Damit es nicht an Zeit oder Geld scheitert: Odenwald-Allianz will für mehr Bewegung von "Frauen in schwierigen Lebenslagen" sorgen

Projekt »Bewegung als Investition in die Gesundheit« der Uni Erlangen - Vereine sollen eingebunden werden

Amorbach
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Sport ist gut für Körper und Geist. Doch vielen fällt der Zugang zu Bewegung schwer. Das gilt auch für Frauen in schwierigen Lebenslagen. Ihnen zu mehr Bewegung im Alltag zu verhelfen, das hat sich die Odenwald-Allianz zur Aufgabe gemacht. Das Bild ist in einer Turnhalle in Bensheim (Hessen) entstanden.
Foto: Uwe Anspach
Andrea Volz ist die Koordinatorin des BIG-Projekts. Die 26-Jährige hat 3,5 Jahre Zeit, um das Ganze ins Laufen zu bringen.
Foto: Andrea Volz
Die Er­kennt­nis ist nicht neu: Sport ist ge­sund. Er ver­hin­dert Über­ge­wicht, beugt Krank­hei­ten vor, baut Stress ab, macht gu­te Lau­ne. Das Plus ist groß. Da­von zu pro­fi­tie­ren, aber nicht für al­le so leicht. Das gilt auch für »Frau­en in schwie­ri­gen Le­bens­la­gen«. Bei ih­nen ha­pert es an Geld, Zeit und/oder Spra­che. Die Oden­wald-Al­lianz will das nicht hin­neh­men.

Sie hat sich für ein Projekt der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen beworben - erfolgreich. Es trägt den Titel: Bewegung als Investition in die Zukunft (BIG; siehe Hintergrund: BIG). Die Zielgruppe: Frauen in schwierigen Lebenslagen. In der Odenwald-Allianz - einem interkommunalen Zusammenschluss von Amorbach, Eichenbühl, Weilbach, Kirchzell, Laudenbach, Miltenberg, Schneeberg und Rüdenau - nimmt das Ganze langsam Fahrt auf. Die Flyer sind gedruckt, die Internetseite ist online, die ersten Vereine an Bord - und doch gibt es noch viel zu tun für Projektkoordinatorin Andrea Volz. Mit uns hat die 26-Jährige darüber gesprochen, welche Barrieren es zu überwinden gibt, warum das Projekt so wichtig ist und wo es in drei Jahren stehen soll.

Frau Volz, Ihr Projekt richtet sich an »Frauen in schwierigen Lebenslagen«. Nun definiert eine schwierige Lebenslage jeder ein wenig anders. Wer soll sich angesprochen fühlen?

Die Zielgruppe, mit der dieses Projekt im Jahr 2005 in Erlangen gestartet ist, hat sich die Bezeichnung »Frauen in schwierigen Lebenslagen« selbst gegeben. Ich finde das eine ganz gute Definition, denn wie Sie schon sagen: Jeder definiert eine schwierige Lebenssituation anders. Natürlich gibt es da die Frauen, an die man sofort denkt: etwa alleinerziehende Mütter, Frauen mit geringem Einkommen oder solche aus anderen Kulturkreisen. Aber es gibt sicher noch viel mehr Frauen, die sich mit dieser Umschreibung identifizieren können - bei denen es vielleicht nicht am Geld mangelt, die aber sagen: Ich fühle mich allein, ich hätte gerne sozialen Anschluss. Oder Seniorinnen, die sich gerne ein-, zweimal die Woche bewegen würden, die sich einen regulären Kurs aber nicht leisten können.

Warum ist das Projekt wichtig?

In Studien hat man herausgefunden, dass das Gros der Menschen die Empfehlung von 150 Minuten wöchentlicher moderater Bewegung, bei der man also durchaus noch sprechen und normal atmen kann, nicht erreicht. Das gilt auch und vor allem für Frauen. Zudem zeigte sich: Je niedriger der Sozialstatus, desto höher ist die Zahl der Frauen, die diesen Wert nicht erreicht.

Die Folge sind Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Fettleibigkeit, typische Zivilisationskrankheiten also. Die lassen sich vermeiden - und das will das Projekt, also präventiv etwas tun. Indem man auf die Frauen zugeht und ihnen etwas eröffnet, an dem sie Freude haben, bei dem sie hoffentlich auch langfristig dabei bleiben. Das reduziert auch Krankheitskosten. Und klar: Das Projekt hat auch eine soziale Komponente, es holt Frauen vielleicht zurück in die Mitte der Gesellschaft. Integriert. Fördert das Selbstbewusstsein.

Zu wenig Bewegung, soziale Kontakte, Selbstbewusstsein: Da könnten sich auch andere Frauen als die Zielgruppe angesprochen fühlen. Sind sie willkommen?

Wenn die eine oder andere Frau eine Freundin mitbringt, das Ganze keine Überhand nimmt und wir nicht plötzlich viel zu viele Personen in einem Kurs sind, dann ist das sicher möglich. Grundsätzlich ist es so, dass sich die Frauen anmelden müssen. Um die Kosten zu deckeln, bleibt es nicht aus, dass wir einen Unkostenbeitrag erheben müssen. Kein Verein soll auf seinen Kosten sitzen bleiben. Es sind aber Schnupperstunden möglich. Und: Wir überlegen, einen BIG-Ausweis einzuführen. Den müsste man dann nur noch vorzeigen, könnte sich so den Papierkram sparen.

Wie ist es zu dem Projekt gekommen?

Ganz am Anfang stand eine Umfrage mit dem Titel »In jedem Alter gesünder«, die mit diesem Projekt gar nichts zu tun hat. Die Odenwald-Allianz wollte erfahren, wie die Bewohner ihre Gesundheit und das Bewegungsangebot vor Ort einschätzen. Es wurden Senioren befragt, Berufstätige, junge Familien. Stichprobenartig. Bei der Auswertung fiel auf, dass vor allem von der BIG-Zielgruppe wenig zurück kam. Sie war schwer erreichbar, hatte vielleicht keine Zeit. Die Odenwald-Allianz will aber auch etwas für diese Zielgruppe bewirken, fragte sich also: Wie können wir die Frauen erreichen, was für sie tun? Just in dem Moment hat die Uni Erlangen ihr Projekt neu ausgeschrieben.

Wo steht das Projekt aktuell?

Es gab die ersten Gespräche mit Türöffnern - also den Vereinen, die in Kontakt stehen mit unserer Zielgruppe. Darunter ist etwa der Verein Frauen für Frauen in Erlenbach. Aktuell verteilen wir zudem Flyer an potenzielle Türöffner - und hoffen auf einen ersten Austausch mit interessierten Frauen. Sobald der stattgefunden hat, können wir die ersten Kurse planen.

Sie suchen erst die Frauen und planen dann die Kurse: Kostet das nicht unnötig Zeit?

Es geht nicht darum, den Frauen ein festgezurrtes Bewegungsangebot zu unterbreiten. Sie sollen uns sagen, was sie wollen. Kennen wir ihre Vorstellungen, gehen wir an die Vereine und Sportstätten. Schauen, ob es Übungsleiter gibt, die einen Kurs übernehmen würden, erkundigen uns nach dem finanziellen Rahmen und wann welche Hallen verfügbar sind. Aber zuerst müssen wir mit den Frauen sprechen.

Das klingt nach unglaublich viel Organisation. Wann soll denn der erste Kurs stattfinden?

Mein Wunsch wäre: zu Beginn des kommenden Jahres. Ich rechne zum Start mit vier bis sechs Frauen.

Sind Sie bei der Organisation auf sich allein gestellt?

Nein. Die Uni Erlangen begleitet uns während der gesamten Projektzeit. Es gibt eine Ansprechpartnerin, die uns mit Rat und Tat zur Seite steht. Zudem haben wir einen Leitfaden mit Hilfestellungen, Planungsphasen und einem Zeitplan erhalten. Hilfreich sind auch die regelmäßigen Netzwerktreffen. Da können sich die Kommunen, in denen das Projekt läuft oder lief, austauschen, sich gegenseitig Tipps geben oder auch mal brainstormen.

Aus den Erfahrungen anderer Städte und Projektpartner: Welche Bewegungsangebote sind bei den Frauen besonders beliebt?

Hoch im Kurs steht Fahrradfahren. Das ist für viele selbstverständlich, einige Frauen unserer Zielgruppe durften oder konnten es aber nie erlernen. Gefragt sind auch exklusive Schwimmzeiten. Das gilt vor allem für Frauen aus Kulturkreisen, in denen es eben nicht erwünscht ist, dass gleichzeitig Männer vor Ort sind. Auch Nordic Walking ist beliebt. Und dann geht es immer um die Frage der Kinderbetreuung: Kann ich sie mitbringen? Oder kann der Kurs stattfinden, wenn sie in Kita oder Schule sind?

Wo sollen die Kurse denn stattfinden, ausschließlich in den Gemeinden der Odenwald-Allianz?

Von dem Projekt sollen in erster Linie die Bürgerinnen der Odenwald-Allianz profitieren, ja. Daher wollen wir auch genau dort vorrangig die Netzwerke, Vereine und Sportstätten nutzen. Zugleich strecken wir unsere Fühler aber auch über den Tellerrand hinaus und schlagen niemandem die Tür vor der Nase zu, nur weil er fünf Kilometer weiter entfernt wohnt. Das sieht man ja schon daran, dass wir mit dem Erlenbacher Verein Frauen für Frauen zusammenarbeiten. Grundsätzlich denke ich, dass es sinnvoll ist, in jeder einzelnen Gemeinde der Odenwald-Allianz vielleicht erst einmal einen Kurs laufen zu lassen. Wir wollen nicht, dass die Frauen ewig anreisen müssen, ewig im Bus oder Zug sitzen.

Da sprechen Sie was an: Die Voraussetzungen sind im Vergleich zu Erlangen etwa - sagen wir mal - nicht ganz so rosig.

Sicherlich. Hinsichtlich der Infrastruktur haben wir leider nicht die Voraussetzungen wie Erlangen mit ihrer S-Bahn. Das wird für uns sicher eine der Barrieren sein, die wir versuchen müssen, in irgendeiner Form abzubauen - indem man die Kurszeiten etwa an de Busfahrzeiten ausrichtet. Super wäre ein Shuttle, aber das ist finanziell dann auch wieder eine andere Hausnummer.

Wenn das Ganze Fahrt aufnimmt, kann da schnell sehr viel Arbeit auf sie zukommen.

(lacht) Ja, man ist sicherlich gut beschäftigt. Anfangs hatte ich tatsächlich die Illusion, als Übungsleiterin oder Sportökonomin den einen oder anderen Kurs selbst zu leiten, aber da muss ich realistisch sein. Es wäre schön, wenn wir ein Kursprogramm stecken könnten, das von der Organisation gut zu händeln ist. Die Veranstalter bekommen unsere Unterstützung, können den Kurs dann aber eigenständig führen, ohne das sie permanente Begleitung brauchen. Zugleich können sich sich natürlich jederzeit melden, es besteht dauerhaft Kontakt.

Sie sprechen bei dem Projekt von einer Win-Win-Situation für Vereine. Erklären Sie das.

Wir nutzen die Sportstätten der Vereine, ihre Infrastruktur, womöglich stellen sich Kursleiter zur Verfügung. Andererseits haben die Vereine die Chancen, die Frauen langfristig als Mitglieder zu gewinnen. Zudem bauen wir ein ganz neues Netzwerk auf, indem wir in unseren Flyern und auch auf unserer Internetseite auf die beteiligten Vereine und Partner sowie ihre Angebote hinweisen. Es können neue Kontakte, neue Verbindungen, eben ein neues Netzwerk entstehen, von dem alle profitieren.

Das Projekt hat eine Laufzeit von 3,5 Jahren. Gibt es eine Chance, dass es verlängert wird?

Das BIG-Projekt ist definitiv terminiert. Ob es bis dahin ein Anschlussprojekt gibt oder das Ganze vielleicht von Seiten der Odenwald-Allianz in irgendeiner Form mitgetragen wird, das steht in den Sternen.

Also könnte das Projekt nach der Laufzeit tatsächlich enden? Das ist ja keine sehr motivierende Aussicht für Sie, oder?

Das Ziel ist es, das Netzwerk und die Strukturen bis dahin so weit aufzubauen und zu festigen, dass das Projekt zum Selbstläufer wird - und eben kein Ende findet. Es wäre schön, wenn sich Frauen finden, die Verantwortung übernehmen und das Ganze ehrenamtlich fortführen. Die sagen: Ich habe da so viel Freude dran, ich will dass das Ganze fortbesteht, ich übernehme die Organisation. Im Idealfall wird eine Stelle geschaffen, bei der sich die Organisation bündelt. Aber das ist natürlich auch immer eine Frage des Aufwands und des Geldes. Fest steht: Sollte das Projekt - wie auch immer - fortgeführt werden, soll es weiter der Odenwald-Allianz angehören.

 

Vereine oder Übungsleiter, die sich an dem Projekt beteiligen wollen, aber auch Frauen, die sich von dem Angebot angesprochen fühlen, können sich mit Andrea Volz in Verbindung setzen. Sie ist zu erreichen unter 0 93 73 / 2 09 46 oder per E-Mail an Andrea.Volz@stadt-amorbach.de.

Mehr Infos zu dem Projekt gibt's unter www.big-odenwald.de und www.odenwald-allianz.de

 

Hintergrund: BIG - Das Projekt der Uni Erlangen

Das Projekt »Bewegung als Investition in Gesundheit« (BIG) wurde 2005 vom Department für Sportwissenschaft und Sport der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen initiiert. In Erlangen wurde die Idee auch erprobt und evaluiert, dort läuft das Projekt bis heute erfolgreich. Gefördert wurde es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Seit 2008 koordiniert das Sportamt der Stadt Erlangen das BIG-Netzwerk. Seither wurde das Projekt bundesweit in 17 Kommunen umgesetzt, wie es auf der Internetseite zum Projekt heißt. Darunter: Großostheim. Hier wurde es allerdings bereits wieder eingestellt. Aktuell wird es in Kaufbeuren, Fürth und in der Odenwald-Allianz installiert. Zudem gibt es acht aktive Standorte, dazu zählen Regensburg, Straubing und Bayreuth.

Die Gesamtförderungssumme für das BIG-Projekt beträgt maximal etwa 135.000 Euro über den Zeitraum von vier Jahren. Dabei muss die Kommune einen Eigenanteil von etwa 20.000 Euro leisten. (kwo)

Zur Person: Andrea Volz

Am 1. Juli hat Andrea Volz die halbe Stelle als Koordinatorin des BIG-Projekts angetreten. Ihr Arbeitsplatz ist Amorbach. Zuvor hat die 26-Jährige an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Köln ein Fernstudium abgeschlossen. Die Sportökonomin wohnt in Leidersbach, »war zuvor lange Zeit selbst eher auf der Trainingsfläche und als Übungsleiterin aktiv«, wie sie sagt. Mittlerweile hat sie im Bereich Netzwerk und Gesundheitsmanagement einige Fortbildungen gemacht, sich so ein zweites Standbein geschaffen. Volz war lange in der Physiotherapie tätig, gab Funktionssport für Osteoporose-Patienten und Reha-Sport.

Ursprünglich kommt sie aus dem Bodybuilding, ist seit nunmehr zwei Jahren »leidenschaftliche Rennradfahrerin«. (kwo)

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