführung der Vermögenssteuer und den Spitzensteuersatz von über 50 Prozent in seiner Amtszeit hoch anrechnete?

Es blieb bei den Zuhörern so einiges hängen im zweistündigen Programm mit viel Aufklärungspotential, zahlreichen Informationen, manchen Provokationen und einigen wenigen störenden Pauschalurteilen. Aber selbst die waren so formuliert, dass man darüber lachen konnte, wenn Hartmann apodiktisch feststellte: "Wer nicht eitel ist, wird doch nicht Politiker!" und anzüglich über Arbeitgeber herzog, die "ihren Betriebsrat locken mit allem Puff und Paff - man steckt halt nicht drin!"

Informativ war's am Freitag in Obernburg und so mancher Satz hatte eine Halbwertszeit weit über das Programm hinaus. Das gilt für "Beim Dieselhandel springt einem der Lobbyismus mit dem nackten Arsch ins Gesicht" und sicher auch für ihr Urteil über die Erben eines Familienvermögens, die als "Profiteure im Spermalotto" davon profitieren, dass "nur fünf Prozent der Erben Erbschaftssteuer zahlen" - nach Hartmanns Urteil nur "die dummen Vollpfosten!"

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