Auf den Spuren einer Jahrtausendflut

Vor 675 Jahren: Magdalenenhochwasser verwüstet weite Landstriche im Spessart - Elsavatal stark betroffen

Kreis Miltenberg
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Blick auf den Siedlungsplatz des untergegangenen Dorfes Winden unterhalb von Eschau. Fotos: Wolfgang Hartmann
Foto: Brigitte Münch
Der Vorgänger des Wasserschlosses Mespelbrunn dürfte seine Zerstörung der Flut von 1342 verdanken.
Foto: Wolfgang Hartmann
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In Würzburg riss das Magdalenenhochwasser von 1342 die steinerne Brücke und massive Häuser hinweg. Bildquelle: Augsburger Guckkastenbild/Wikimedia Commons
Foto: Brigitte Münch
Die romanischen Chorfenster der ältesten Himmelthaler Klosterkirche stecken größtenteils im Erdboden.
Foto: privat
Das Wasserschloss Oberaulenbach entstand wohl an derselben Stelle wie der frühere Sitz der Ritter von Aulenbach.
Foto: Wolfgang Hartmann
Hoch­was­ser­flu­ten sind auch oder ge­ra­de in un­se­rer Zeit ein ak­tu­el­les The­ma. Sie sind je­doch nicht oder nur an­näh­ernd ver­g­leich­bar mit je­ner seit Men­schen­ge­den­ken ge­wal­tigs­ten Flut­ka­tastro­phe in der Ge­schich­te Mit­te­l­eu­ro­pas, die sich vor ge­nau 675 Jah­ren er­eig­ne­te. Ge­meint ist das »Mag­da­le­nen­hoch­was­ser« von 1342.
Ausgelöst durch einen mehrere Tage anhaltenden wolkenbruchartigen Regen, erreichte es am Magdalenentag (21. Juli) seinen namengebenden Höhepunkt. Ein Chronist schreibt: »Es schien, als ob das Wasser von überallher hervorsprudelte, sogar aus den Gipfeln der Berge. Donau, Rhein und Main trugen Türme, sogar feste Stadtmauern, Brücken, Häuser und die Bollwerke der Städte davon. Über die Mauern der Stadt Köln fuhr man mit Kähnen und es fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahr von Noahs Leben.«
Dass dieses Jahrtausendhochwasser auch im Untermaingebiet verheerende Schäden anrichtete, steht außer Frage, auch wenn konkrete schriftliche Überlieferungen fehlen. Eine auf das Elsavatal konzentrierte Spurensuche des Verfassers brachte folgende Ergebnisse:
Klosterfenster stecken im Boden
Vom ältesten Bestand des 1232 an einer Engstelle des Elsavatales gegründeten Klosters ist noch der Unterbau des Kirchenchores erhalten. Wer ihn von außen betrachtet, dem wird auf augenfällige Weise bewusst, dass hier vor langer Zeit so gewaltige Erdmassen abgelagert worden sein müssen, dass man sich überfordert sah, den vorherigen Zustand wieder herzustellen: Die alten romanischen Chorfenster stecken nämlich größtenteils im Boden. Das ursprüngliche Niveau der Kirche lag etwa drei Meter tiefer als das heutige. Für das Magdalenenhochwasser als Hauptursache spricht die bisher unbeachtete Tatsache, dass im Herbst 1342 das Kloster wertvollen Besitz »aus drängenden Ursachen« verkaufte.
Wo zwischen Himmelthal und Eschau die Straßen nach Streit und Mönchberg abzweigen, lag nach neueren Erkenntnissen das verschwundene Dorf Winden. Da sich hier das Elsavatal mit dem von Wildensee herkommenden Aubachtal und einer von der Wendelshöhe herabziehenden Senke vereint, schossen die verheerenden Wasser- und Schlammfluten gleich von mehreren Seiten auf das Dörfchen zu. Als Ersatz für den untergegangenen Ort errichtete das Kloster Himmelthal den Neuhof - wohlweislich hoch droben am Berghang!
Kinzbach fällt wüst
Das einst unterhalb von Eichelsbach gelegene Dorf Kinzbach ist urkundlich letztmals 1332 erwähnt. Diese bisher durch Legenden verschleierte Tatsache und der Sachverhalt, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche der in einem engen Tal entstandenen Siedlung sich größtenteils die Berghänge hinauf erstreckt und die Hofreiten an deren Fuß gestanden haben müssen, deuten auf das Jahrtausendhochwasser von 1342 als wesentliche Wüstungsursache.
Ebenso wie bei anderen Wüstungsvorgängen dieses Zeitraumes ist aber auch zu beachten, dass wenige Jahre nach der Flut das Land von einer weiteren Katastrophe heimgesucht wurde: Von 1347 bis 1353 wütende Pestwellen rafften in Europa ein Drittel der damaligen Bevölkerung dahin. Die mit Kinzbach verbundenen Pestsagen könnten somit durchaus einen historischen Kern beinhalten, auch wenn sie nicht dem Dreißigjährigen Krieg in Verbindung gebracht werden dürfen.
Vom nahen Unteraulenbach heißt es in einem Güterverzeichnis von 1422: »ein Hoffestatt, das ist ein Wiese worden. Der abgegangene Hof stand rechts des in die Elsava mündenden Aulenbachs. Ebenso wie hier konnten in schriftlichen Überlieferungen mehrerer Orte der Umgebung Anzeichen dafür ausfindig gemacht werden, dass es zu partiellen Wüstungsvorgängen kam, so in den beiden später völlig abgegangenen Dörfern Hausen hinter der Sonne (bei Mömlingen) und Biebigheim (bei Wenigumstadt). Untergegangen ist damals auch die völlig in Vergessenheit geratene Siedlung Fechenbrunnen, die beim heutigen Brückenbrunnen nördlich von Fechenbach lokalisiert werden konnte.
Lösung für Mespelbrunner Rätsel
Ab 1303 hat sich eine Ritterfamilie nach Aulenbach benannt. Weshalb sie Mitte des 14. Jahrhunderts ihren namengebenden Wohnsitz im früher Altenaulenbach genannten Oberaulenbach verließ und nach Mönchberg zog, lässt sich plausibel durch die Flut von 1342 erklären.
Die Katastrophe vermag auch ein Geschichtsrätsel von Mespelbrunn zu lösen, des bekanntesten historischen Bauwerks im Spessart. Als 1412 der Mainzer Erzbischof dem Ritter Hamann Echter für treu geleistete Dienste das Besitztum »Espelborn« schenkt, wird der zugehörige Wohnsitz als Wüstung bezeichnet. Da sich hinter dem zweifellos an gleicher Stelle erbauten Wasserschloss ein langes, von steilen Berghängen flankiertes Tal – der bis zum Echterspfahl verlaufende Ingelheimer Grund - öffnet, darf als sicher gelten, dass es der Jahrtausendregen von 1342 war, der den früheren Adelssitz am ansonsten so friedvoll plätschernden Espelbrunn zerstört hatte.
Schloss Mole überschwemmt
Spätestens um 1330 war zwischen Heimbuchenthal und Hobbach das im 15. Jahrhundert aufgegebene Schloss Mole entstanden. 2008/09 erfolgte archäologische und geologische Grabungen ergaben, dass die Fundamente der ehemaligen Wasserburg fast drei Meter tief im Boden stecken. Die mit Abstand mächtigste Schwemmschicht ist dem extremen Starkregen von 1342 zuzuschreiben.
Die hier in Kurzform und auf das Elsavatal begrenzt dargestellten Forschungsergebnisse zu diesem Thema dürften verdeutlichen, dass das von der regionalen Geschichtsschreibung bisher wenig beachtete Magdalenenhochwasser zu nachhaltigen Veränderungen in unserem Raum führte und so manches historische Rätsel zu lösen vermag. Wolfgang Hartmann

Die Vollständige Abhandlung des Verfassers zu den Auswirkungen des Jahrtausendhochwassers im Elsavatal erschien im Juni-Heft 2011 der vom Medienhaus Main-Echo herausgegeben Zeitschrift Spessart.
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