Wegen Corona ist keine Ausstellung mehr sicher

Kulturbetrieb in Pandemie:Abgesagte, verschobene, verkürzte Schauen treffen Museen und Besucher - Aber nicht überall zur gleichen Zeit

BADEN-BADEN/BERLIN
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Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden werden die Werke »Portrait Ljudmila Burljuk« (links) und »Mädchen mit gelben Tuch« von Wladimir Burljuk gezeigt. Erst sollten die russischen Impressionisten in Potsdam vorgestellt werden, dann in Baden-Baden. Foto: Uli Deck/dpa
Foto: Uli Deck
Die russischen Impressionisten hat es gleich zwei Mal getroffen. Erst sollten sie in Potsdam vorgestellt werden, dann in Baden-Baden. In beiden Fällen wurde zunächst nichts daraus. »Alles war vorbereitet, alles war perfekt - und dann kam der Lockdown«, bedauert Kuratorin Alla Chilova.

Kurz bevor erstmals in Deutschland die russische Variante dieser Kunstrichtung ins rechte Licht gerückt werden sollte, machte Corona einen Strich durch die Rechnung - und Gemälde von Natalja Gontscharowa, Michail Larionow, Kasimir Malewitsch, Konstantin Nicolas Tarkhoff, Stanislaw Shukowski, Valentin Serow, Ilja Repin, Igor Grabar oder Alexei von Jawlensky wurden zu verborgenen Schätzen.

Porträts und zarte Interieurs

Die farbenfrohen Landschaften, Babuschkas, Porträts und zarten Interieurs werden nun erst nach Ostern irgendwann im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen sein. Und ab 28. August im zweiten Anlauf im Museum Barberini in Potsdam. Abgesagt, verschoben, verkürzt: Wie dem »Impressionismus in Russland« - einer Kooperation der beiden Museen mit der Moskauer Tretjakow-Galerie - geht es bundesweit vielen Vorhaben wegen Corona.

So musste die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe die seit Herbst laufende Schau zum Rokoko-Künstler François Boucher erneut schließen - nach gerade zwei Wochen Öffnung. Immerhin konnte sie bis zum 30. Mai verlängert werden. »Es besteht also noch Hoffnung, dass ein Besuch der Boucher-Schau zu einem späteren Zeitpunkt möglich ist - sofern die Inzidenzwerte eine erneute Öffnung zulassen«, sagt Direktorin Pia Müller-Tamm.

Mit drei Monaten Verspätung ging in der vergangenen Woche die erste Einzelausstellung im Osten Deutschlands zum Fotografen Andreas Gursky in seiner Heimatstadt Leipzig an den Start.

Wie groß die Sehnsucht der Menschen nach Kunst und Kultur ist, zeigt das Beispiel München. Die Museen waren hier zumindest in der vergangenen Woche noch geöffnet, weil der Inzidenzwert unter 100 lag. Tickets waren vor allem an den Wochenenden ausgebucht. »Die Leute sind hungrig nach Ausstellungen«, heißt es aus dem Lenbachhaus.

»Unsere Gäste und wir wollen die Begegnung mit Kunst ermöglichen, die Politik hat uns glücklicherweise dabei unterstützt, obgleich in der Tat die Prozedur und die Regularien kompliziert sind«, sagt Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Dazu gehören die Pinakotheken in München und Zweigstellen in ganz Bayern. Auch Maaz hat das ganze Jahr manövrieren müssen - wegen Hygienekonzepten, Ausstellungsverlängerungen, Verschiebungen und Absagen. Er hofft, dass die Inzidenzen unten bleiben - und auf die Umsicht der Bevölkerung.

Trotz Corona-Unsicherheit war in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die Schau »>Jeder Mensch ist ein Künstler

Bundesweite Zahlen zu den von der Pandemie betroffenen Ausstellungen gibt es nicht. Doch der Präsident des Deutschen Museumsbunds, Eckart Köhne, betont: »Die Einnahmen fehlen überall.« Vor allem Museen, die einen Großteil ihrer Einnahmen selbst erwirtschaften müssen, geraten ihm zufolge in wirtschaftliche Probleme. Köhne ist auch Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe. Das hat allein im vergangenen Jahr wegen Corona 600 000 Euro weniger eingenommen als geplant; es fehlten Einnahmen aus dem Ticketverkauf und Museumsshop, den Raumvermietungen und Events.

Für Corona gibt es keine Ausfallversicherung. »Wir sind wie alle anderen auf staatliche Hilfen angewiesen« sagt Henning Schaper, Direktor des privaten Museums Frieder Burda. Dessen Corona-Ausfälle liegen »im sechsstelligen Bereich«. Bereits im Herbst musste die Präsentation zum Schwarz-Maler Pierre Soulages nach zwei Wochen geschlossen werden. Nur 4000 Besucher sahen sie. Gerechnet hatte das Museum mit 45 000 Besuchern. Es fehlen Eintrittsgelder, zugleich schlagen hohe Transportkosten und Versicherungen für Leihgaben negativ zu Buche. Bei der Impressionisten-Schau muss das Museum allein für die Versicherung »einen höheren dreistelligen Millionen-Betrag« aufbringen.

Das Museum ist zwar dank seines Stifters Frieder Burda finanziell gut ausgestattet. Aber, so betont Schaper: »Natürlich müssen auch wir unser Ausgabenverhalten an die veränderte Einnahmesituation anpassen.« Die kostspielige Ausstellung »Margaret und Christine Wertheim: The Institute for Figuring« wird auf nächstes Jahr verschoben.

»Wir sind nach den neuerlichen Schließungen natürlich sehr traurig, dass wir es nicht geschafft haben, dauerhaft zu öffnen«, sagt Museumsbund-Chef Köhne. Er hofft, dass dies durch Impfen und Testen bald wieder möglich ist. Bis dahin werden viele Ausstellungen in die virtuelle Welt verlegt. Das hat einen Vorteil: Schön leer ist's und kostenlos.

b»Impressionismus in Russland«: bis 15. August 2021 im Museum Frieder Burda Baden-Baden; vom28. August 2021 bis 9. Januar 2022 im Museum Barberini Potsdam»François Boucher. Künstler des Rokoko« in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, bis 30. Mai verlängert Andreas Gursky im Museum der bildenden Künste in Leipzig, bis22. August 2021»Jeder Mensch ist ein Künstler.« - Kosmopolitische Übungen mit Joseph Beuys«, bis 15. August 2021.

Hintergrund: Ausstellungen in Berlin über den belgischen Symbolismus, die Germanen und Picasso

Berlins Staatliche Museen locken jenseits von Corona jährlich 4,2 Millionen Menschen an. Noch haben sie keine Sonderausstellung absagen müssen. Doch es gab weniger Öffnungstage. So wurden »Dekadenz und dunkle Träume« zum belgischen Symbolismus in der Alten Nationalgalerie oder die archäologische Bestandsaufnahme »Germanen« in der James-Simon-Galerie nach nur sechs Wochen wieder dicht gemacht. Verschieben ist nicht immer eine Option. Zumal wenn wichtige Leihgaben zurück müssen. Eine zweite Chance bekommt die Ausstellung »Picasso & Les Femmes d'Alger« im Museum Berggruen. Nachdem der erste Lockdown im vergangenen Jahr die Eröffnung verhinderte, wurde die Ausstellung auf dieses Jahr geschoben. (dpa)

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