Wertheimer Judenfriedhof wieder zugänglich

Sanierung: Zwei Jahre lang beinahe alle Arbeiten mit Hand und ohne Maschinen ausgeführt - Auch ein großer finanzieller Kraftakt

Wertheim
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Seit Dienstag nach zweijähriger Wegesanierung wieder für Führungen zugänglich: Wertheims jüdischer Friedhof. Bei der Eröffnung dabei (von links): Dieter Fauth (Historischer Verein), Gabriel Albilia (Friedhofsbeauftragter der Israelitischen Gemeinde Baden), Ursula Mühleck (Landratsamt), Markus Herrera Torrez und der OB-Stellvertreter Bernd Hartmannsgruber. Foto Michel Geringhoff
Foto: Michael Geringhoff
Die ältesten Steine auf dem Wertheimer Judenfriedhof stammen aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Michael Geringhoff
Foto: Michael Geringhoff
Es hat län­ger ge­dau­ert als ge­plant, ist an­st­ren­gen­der ge­we­sen als ge­dacht, ist da­bei aber auch gut ge­wor­den und auf ei­ge­ne Art und Wei­se ab­so­lut her­aus­ra­gend in Ba­den.

Die Wegesanierung auf dem Wertheimer Judenfriedhof ist abgeschlossen. Hand in Hand mit der Israelitischen Gemeinde haben Stadt, Kreis, Land und Spender es möglich gemacht, dass einer der ältesten jüdischen Friedhöfe wieder zugänglich gemacht werden konnte.

Für die Bauleute war es eine ungewöhnliche und sehr anstrengende Arbeit. Unter anderem, um die Würde des Orts nicht zu gefährden, haben sie fast alle Arbeiten von Hand und ohne Maschinen ausgeführt. »Sehr anstrengend. Eine besondere Baustelle, die ich sicher im Leben nicht vergessen werde. Wir sind damit aber auch Teil der Geschichte geworden«, sagte der Baumann Dennis Hufnagel (32) am Rande der offiziellen Einweihung.

Fehlende Verkehrssicherheit

Zwei Jahre lang war der Friedhof aus Gründen nicht mehr gegebener Verkehrssicherheit geschlossen gewesen, lange und ungeduldig habe man auf die Wiedereröffnung warten müssen, sagte Oberbürgermeister Markus Herrera Torrez. »Fast 80 Jahre liegt das Ende der Nazi-Barbarei zurück ?«

Der Blick des OB zurück sprach vom Zivilisationsbruch, immerwährender Verantwortung, vom jüdischen Leben das wieder Teil der Identität Deutscher Gesellschaft sei. Gleichzeitig betonte der OB das Fragile. Antisemitismus sei längst zurück. Das nicht nur in sozialen Medien, auch auf Schulhöfen wo »Du Jude« ein gebräuchliches Schimpfwort sei und im ganz alltäglichen Leben, wo Juden mit Kippa auf offener Straße angegangen würden, wo Demonstranten den Judenstern mit der Inschrift »ungeimpft« trügen.

»Antisemitismus mit all seinen Stereotypen und Vorurteilen ist bis weit in die Mitte der Gesellschaft vorangekommen«, sagte Herrera Torrez. Der nun wieder zugängliche jüdische Friedhof sei wichtiger Teil der Erinnerungskultur - neben Mahnmalen, Gedenkstätten und Stolpersteinen, die es in Wertheim ebenfalls gibt. Besonders der Friedhof am ehemaligen Eichler Tor sei dabei tief in den Herzen der Wertheimer verankert. Nicht zuletzt die öffentliche Diskussion habe gezeigt, wie hoch dieser Ort deutsch-jüdischen Kulturerbes geschätzt werde.

Ein Kraftakt, auch finanziell, sei die Sanierung dennoch gewesen. Ein schönes Zeichen dabei, dass rund 45.000 Euro aus den gesamten Baukosten von rund 200.000 Euro durch Spenden aus der Zivilgesellschaft zusammengekommen seien.

Schnelle Lösung gefunden

Gabriel Albilia, er ist der Friedhofsbeauftragte der Israelitischen Gemeinde in Baden, betonte, dass der Wertheimer OB es gewesen sei, der vorweggegangen wäre und die schnelle Lösung möglich gemacht habe. »Die ganze Aktion in so kurzer Zeit. Ich bin sprachlos. Alle Achtung. Allein hätten wir das nie geschafft«, sagt Albilia. Er ist für 96 jüdische Friedhöfe zuständig, auf rund der Hälfte werde aktuell gebaut und saniert. Die Zuschussrahmenbedingungen seien dabei seit 20 Jahren nicht mehr angepasst worden, das mache seine Arbeit ungemein schwierig, betonte Albilia.

In Wertheim habe man das Ziel miteinander erreicht: »Alle gemeinsam für das gleiche Ziel, nur so kann es gehen«, das mache ihm viel Hoffnung, sagte der Friedhofsbeauftragte.

»Ohne solche tatkräftige Hilfe hätte die jüdische Gemeinschaft keine Chance solche Projekte durchzuziehen«.

Albilia unterstrich, dass es regelmäßig die sprichwörtlich dicken Bretter zu bohren gelte und betonte, dass es wichtig sei, den nun wieder zugänglichen Friedhof mit Leben zu erfüllen, Schulklassen und Besuchergruppen über das Gelände zu führen und die jüdische Geschichte so präsent zu halten. MICHAEL GERINGHOFF

Hintergrund: Wertheimer Judenfriedhof

Der Wertheimer Judenfriedhof vor dem ehemaligen Eichler Tor war 1406 genehmigt und eingerichtet worden. Inzwischen ist er einer der ältesten Friedhöfe in Deutschland und der älteste soweit erhaltene jüdische Friedhof in Baden. 
Allein 72 der Grabsteine stammen aus dem 15. Jahrhundert. 1714 war der Friedhof vergrößert worden. Der Wiener Hofbankier Samson Wertheimer hatte damals die Finanzierung getragen. Die Sanierung jetzt war durch öffentliche Mittel finanziert worden, aber auch durch Zuwendungen Privater, von Vereine, wie Pro Wertheim, zudem durch die Brand-Schöler-Stiftung und die Firma TFA Dostmann. (Ge)

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