Die DDR war meine Mama

Filmgespräch: Regisseurin Angela Zumpe stellt ihren Film »Transit« in Erlenbach im Kino Passage vor

Erlenbach
3 Min.

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Die Autorin Angela Zumpe steht vor einem Filmplakat.
Foto: Heinz Linduschka
»Ich war 16, als ich meinen Bruder verlor. Meine Eltern taten alles, um die Erinnerung an ihn auszulöschen.« Der 80-minütige Dokumentarfilm »Transit« beginnt mit einem persönlichen Statement der Regisseurin Angela Zumpe, während ein Super-Acht-Amateurfilm ihres Vaters den gemeinsamen Israelurlaub der Pastorenfamilie 1969 in verwackelten Aufnahmen zeigt.
Spannende Mischung
»Transit« heißt der 80-minütige Film, den die Regisseurin am Montag im Kino Passage vorstellte. Er bietet eine spannende Mischung aus einem Dokumentarfilm mit Elementen der Nouvelle Vague, eines ästhetischen Programms unter jungen Cinéasten im Frankreich der späten 50er Jahre, die sich gegen die eingefahrene Bildsprache und den vorhersagbaren Erzählfluss des etablierten kommerziellen Kinos wandten.
Die Vorbilder
Namen wie Jean Luc Godard und Claude Cabrol, aber auch der DDR-Filmemacher Jürgen Böttcher mit seinem »Jahrgang 45« zählt Zumpe zu ihren großen Vorbildern - und das merkt man ihrem Film an, der in intensiver dreijähriger Recherche- und Dreharbeit entstanden ist. Der Fall ist ungewöhnlich, und dazu passt auch die Filmsprache, die durchaus Anforderungen an den Betrachter stellt.
Spurensuche
Zumpe machte sich nach dem Tod ihrer Eltern auf die Spur ihres Bruders Reinhard, Jahrgang 1947, der sich gegen die ultrakonservativen, ja reaktionären Einstellungen des Vaters, eines protestantischen Pastors, aufgelehnt, die Schule »geschmissen« und sich - aber auch das nicht mit Erfolg - der 68er Protestbewegung angeschlossen hatte.
In den Westen
Und dann entschloss er sich - wie im selben Jahr rund 2500 weitere BRD-Bürger - in den anderen Teil Deutschlands überzusiedeln. Alles, was die schreckensstarre Familie jemals wieder von ihm hörte - neben einer Postkarte, auf der er erklärte, nie wieder zurückkommen zu wollen -, war wenige Monate später die Nachricht aus der DDR, Reinhard habe sich aus dem vierten Stock eines Mietshauses gestürzt. Reinhard kam also doch zurück - im Sarg.
Dunkle Monate
Es dauerte mehr als 30 Jahre, bis sich die sechs Jahre jüngere Schwester Angela daran machte, mehr über diese dunklen Monate zu erfahren - letztlich ohne Erfolg, wenn man es aus dem Blickwinkel eines Privatdetektivs betrachtet - mit sehr großem Erfolg aus der Perspektive eines Filmliebhabers und eines historisch-politisch Interessierten.
Herausgekommen ist nämlich eine faszinierende Mischung aus privater Spurensuche und weltpolitischen Einblicken, eine ganz andere und deshalb besonders intensive Sicht auf die bundesdeutsche Welt der 68er und die Entmythologisierung von Autoritäten, und zugleich ein nüchterner, unideologischer Blick auf die Realität im zweiten deutschen Staat, auf den antagonistischen Widerspruch zwischen sozialistischer Utopie und spießigem Kleinbürgertum, aus weltrevolutionären Floskeln und Unterdrückungsmechanismen.
Weil die Akten - auch die der Gauck-Behörde - nichts her gaben, war Angela Zumpe auf ein ungewöhnliches, aber sehr wirksames Verfahren gestoßen: Sie befragte zwei Zeitzeuginnen, die Ähnliches und doch ganz anderes wie ihr Bruder erlebt hatten: die heute 78-jährige Berliner Jüdin Salomea Genin, die 1951 als überzeugte Kommunistin aus Australien in die DDR übersiedelte, als Stasimitarbeitern für die vermeintlich gute Sache arbeitete und schließlich völlig desillusioniert wurde. Am Ende des Film zieht sie ein ernüchterndes Fazit ihres Lebens: »Die DDR war meine Mama, und die Stasi war mein Papa - wie pervers!«
Zutiefst hasserfüllt
Die zweite Zeitzeugin: die heute 63-jährige Henriette Schulz-Molon aus Duisburg, die als 14-Jährige von Mutter und Stiefvater in die DDR »mitgenommen« wurde und dort von Anfang an unglücklich, ja zutiefst hasserfüllt lebte, bis ihr mit ihrer Tochter 1974 die Flucht in die BRD glückte. Ganz lösen kann sie sich von ihrer Vergangenheit bis heute nicht: Sie lebt wieder in Berlin, nun aber in der geeinten Stadt.
Eine ausgefeilte Montagetechnik, DDR-Wochenschauausschnitte, Familien-Super-8-Filme, bewegte Bilder von den Studentenunruhen und von Prag 1968, Dokumentationen der mühsamen Recherchen und oft bewegende und ganz offene Interviews, die manchmal auch die Mentalität des Wegschauens und Leugnens zeigen, wie sie nach 1945 in Deutschland gang und gäbe war.
»Transit« ist ein beeindruckender Film über den Bruder, über die Familie und über Deutschland West und Ost, der auf Patentrezepte und Lösungen verzichtet und dem Zuschauer so einiges abverlangt und zutraut.

Heinz Linduschka
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