KAB-Plattform lädt im Landkreis Miltenberg per Zufallsauswahl zum ehrenamtlichen Mitmachen ein

Bürger für soziales Engagement begeistern

Miltenberg
3 Min.

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Foto: Pat Christ
Ve­r­ei­ne kla­gen über ei­nen mer­k­li­chen Rück­gang an Eh­renamt­li­chen, was nicht ver­wun­dert. Das Ve­r­eins­le­ben liegt der­zeit brach.

Beim Projekt »Open-Sozial«, der Plattform für soziales Engagement am Untermain (siehe Kasten), am Samstag, 12. Juni, im Elsavapark Elsenfeld soll neue Motivation geweckt werden. Und zwar auf ungewöhnliche Weise: Bis 16. April laden die Kommunen zufällig ausgewählte Bürger zum Mitmachen ein.

»Die Menschen neuerlich zum Mitmachen zu motivieren, ist schwierig«, sagt Niedernbergs Bürgermeister Jürgen Reinhard. Dabei kann man sich in seiner Gemeinde zum Beispiel beim Roten Kreuz, Frauenbund oder im Verein »Kinderreich« engagieren. In Obernburg setzen sich Ehrenamtliche laut Bürgermeister Dietmar Fieger bei den Ferienspielen, im Seniorenbeirat und im Nachbarschaftshilfeprojekt »Tatsachen« ein. »Auch wir in Eschau haben ein breites Engagement«, so Bürgermeister Gerhard Rüth.Doch sicher gebe es soziale Felder, die noch nicht beackert sind.

Persönliches Interesse wichtig

Studien zufolge sind Bürger aus der Mittelschicht besonders aktiv. Menschen mit Migrationshintergrund, in deren Herkunftsland es unser »Ehrenamt« nicht gibt, sind oft weniger engagiert. Gerade deshalb sei die Idee einer Zufallsauswahl so gut, lobt Wolfgang Fecher, Präsident des Niedernberger Carnevalvereins: »Dadurch erreicht man auch mal andere, man fühlt sich geehrt und informiert sich auf jeden Fall.« Sollte er ausgewählt werden, würde er ganz bestimmt zur »Open-Sozial« gehen. Ob er sich danach aktiv beteiligen wird, hänge von den konkreten Projektideen ab.

Früher engagierten sich Menschen oft aus einem Pflichtgefühl heraus. So war es selbstverständlich zu ministrieren, wenn schon der Vater Ministrant war. »Heute führen der Spaß am Tun oder persönliches Interesse ins Ehrenamt«, sagt Niedernbergs Bürgermeister Jürgen Reinhard. Aus Interesse landete er selbst zum Beispiel bei den Pfadfindern.

Im Gegensatz zu früher, ergänzt Wolfgang Fecher, sei Ehrenamt heute jedoch auch schwieriger geworden: »Früher durfte ein Vereinsvorstand einfach mal machen.« Heute müsse er an Datenschutz denken, ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen und Ordner voll Akten lesen, »in denen steht, für was er alles haftbar ist.«

Ohne Freiwillige müsste der Staat tief in die Tasche greifen - wobei das, was Volunteers tun, letztlich nicht in Geld aufzuwiegen ist. »Bürgerschaftliches Engagement ist vor allem deswegen wichtig, weil es in Bereichen tätig ist, in die wir als Gemeinde nicht hinkommen«, sagt Bürgermeister Dietmar Fieger. Ohne ehrenamtlichen Einsatz, ergänzt sein Mönchberger Amtskollege Thomas Zöller, gäbe es manches nicht mehr. Dass beispielsweise das Mönchberger Spessartbad noch existiert, sei vor allem dem Förderverein zu verdanken.

Beitrag, die Welt zu verbessern

Durch das ungewohnte »Motivationsverfahren« der KAB öffnen sich völlig neue Wege, Bürger zur Beteiligung zu bringen. »Ich finde das einen guten Ansatz«, sagt Nadine Faber, Vorstand des Neunkirchener Vereins »The Rising Lions«. Sie selbst würde allerdings kaum mitmachen, würde sie ausgewählt: »Da ich nach Arbeit, Familie und unseren eigenen Vereinsprojekten keine Kapazitäten mehr habe.« Nach ihren Erfahrungen engagieren sich Menschen vor allem dann, wenn ihnen klar wird, wie gut es ihnen geht. Dann wachse der Wunsch, einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten.

Ob sich Menschen für den Umweltschutz einsetzen, für soziale Projekte vor Ort oder die Eine Welt, spielt laut Nadine Faber keine Rolle. Hauptsache, man tut irgendetwas. Laut Wolfgang Fecher wird soziales Engagement sogar immer wichtiger. Jetzt, wo sich bei sinkenden öffentlichen Einnahmen die Frage stellen werde, was noch finanzierbar ist, würden Bürger selbst wohl wieder vermehrt soziale Leistungen übernehmen müssen.

Raus aus dem Schneckenhaus

Zusammen über ein Problem nachzudenken und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, das macht Spaß. Doris Blaschke tut dies seit langem im Niedernberger Geschichtsverein. Die Initiative »Open-Sozial« findet auch sie gut: »Manchmal trauen sich Menschen einfach nicht aus ihrem Schneckenhaus, weil sie glauben, dass sie nicht wirklich etwas zur Gemeinschaft beitragen können.« Dabei könne jeder etwas für andere tun. Würde sie zufällig für die »Open-Sozial« ausgewählt, würde sie auf jeden Fall mitmachen.

In jüngster Zeit konnte Blaschkes Geschichtsverein Menschen überzeugen, sich einzubringen. »Zuvor hatten wir in einer Sondersitzung besprochen, dass wir die Nachwuchsgewinnung als wichtigstes Ziel in Angriff nehmen.« Obwohl ihr Verein selbst Freiwillige sucht, empfindet die Vorsitzende »Open-Sozial« nicht als Konkurrenz: »Ich denke, das gegenseitige Vernetzen ist eine sehr wichtige Ressource, die sicher zu Synergien führen wird.« Der Geschichtsverein arbeitete schon einmal mit der KAB in Niedernberg zusammen: »Dabei waren auch Menschen mit Migrationshintergrund einbezogen.«

Einsatz für Basisdemokratie...

Das Auswahlverfahren für die »Open-Sozial« ist vom Modellprojekt »Bürgerrat Demokratie« inspiriert. 160 Bürger, die per Zufallswahl ermittelt wurden, erarbeiteten 2019 in Leipzig Empfehlungen für die Politik zur Stärkung der Demokratie. Bertold S. (Name geändert) aus dem Landkreis Miltenberg hält den Einsatz für mehr Basisdemokratie für sehr wichtig. »Denn wer sitzt denn im Bundestag?«, fragt der 61-Jährige, der per Zufall für die »Open-Sozial« ausgewählt wurde. Rechtsanwälte seien überproportional vertreten. »Der kleine Mann hingegen hat nichts mehr zu melden.« Die »Open-Sozial« ist für Bertold S. eine Möglichkeit, die Demokratie vor Ort zu stärken.

... und bezahlbaren Wohnraum

Engagement erlebte der Frührentner bisher meist als Win-win-Situation. »Dadurch lernt man die verschiedensten Menschen kennen«, sagt er. Auf der »Open-Sozial« würde er gerne Mitstreiter für ein Thema finden, das er als eines der größten sozialen Problematiken dieser Tage ansieht: »Es gibt auch bei uns im Landkreis zu wenig bezahlbaren Wohnraum.«

Manchen Engagierten komme es letztlich nur darauf an, sich selbst zu profilieren, hat Bertold S. schon erfahren. Dies gilt für ihn nicht zuletzt für die Institution Kirche. Weil er den Machtmissbrauch von Kirchenmännern irgendwann nicht mehr ertrug, trat der einstige Ministrant aus der Kirche aus. Dass die KAB Motor der »Open-Sozial« ist, gibt er zu, ließ ihn lange darüber nachdenken, ob er die Einladung zur Beteiligung an der Veranstaltung wirklich annehmen sollte. Denn eigentlich möchte er mit der Institution Kirche nichts mehr zu tun haben. Am Ende überwog jedoch die Neugier: »So habe ich mich angemeldet.«

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