Ukrainische Schulkinder im Kreis MIL: "Alles gut" in der Willkommensgruppe

Erste geflüchtete Kinder und Jugendlichen in den Schulen

Obernburg
4 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Die Betreuerinnen Eva-Maria Wollein (Mitte links) und Natalia Matkowska mit der Willkommensgruppe der Main-Limes-Realschule Obernburg.
Foto: Miriam Schnurr
"Mein Na­me ist Ro­man, ich spie­le gern Kla­vier." Spon­tan hat sich der 14-Jäh­ri­ge ge­mel­det, um sich vor­zu­s­tel­len - auf Deutsch. Auf die Fra­ge, wie es ihm hier in der Schu­le ge­fällt, sagt er: »Al­les gut.« Dann gibt er ei­ne Kost­pro­be sei­nes Kön­nens auf dem In­stru­ment im Klas­sen­zim­mer. Ro­man ist ei­ner von ins­ge­s­amt 18 Schü­l­ern aus der Ukrai­ne, die an der Main-Li­mes-Real­schu­le in Obern­burg Teil ei­ner so­ge­nann­ten Will­kom­mens­grup­pe sind.

Dieses besondere pädagogische Konstrukt hat das bayerische Kultusministerium geschaffen, um Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine den Zugang zum Schulsystem zu erleichtern. Der »normale« Weg würde an der Sprachbarriere scheitern und die Deutschklassen, die 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise entstanden sind, haben kaum Kapazitäten, wie Ulrich Wohlmuth, Leiter des Staatlichen Schulamts für den Kreis Miltenberg, erläutert.

Eine Steuerungsgruppe hat die Willkommensgruppen konzipiert. Vor Ostern hatten sich 200 Schüler im Kreis angemeldet, bis jetzt seien 160 in den Schulen angekommen. »Das Geschehen ist dynamisch, da es ja keine Residenzpflicht gibt«, so Wohlmuth. Einige seien auch schon wieder zurück in die Ukraine gegangen. Vier Wochen habe es gedauert, das Konzept zu strukturieren. Die größte Herausforderung sei die Erfassung der Zahlen gewesen. Denn anders als 2015 kommen viele Flüchtlinge auch privat an und unter. Daher müssen sich alle über die Schulen registrieren. Das Problem: Es gibt Mehrfachanmeldungen und Überschneidungen auch zu den Nachbarlandkreisen. Aber es gibt dennoch Vorteile: 2015 gab es laut Wohlmuth mehr Kinder ganz ohne schulischen Hintergrund. Das sei jetzt gar nicht der Fall. Und: Viele Schüler hätten schon Englischunterricht gehabt, seien also mit unserem Schriftbild vertraut.

Kein fester Lehrplan

Die Willkommensgruppen folgen keinem festen Lehrplan, um allen Schülern gerecht zu werden. »Das Ziel ist, dass die Schüler erst mal ankommen, den Tagesablauf kennenlernen, Sprachunterricht bekommen und in die Klassen schnuppern«, so Main-Limes-Schulleiterin Katja Wehner-Theinert. Zwischen zehn und 16 Jahre sind die Kinder und Jugendlichen alt. Bei unserem Besuch lernen sie gerade, wie verschiedene Obst- und Gemüsesorten auf Deutsch heißen.

Die Stunden in der Willkommensgruppe bestehen aber nicht nur aus Unterricht. »Wir waren schon Minigolf spielen und haben in der Küche gewerkelt.« Es gibt stundenweise Sport, Kunst und Biologie, einige Schüler nehmen per Tablet am Fernunterricht in ihrer Heimat teil, sie sitzen im Raum nebenan. »Wichtig sind die Begegnungen«, so Wehner-Theinert. Dass die Kinder und Jugendlichen zur Schule gehen können, entlastet auch ihre Angehörigen, meist Mütter. Laut Angaben aus dem Landratsamt sind 80 Prozent der Geflüchteten Frauen und Kinder. »Die Mütter haben dann zuhause Zeit, sich Arbeit zu suchen oder Organisatorisches zu erledigen«, so Schulamtsleiter Wohlmuth.

Die Willkommensgruppen sind im Kreis Miltenberg nach den Osterferien gestartet und laufen jetzt langsam richtig an. »Wir waren am Anfang natürlich sehr nervös, aber es hat soweit alles geklappt«, so Schulleiterin Wehner-Theinert. Die Schüler nehmen das Angebot gerne an.

»Wir können natürlich nicht in ihre Herzen schauen. Aber was wir sehen, ist, dass sie sehr lernwillig sind.« Zwei Betreuerinnen kümmern sich um sie, Eva-Maria Wollein, die soziale Arbeit studiert, und Natalia Matkowska - sie ist Ukrainerin und hat in ihrer Heimat als Grundschullehrerin gearbeitet. Als junge Frau hat sie in Deutschland mal als Au Pair gearbeitet und spricht gut Deutsch. Zurück nach Deutschland kam sie »wie alle anderen derzeit auch«, sagt sie - also auf der Flucht. Die Pädagogin ist für die Realschule »ein Glücksfall«, wie die Schulleiterin sagt. Am Hermann-Staudinger-Gymnasium (HSG) Erlenbach sind 19 Schüler zwischen 11 und 17 Jahren in der Willkommensgruppe. Die Schule ist das bislang einzige Gymnasium im Kreis mit einer solchen. »Altersmäßig haben wir natürlich eine große Bandbreite«, so Dirk Simon, der für die Pressearbeit zuständig ist. Das HSG hat zwei russischsprachige Lehrerinnen gefunden, die sich kümmern, eine Schülerin spricht sogar etwas Deutsch, weil man das tatsächlich als Fremdsprache in der Ukraine lernen kann. »Sie sind alle glücklich und dankbar«, so Simon. Außerdem haben die Schüler sich schon ein Stück weit ihre eigene Struktur geschaffen, zum Beispiel gemeinsame Pausen oder Mittagessen in der Mensa.

Im Juli greift Schulpflicht

Die größte Herausforderung steht noch bevor - die Integration in den regulären Schulbetrieb. Der deutsche Lehrplan greift, wenn die Schüler nach drei Monaten schulpflichtig werden, erklärt Schulamtsleiter Ulrich Wohlmuth. Das wäre im Juli soweit. Was dann passiert, müsse man noch diskutieren. Hier fordert er Signale aus der Politik. Bislang habe man die Klassen fürs nächste Jahr ohne die ukrainischen Schüler geplant. »Die Weichen müssen gestellt werden, wir müssen ja das Personal einplanen.«

Zu wenig Personal

Und das ist freilich ebenfalls eine Hürde. 60 zusätzliche sogenannte »Drittkräfte« haben sich bislang per Onlineregistrierung auf der Seite des Schulamts gemeldet. Auch Kriseninterventionsteams sind unterwegs. Natürlich stehen zudem Schulpsychologen zur Verfügung, falls jemand Hilfe braucht. »Das Problem ist, dass die auch ausgelastet sind«, so Wohlmuth. Auch er weiß um die angespannte Personalsituation an Schulen. »Daher braucht es eine gute Planung.«

Das sieht auch Landrat Jens Marco Scherf so. »Die Schulen sind alle personell auf Kante genäht, nicht zuletzt durch Corona-, Schwangerschafts- und Quarantäneausfälle. Das Schul- und das Kinderbetreuungssystem ist extrem belastet.« Trotzdem ist er zuversichtlich: »Es braucht eben alles seine Zeit. Das Engagement, zu helfen, ist überall hoch.«

Hintergrund: Willkommensgruppen

Die pädagogischen Willkommensgruppen sind eine neu konzipierte sogenannte schulische Erstintegrationsmaßnahme. Sie haben den Vorteil, dass sie ein schulartübergreifendes Angebot bieten, große Freiräume bei der inhaltlichen Gestaltung haben und regional aufgeteilt sind, wie Ulrich Wohlmuth, Leiter des Staatlichen Schulamts für den Kreis Miltenberg, erkläutert. Für den Landkreis haben sich drei Regionen ergeben, in denen es bisher insgesamt 14 Willkommensgruppen und Kleingruppen gibt: Sulzbach/Leidersbach, Obernburg/Elsenfeld/Wörth/Erlenbach und Miltenberg. Die Willkommensgruppen haben zwischen 10 und 20 Teilnehmer, die Kleingruppen weniger als zehn. Die Teilnahme ist freiwillig, verantwortlich ist die Steuerungsgruppe, organisatorische Unterstützung gibt es vom Bildungsmanagement des Landratsamts. Zur Steuerungsgruppe gehören Schulamtsleiter Ulrich Wohlmuth und sein Kollege Harald Frankenberger, Anna-Lena Klassert vom Bildungsmanagement des Landratsamts, Katja Wehner-Theinert von der Main-Limes-Realschule Obernburg, Ansgar Stich vom Johannes-Butzbach-Gymnasium in Miltenberg und Alexander Eckert von der Berufsschule Miltenberg. Die Schulen pädagogisch unterstützen können aktive Lehrkräfte, Dritt- und Unterstützungslehrer, Lehramtsstudierende, pensionierte Lehrer, Sozialpädagogen und Personen mit besonderen Sprachkenntnissen.

Der Planungsablauf: Eltern, Einwohnermeldeämter, Betreuer, Helferkreise, Gastfamilien und die Kinder und Jugendlichen selbst wenden sich direkt an die Schulen. Die melden den Bedarf an das Landratsamt, welches diesen an die Steuerungsgruppe weitergibt. Anhand dieser Zahlen werden dann die Gruppen geplant und die Schüler aufgeteilt. An folgenden Schulen gibt es bisher Willkommensgruppen: Grund- und Mittelschule Sulzbach, Main-Limes-Realschule Obernburg, Staatliche Realschule Elsenfeld, Hermann-Staudinger-Gymnasium Erlenbach, Johannes-Obernburger-Grundschule Obernburg, Josef-Anton-Rohe-Grund- und Mittelschule Kleinwallstadt, Johannes-Butzbach-Gymnasium Miltenberg, Johannes-Hartung-Realschule Miltenberg, Grundschule Miltenberg.

Kleingruppen mit weniger als zehn Schülern: Mittelschule Leidersbach, Grundschule Mönchberg, Mozart-Grundschule Elsenfeld, Grund- und Mittelschule Faulbach und Grundschule Bürgstadt. (mir)

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!