Weniger heimische Fische im Neckar

Fluss: Vor allem der Ausbau der Schifffahrt hat die heimischen Fischbestände deutlich schrumpfen lassen

STUTTGART/TÜBINGEN
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PRODUKTION - 17.02.2022, Baden-Württemberg, Stuttgart: Reinhart Sosat, Geschäftsführer des Landesfischereiverbandes Baden-Württemberg, steht auf einer Fußgängerbrücke, darunter sind der Neckar, die Schleuse und das Wehr der Staustufe Cannstatt zu sehen. Dem Wasser geht's gut, den Fischen weniger. Vor allem der Ausbau der Schifffahrt auf dem Neckar haben die heimischen Fischbestände deutlich schrumpfen lassen. (zu dpa "Neckar - Vom wilden Wasser zur Seenkette mit immer weniger heimischen Fischarten") Foto: Marijan Murat/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Bildunterschrift 2022-03-01 --> Reinhart Sosat, Geschäftsführer des Landesfischereiverbandes Baden-Württemberg, steht auf einer Fußgängerbrücke in Stuttgart, darunter sind der Neckar, die Schleuse und das Wehr der Staustufe Cannstatt zu sehen. Dem Wasser geht's gut, den Fischen weniger. Foto: Marijan Murat/dpa
Foto: Marijan Murat
Sei­nen Na­men hat der 362 Ki­lo­me­ter lan­ge Fluss Ne­c­kar von den Kel­ten. »Ni­k­ra« nann­ten sie ihn, was et­wa »wil­des Was­ser« be­deu­tet.

Heute ist davon zumindest im unteren Neckar zwischen Plochingen abwärts bis nach Mannheim nicht viel übrig, wie Reinhart Sosat feststellt, der Geschäftsführer des Landesfischereiverbandes. »Der Neckar dort ist kein wilder Fluss mehr, sondern eine Seenkette mit dramatischen Folgen für die Fischbestände«. 27 Staustufen mit zum Teil mehreren Wehren jeweils machten den Fischen zu schaffen. Der Verband kämpft darum, dass Fischtreppen gebaut werden, damit die Fische wenigstens durchwandern können, um in die Seitenflüsse wie Jagst, Kocher oder Enz zu gelangen.

27 Schleusen auf 203 Kilometern

Der Neckar ist auf einer Länge von 203 Kilometern von Plochingen bis Mannheim für die Schifffahrt ausgebaut. Auf dieser Strecke werden mit Hilfe von 27 Schleusen 161 Höhenmeter bis zur Einmündung in den Rhein überwunden. Von seiner Quelle bei Schwennigen bis zum sogenannten Neckarknie bei Plochingen ist der Neckar ein Mittelgebirgsfluss, der nicht von größeren Schiffen befahren werden kann und stellenweise einen freien Lauf behalten durfte.

Nach Auskunft des Agrarministeriums hat sich zwar die Artenzahl im Neckar in den vergangenen 30 Jahren kaum verändert, dafür aber die Artenzusammensetzung und die Fischdichte, also ihre Anzahl. »Für den kompletten Neckar gilt, dass im Fischbestand erhebliche Defizite festgestellt werden konnten« sagte ein Sprecher. Und dies ließe sich auch nicht mehr beheben. Im problematischen Teil des Neckars gelten laut Agrarministerium heute 13 Arten (34 Prozent) als unmittelbar gefährdet.

Laut Sosat steht oberhalb eines Wehrs das Wasser und die Sedimente sinken auf den Grund. Dadurch entsteht eine dicke Schlammschicht. »Da fault es drin, es entstehen Faulgase. Das ist kein gesunder Lebensraum. Viele Fische brauchen zum Laichen vom Wasser durchströmte Kiesbänke. Diese Kiesbänke sind im Neckar begraben unter der Schlammschicht. Der Vermehrungsraum ist weg«. Forellen, Äschen, Nasen und auch der Lachs - den es vor rund 100 Jahren noch gab - hätten keinen Lebensraum mehr, sagt Sosat. Ubiquisten, wie Döbel oder Rotauge, kämen damit noch ganz gut zurecht. Zudem gebe es jetzt viele neue Fischarten, die durch die Schifffahrt vom Schwarzen Meer aus hierher gelangten. Dies seien etwa Grundeln, kleine, etwa zehn Zentimeter lange Fische. Die Wasserqualität habe sich zwar durch die vielen Kläranlagen gebessert. »Aber als Lebensraum Fluss ist der untere Neckar gestorben«.

Laut einer Untersuchung des Tübinger Regierungspräsidiums führte der Wechsel vom Wildfluss zum stauregulierten Gewässer zu erheblichen Einbußen in der Fischerei. »Im Verlauf der letzten 20 Jahre ist der am Neckar aus der Angelfischerei erzielte Ertrag um fast 70 Prozent zurückgegangen«, sagt ein Sprecher des Agrarministeriums.

Noch im 19. Jahrhundert gehörten die Nase, die Barbe und der Döbel im ganzen oberen Neckar zu den häufigen Fischarten, sagte eine Sprecherin des Tübinger Regierungspräsidiums. Die heute bei Angelfischern sehr beliebten Arten Äsche und Bachforelle besiedelten den oberen Neckar ebenfalls, aber in geringerer Menge. Auch die Fische Elritze, Schneider, Gründling und Ukelei tauchten in historischen Quellen auf. »Von den genannten Arten gehören heute nur noch der Döbel, die Elritze und der Schneider zu den verbreiteten und häufigen Fischarten.«

Fischtreppen geplant

Für den Ausbau des Neckars und damit auch für die Fischtreppen zuständig ist das Wasserstraßen-Neubauamt in Heidelberg. Da an den 27 Staustufen mindestens eine Fischtreppe gebaut werden müsse, werde sich das Projekt über Jahrzehnte hinziehen, sagt Amtsleiter Klaus Michels. »Wir sind momentan in der Planung für Fischaufstiegsanlagen in Lauffen, Kochendorf, Gundelsheim und Horkheim.«

Weiterhin plane man Ersatzneubauten von Wehren wie etwa in Neckarsulm. Dies seien alles komplizierte Baumaßnahmen, die sich hinzögen. So gebe es etwa für Lauffen schon einen Planfeststellungsbeschluss, doch weil dagegen jemand klage, liege der Plan beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim.

Hintergrund

Reinhart Sosat, Geschäftsführer des Landesfischereiverbandes Baden-Württemberg, steht auf einer Fußgängerbrücke in Stuttgart, darunter sind der Neckar, die Schleuse und das Wehr der Staustufe Cannstatt zu sehen. Dem Wasser geht's gut, den Fischen weniger. Foto:

Hintergrund: Europäische Wasserrahmenrichtlinie

Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie schuf im Jahr 2000 neue Regelungen für den Gewässerschutz und die Wasserwirtschaft in Europa. Ziel ist es, dass möglichst viele Fließgewässer, Seen und das Grundwasser innerhalb eines Vierteljahrhunderts einen guten Zustand erreichen. Fischen und wirbellosen Kleinlebewesen soll die ungehinderte Wanderung stromauf und stromab zwischen ihren typischen Nahrungs-, Laich- und Rückzugslebensräumen ermöglicht werden. (dpa)

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