Demokratie und die Macht der Manipulation

Kabarett: Arnulf Rating in der Obernburger Kochsmühle

Obernburg
1 Min.

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De­mo­k­ra­tie und die Macht der Ma­ni­pu­la­ti­on: Dar­über hat sich der Ka­ba­ret­tist Ar­nulf Ra­ting am Frei­ta­g­a­bend in der Kochs­müh­le Ge­dan­ken ge­macht. Lust­voll bot der Mann mit den ro­ten Lack­schu­hen und »XXL-Breit­schei­tel« auf der Obern­bur­ger Klein­kunst­büh­ne fei­nes Po­lit­ka­ba­rett.
Der TV-erfahrene und mit den wichtigsten deutschen Kabarettpreisen ausgezeichnete Altmeister war in seinem Element. Zu Beginn mampfte er zur Überraschung des Publikums erst mal ein halbes Hähnchen. Danach startete seine heiter-kritische Analyse der Bundestagswahlergebnisse.
»Gelbe Säcke«
Rating hatte nicht nur die bundesweiten Zahlen auf die Leinwand geworfen, sondern auch die aus dem hiesigen Wahlkreis Main-Spessart. Über das seit dem 30-jährigen Krieg feststehende CSU-Ergebnis ging er schnell hinweg. »Aber 8,8 Prozent FDP! Musste das sein?«, fragte er das Wahlvolk zu den »gelben Säcken«, wohl unwissend, dass diese im Landkreis zumindest mülltechnisch Mangelware sind.
Bleibt angesichts der AfD-Erfolge nur zu hoffen, dass es 2021 nicht zu einer gelb-braunen Bananen-Koalition kommt, die er prognostizierte. Völlig ad absurdum führte seine Presseschau, bei der er das Zeitgeschehen mit sarkastisch scharfem Spott und viel Wortwitz kommentierte, oft erschreckend lapidar, immer nah am Puls der Zeit.
Dafür hatte er seinen berühmten Stapel Zeitungen mitgebracht. Ganz vorne dabei war die Bild-Zeitung mit Schlagzeilen aus dem Kuriositätenkabinett, die für sich genommen schon zum Lachen waren und beste Realsatire auf seriösen Journalismus: Zum Beispiel wenn groß getitelt wird mit »Hitler hatte nur einen Hoden« oder »Dieser Hund darf über die Groko abstimmen«. Von anderer Qualität waren da schon Schlagzeilen wie »Glyphosat-Minister - Mitgift für die Groko« oder - wieder topaktuell - »Markus macht sich zum Horst« aus der taz. Natürlich lese er auch das Main-Echo, meinte Rating und beleuchtete die Titelseite der Freitagsausgabe mit Kleinkriminellen aus Gemünden und Großkrotzenburg. »Abonnieren Sie das weiter, das ist Brauchtumspflege.«
Als Shampoo-Vollprogramm präsentierte Rating die Parteien. Vorbei die schlichten Zeiten von früher: »Die Union für die rechte Gesäßhälfte, die SPD für die linke Gesäßhälfte und die FDP für das kleine Loch in der Mitte.« Einfacher wäre es, wenn man Nahles, Söder oder den Hundekrawattenträger direkt abwählen könnte.
Entlarvend war, was er zur manipulierten öffentlichen Meinung zu sagen hatte: zum Geschäftsmodell von Spindoktoren, zu »Merkels Palliativpolitik« und zur Masche mit der Expertenmeinung, um Stimmungen zu drehen und Feindbilder zu züchten. Er ereiferte sich über den VW-Konzern, der sich mit Riesengewinnen aus dem Feinstaub macht; wunderte sich, warum in der Kölner Silvesternacht die sexuellen Übergriffe vorm statt wie bisher im Dom stattfanden; und er dachte über das Frauenbild von Flüchtlingen nach, das einem »schleierhaft« bleibe.
Ratings Programm war ein erfrischender Sturm drastisch formulierter Wahrheiten, der das Hirn ordentlich durchgepustet hat.
Benjamin Bohlender
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